Trauerrede für den verstorbenen Präsidenten des Internationalen Sachsenhausenkomitees, Pierre Gouffault, Paris, den 25. Februar 2010


TRAUERREDE FÜR

 

PIERRE GOUFFAULT

PRÄSIDENT DES INTERNATIONALEN SACHSENHAUSEN KOMITEES

 

PARIS

25. FEBRUAR 2010

 

PROF. DR. GÜNTER MORSCH

 

Sehr geehrte Frau Gouffault, liebe Lulu,

sehr geehrte Überlebende des Konzentrationslagers Sachsenhausen und anderer nationalsozialistischer Haft- und Folterstätten,

sehr geehrte Angehörige und Freunde von Pierre Gouffault,

meine Damen und Herren,

 

die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten trauert um den Präsidenten des Internationalen Sachsenhausen Komitees, den langjährigen Generalsekretär der französischen „Amicale d’Oranienburg-Sachsenhausen et ses kommandos“ und das Mitglied im internationalen Häftlingsbeirat Pierre Gouffault. Die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Stiftung und insbesondere der Gedenkstätte Sachsenhausen beklagen den unersetzbaren Verlust eines stets besonders engagierten, verlässlichen, solidarischen und kämpferischen Streiters für den Erhalt der Erinnerung und des Gedenkens an die Opfer des Konzentrationslagers Sachsenhausen. Gemeinsam mit vielen anderen Menschen, die Pierre Gouffault persönlich näher kennen lernen durften, denke ich mit großem Schmerz aber auch mit großer Dankbarkeit an einen ebenso warmherzigen, lebensfrohen, entgegenkommenden, großzügigen,  wie aufmerksamen und nachdenklichen Menschen, der uns, die wir auch als nachgeborene Deutsche in der Verantwortung für die Verbrechen des NS-Regimes stehen, nicht nur privat, sondern auch öffentlich als Freunde bezeichnet hat.

 

Die jährlich und mit großem Aufwand organisierten Pilgerfahrten der französischen Überlebenden sowie ihrer Anverwandten und Freunde zu den authentischen Orten der Verbrechen waren schon seit den fünfziger Jahren einer der wichtigsten Lebensinhalte von Pierre und Lulu Gouffault. Es ist nicht übertrieben, wenn wir heute rückblickend feststellen können, dass erst diese von  DDR-Verantwortlichen zumindest in den Anfangsjahren mit großer Sorge misstrauisch begleiteten, mehrtägigen Besuche der französischen Delegation, der geschichtslosen Verwüstung und militärischen Zweckentfremdung des ehemaligen Häftlingslagers Einhalt geboten. So wenig auch die Zerstörung der authentischen Relikte durch das Militär und durch die Gedenkstättenarchitekten übrig ließ, so betrachteten die meisten Überlebenden, und sicherlich auch der Generalsekretär der französischen Amicale, die Errichtung der Nationalen Mahn- und Gedenkstätte 1961 ein Stück weit doch auch als ein Ergebnis ihres Kampfes um die Erhaltung der Erinnerung.

 

Deshalb kann man durchaus verstehen, dass viele Überlebende die teilweise unbedachten und wenig sensiblen ersten Schritte zur Transformation der Nationalen Mahn- und Gedenkstätten unmittelbar nach der deutschen Einheit mit großer Sorge erfüllten. In seiner Rede vor dem brandenburgischen Landtag aus Anlass des zehnjährigen Bestehens der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten 2003 erinnerte Pierre Gouffault an diese nicht nur für ihn schwierige Umbruchsphase mit folgenden Worten: „Anders sah es 1989/90 aus, als die geopolitische Konjunktur, die letztlich zum Verschwinden der innerdeutschen Grenze geführt hat, uns, die Überlebenden des Nazi-Regimes, sehr besorgt stimmte. ‚Was wird aus Sachsenhausen?’ fragten wir uns mit großer Beunruhigung. ‚Was wird aus der seit 1961 bestehenden und für uns zu einem wichtigen Ort gewordenen Mahn- und Gedenkstätte?’“

 

Es war daher nicht selbstverständlich, dass das Internationale Sachsenhausen Komitee im Januar 1993 den Entschluss fasste, einen Delegierten in den internationalen Häftlingsbeirat der soeben gegründeten Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten zu entsenden, in der die vormaligen Nationalen Mahn- und Gedenkstätten der DDR, in der Stadt Brandenburg, in Ravensbrück und in Sachsenhausen, organisatorisch zusammengefasst werden. Dieser Repräsentant, der das Vertrauen aller seiner Kameraden aus den vielen Ländern Europas besaß, um auch in dieser problematischen Phase der unumgänglichen Neukonzeption und Neugestaltung der ehemaligen DDR-Gedenkstätten die Wünsche und Forderungen der Überlebenden zu vertreten, war der Generalsekretär der französischen Amicale.  Mindestens zweimal im Jahr reiste Pierre Gouffault zusammen mit seiner Frau Lulu daraufhin zu den sich über viele Stunden, gelegentlich sogar über zwei Tage hinziehenden, zugleich anregenden wie anstrengenden Beratungen des Internationalen Häftlingsbeirates. Trotz  seines zunehmenden Alters hat Pierre Gouffault in den  folgenden sechzehn Jahren, wenn ich mich richtig erinnere, keine Sitzung versäumt. Erst seine im letzten Jahr ausgebrochene Krankheit hinderte ihn daran, den Einladungen nach Oranienburg zu folgen. Wie kaum ein anderer hat daher Pierre Gouffault, der auch nach seiner Wahl zum Präsidenten des Internationalen Sachsenhausen Komitees 2002 im Häftlingsbeirat der Stiftung verblieb, den sich in diesen Jahren vollziehenden, in seinem Umfang und in seiner Bedeutung kaum zu überschätzenden Transformationsprozess durch seinen Rat, sein Urteil, seine Vorschläge und seine Ideen in ganz entscheidendem Umfang mit bestimmt und mit gestaltet.

 

Es ist zu kurz gegriffen, wenn man den auf die deutsche Einheit folgenden einschneidenden Veränderungsprozess, dem die ehemaligen Nationalen Mahn- und Gedenkstätten der DDR unterlagen, nur auf die unumgänglichen Folgen reduziert, die sich aus dem politischen Wandel der Systeme ergaben, also von der Diktatur und dem von ihr instrumentalisierten Antifaschismus zur Demokratie und der dieser Regierungsform adäquaten pluralistischen, offenen und diskursiven Erinnerungskultur. Es ging um viel mehr, nämlich darum, die Folgen des  sich vor der Jahrtausendwende abzeichnenden Endes der so genannten kommunikativen, d. h. maßgeblich durch die Zeitzeugen geprägten Erinnerungskultur für die Gedenkstätten rechtzeitig zu bedenken, um ihre Existenz und ihre gesellschaftliche Relevanz auf lange Sicht zu sichern. Daher wird dieser Wandel, der inzwischen die meisten NS-Gedenkstätten nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa und gerade auch in Frankreich erfasst hat, nicht zu unrecht mit einem Paradigmenwechsel verglichen. Er umfasst alle Tätigkeitsbereiche der sich als moderne zeithistorische Museen mit besonderen Aufgaben verstehenden Gedenkstätten: die historische Forschung ebenso wie die Pädagogik, die Sammlung und Dokumentation der materiellen Überlieferung ebenso wie die Restaurierung der baulichen Relikte, die Museen und Ausstellungen ebenso wie die Publikationen und Bildungsveranstaltungen. Aber auch das Gedenken an die Opfer sowie die humanitäre Betreuung der Überlebenden und ihrer Familien, sie werden durch diesen Wandel nicht etwa reduziert oder gar überflüssig, sondern sie verändern lediglich ihre Formen.

 

Wir sind sehr froh darüber, dass wir diesen Transformationsprozess, der die Gedenkstätten für immer neue Generationen von Besucherinnen und Besuchern interessant und anziehend machen soll, noch gemeinsam mit den überlebenden Zeitzeugen konzipieren, einleiten und, was Sachsenhausen anbetrifft, größtenteils realisieren konnten. Pierre Gouffault war sich der kaum zu überschätzenden Bedeutung dieses Dialoges zwischen den an die Zukunft der Erinnerungskultur denkenden Repräsentanten und Experten der Gedenkstätten einerseits und den aus der eigenen authentischen, nicht zu übertragenden Erfahrung ihres Widerstandskampfes und ihrer KZ-Haft schöpfenden Zeitzeugen andererseits sehr bewusst. Das wichtigste Forum dieses Dialogs war und ist in dieser Zeit des Übergangs der internationale Häftlingsbeirat, dessen Bedeutung deshalb der Präsident des Internationalen Sachsenhausen Komitees in mehreren seiner Reden und Äußerungen gewürdigt hat. Lassen Sie mich bitte eine längere Passage daraus vortragen: „Viel wurde damals“ – gemeint sind die Anfänge der Stiftung 1993 – „gesagt und geschrieben…Doch damals wurde es uns klar, dass wir uns intensiver damit beschäftigen mussten, was unsere Geschichte für eine Bedeutung hatte, von welchem Nutzen sie sein konnte; mit anderen Worten, welche pädagogische Aufgabe sie zu spielen hatte….Ebenfalls um so fruchtbarer sind mit der Zeit die Kontakte geworden, die wir, die ehemaligen Häftlinge untereinander pflegten: nicht nur unter uns, den ehemaligen Deportierten und Internierten aus 18 Ländern, insbesondere den Vertretern im Beirat aus Russland, Frankreich, Deutschland und Polen, sondern auch mit unseren Freunden vom Zentralrat der Juden in Deutschland, mit unseren Freunden vom Zentralrat der Sinti und Roma, mit unseren Freundinnen aus dem KZ Ravensbrück und unserem Freund, der die Gefangenen des Zuchthauses Brandenburg vertritt.“ Dank dieser vielfältigen Zusammenarbeit konnten, so schließt Pierre Gouffault seine Würdigung ab, die Sitzungen „im Häftlingsbeirat in einem Klima größten Vertrauens stattfinden.“

 

Denjenigen aber, die den Einfluss des Internationalen Beirates als zu gering kritisierten, hielt er in seiner letzten Rede auf einer zentralen Veranstaltung zum Jahrestag der Befreiung am 20. April 2008 entgegen: Seit 15 Jahren, so Gouffault, tragen der Direktor und die Mitarbeiter der Gedenkstätte und der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten zu der Sanierung der Erinnerungsorte bei. „Welch spektakuläre Veränderungen, welch beeindruckende Realisierungen seit der Vorstellung des Gesamtkonzepts, dem – das möchte ich an dieser Stelle nicht unerwähnt lassen – das Internationale Sachsenhausen Komitee von Anfang an einstimmig zustimmte.“

 

So sehr Pierre Gouffault die Notwendigkeit der Veränderung in den Gedenkstätten anerkannte, so sehr er selbst daran mitwirkte und sich engagierte, so klar und unverrückbar aber waren die von ihm  gesetzten Leitlinien und Prinzipien zukünftiger Erinnerung, denen er kontinuierlich und konsequent folgte. In allen seinen vielen Reden und öffentlichen Äußerungen ist er immer wieder darauf in unterschiedlicher Weise zu sprechen gekommen, ob in der Form von politischen Forderungen, von geschichtsphilosophischen Betrachtungen oder von Erzählungen, in denen er persönliche Erfahrungen seiner KZ-Haft versuchte, zu veranschaulichen. In der von ihm in Prag 2007(?) unterzeichneten Erklärung der Überlebenden des KZ Sachsenhausen sowie in dem am Tag der Opfer des Nationalsozialismus 2009 von ihm gemeinsam mit weiteren 16(?) Präsidenten der Internationalen Häftlingskomitees entworfenen und unterzeichneten Berliner Vermächtnis sind ein Großteil dieser seiner Leitlinien einer zukünftigen Erinnerungskultur in Europa enthalten. Kurz  vor der Übergabe dieser außerordentlich bedeutsamen Erklärung an den deutschen Bundespräsidenten sowie an den Präsidenten des deutschen Bundestages hat Pierre Gouffault die Aussagen dieses Vermächtnisses der KZ-Überlebenden mit seinen eigenen Worten in einer Pressekonferenz am Brandenburger Tor folgendermaßen zusammengefasst: „Das Vermächtnis, das wir heute übergeben, ist auch das Vermächtnis des europäischen Widerstands. Zunächst in Deutschland und dann in allen europäischen Staaten, in denen die Nationalsozialisten die Bevölkerung unterdrückten, gab es nicht nur Kollaboration -…-, sondern es gab auch Tausende von Menschen die die Herrschaft der Nationalsozialisten zu stürzen versuchten…In ihren Museen und auch in ihrer pädagogischen Arbeit müssen die Gedenkstätten auch in Zukunft den Widerstand würdigen. In den vergangen Jahren“, so fährt Gouffault fort, „sind die Gedenkstätten in Brandenburg…in großem Umfang saniert und neu gestaltet worden. Auch wenn noch viel zu tun bleibt, so sind wir der Bundesrepublik Deutschland und vor allem der Brandenburger Gedenkstättenstiftung dafür sehr dankbar, zumal wir, die ehemaligen Häftlinge darüber mit entscheiden konnten. Wir wollen, dass auch in der Zukunft über diese internationalen Orte nicht nur deutsche Politiker, sondern Menschen aus allen Ländern Europas mitbestimmen. Zum Schluss“, damit endet die Erklärung des Präsidenten, „möchte  ich ihnen meine große Sorge mitteilen: Auch in Zukunft darf es an allen Orten zweifacher Vergangenheit keine Vermischung der historischen Phasen geben. Ursachen und Wirkungen müssen klar benannt und die Unterschiede deutlich gemacht werden, auch wenn wir anerkennen, dass nach 1945 neues Leid und neues Unrecht geschehen ist. Wir werden aber nie akzeptieren, dass diese Phasen bei der Darstellung der Geschichte vor und nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges miteinander vermischt werden.“

 

 

Pierre Gouffault hat in den vergangenen 16 Jahren, in denen ich ihn als überlebenden Zeitzeugen, als Generalsekretär der französischen Amicale und als Präsident des Internationalen Sachsenhausen Komitees kennen lernen durfte, außerordentlich viel durch die von ihm ausgehende Überzeugungskraft sowie durch seine Beharrlichkeit und Hartnäckigkeit, in der er auch unbequem sein konnte, für die Erinnerung und das Gedenken im Allgemeinen und die Gedenkstätte Sachsenhausen im Besonderen erreicht. Dabei scheute er nicht davor zurück, Politiker und andere Verantwortliche öffentlich zu kritisieren und riskierte bewusst ihren Unmut. Doch davon ließ sich der französische Widerstandskämpfer natürlich nicht beeindrucken, sondern er fand immer wieder deutliche Worte, in denen er z. B. die ungenügende finanzielle Unterstützung der Gedenkstätten, den zunehmenden Einfluss der Politiker auf die inhaltlichen Entscheidungen der Stiftung oder einige seines Erachtens problematische Äußerungen zur Erinnerungskultur anprangerte. Als einem warmherzigen Menschen, der am liebsten Einigkeit und Kompromiss im persönlichen Gespräch suchte, ist ihm das nicht leicht gefallen.

 

Unvergesslich ist uns allen in diesem Zusammenhang sicherlich seine letzte große Rede, die er persönlich am 20. April vorigen Jahres am Gedenkstein des ehemaligen Außenlagers Klinkerwerk hielt. Dabei sprach er nicht nur als Präsident, sondern auch als ein Überlebender dieses zeitweise als Todeslager von Sachsenhausen bezeichneten Arbeitskommandos. In deutlichen, ja scharfen Worten äußerte Gouffault seinen Zorn und seine Enttäuschung darüber, dass immer noch der seit mehr als zehn Jahren geplante Geschichtspark Klinkerwerk bisher nicht in Angriff genommen wurde. Ich weiß, wie schwer Pierre Gouffault diese Kritik fiel, wie er um jedes Wort in seiner Rede gerungen hat. Aber er fühlte sich schließlich im Andenken an die vielen Opfer eines der schrecklichsten aller Außenlager von Sachsenhausen verpflichtet, die Verantwortlichen der Stadt Oranienburg und des Landes Brandenburg zu mahnen. Diese Rede Gouffaults hat über mehrere Monate in der Stadt und im Land für große Unruhe gesorgt. Umso trauriger sind wir darüber,  dass er nicht mehr erleben kann, dass seine Worte nicht ohne Wirkung blieben. Wenn wir fast genau ein Jahr nach seiner Rede, während der kommenden Veranstaltungen zum 65. Jahrestag der Befreiung, die Grundlagen für die ersten Realisierungsschritte zum Aufbau eines Geschichtsparks Klinkerwerk gemeinsam legen werden, dann werden wir ihn schmerzlich vermissen

 

Zum Schluss meiner Ansprache will ich ein Thema berühren, worüber es mir gerade heute natürlich besonders schwer fällt zu reden: mein, unser persönliches Verhältnis, das Pierre Gouffault wiederholt und auch öffentlich mit dem Begriff der Freundschaft charakterisiert hat. Es ist richtig, in den vielen Jahren engster und vertrauensvoller Zusammenarbeit ist eine menschliche Zuneigung entstanden, ein Zusammengehörigkeitsgefühl, in das ich unbedingt Lulu mit einbeziehen will. Aus dieser Beziehung, auf deren Verlässlichkeit auch die Stiftung und die Gedenkstätte im wörtlichen Sinne bauen konnten, bezogen wir Kraft und Unabhängigkeit, gerade dann, wenn Konflikte mit politisch Verantwortlichen und Mächtigen unausweichlich waren. In den letzten Jahren wurde der politische Druck, der von verschiedener Seite auf die Stiftung im Allgemeinen und auf den Direktor im Besonderen ausgeübt wurde, immer stärker. Was hätte ich in diesen Konfliktsituationen ohne den verlässlichen Rückhalt unserer Freundschaft und den klugen, Lebens erfahrenen Rat von Pierre und Lulu Gouffault getan? Dafür bin ich Beiden sehr dankbar.

 

Dabei bin ich mir aber durchaus bewusst, wie sehr gerade auch die menschliche Beziehung zwischen uns durch die Erlebnisse und Erfahrungen des ehemaligen KZ-Häftlings von Sachsenhausen und Heinkel sowie ihrer psychischen Bewältigung durch den Überlebenden geprägt waren. Denn die allgemeine und uneigennützige(altruistische) Menschenfreundlichkeit, die Pierre Gouffault ausstrahlte, und die zwischenmenschlichen Begegnungen durchdrang, ist eine Charaktereigenschaft, die viele Überlebende der Konzentrationslager in besonderem Maße prägt. Viele ehemalige Häftlinge der Konzentrations- und Vernichtungslager, wie z. B. Primo Levi, Jorge Semprun oder Imre Kertesz, haben darüber geschrieben; Psychologen prägten dafür den Begriff des  KZ-Syndroms. Pierre Gouffault hat in vielen seiner Reden versucht, die dem Syndrom zugrunde liegende existenzielle KZ-Erfahrung zu benennen, wie etwa in seiner Rede zum 60. Jahrestag der Befreiung, am 22. April 2005, in der er ausführte: „In unserem Gedächtnis lebt das weiter, was wir im Lager vom Menschen kennen gelernt haben; das Böseste aber auch das Beste.“ In seiner Rede zur Eröffnung der Jugendbegegnungsstätte Sachsenhausen schließlich, die als Haus Szypiorski in der ehemaligen Dienstvilla des KZ-Inspekteurs Theodor Eicke eingeweiht wurde, geht er erneut auf das ein, was er als den „Geist von Sachsenhausen“ bezeichnet: „Welcher Triumph“, so heißt es dort, „für das, was wir in Sachsenhausen in dem Menschen“ (dem ehemaligen Häftling von Sachsenhausen und polnischen Schriftsteller)“ Andrzej Szczypiorski an Besserem gekannt haben über das, was wir an Schlimmen in dem Menschen Theodor Eicke gekannt haben! Das Haus Szczypiorski im Vergleich zur Villa Eicke, das ist der Mensch, der gegen die Bestie steht, das ist die materielle und moralische Solidarität, die gegen das SS-System der Vernichtung des Menschen und der Kultur steht.“

 

Diese anthropologische Grunderfahrung menschlichen Wesens, die in der Extremsituation des Konzentrationslagers die meisten Überlebenden für das ganze nachfolgende Leben prägte,  war auch im zwischenmenschlichen Verhältnis zu Pierre Gouffault bestimmend. „Ich weiß seitdem“, so fasst er es knapp aber treffend in seiner Rede am 11. Juni 2006 zur Einweihung der Massengräber am Industriehof zusammen, „ich weiß seitdem, dass ein Mensch erst weiß, wer er ist, wenn er eine solche Probe durchgemacht hat.“ Pierre Gouffault hat bis zuletzt versucht das, was er als den „Geist von Sachsenhausen“ verstand, durch seine Persönlichkeit und sein Beispiel in die Gesellschaft hinein ausstrahlen zu lassen. Es ist dieser Geist von Sachsenhausen, der auch die unbeschreibliche Atmosphäre bei den Treffen der französischen Amicale und vor allem während der jährlichen Pélérinages so unverwechselbar und einzigartig prägt und wo sich jeder Teilnehmer als Mensch in einer ansonsten kaum anzutreffenden Weise aufgehoben und akzeptiert fühlt. Er ist es auch, an den der ansonsten nicht gläubige Pierre Gouffault bis zum Ende seines Lebens fest glaubte, wie folgendes Zitat aus der eben genannten Rede belegten soll, die ich zum Schluss zitieren möchte: „Am Tag unserer Befreiung haben wir uns geschworen, eine neue Welt des Friedens, der Freiheit und der Brüderlichkeit aufzubauen. Mit meinem unbeugsamen Optimismus glaube ich noch immer daran. Ich glaube noch immer an den Menschen. Meine Hoffnung ruht daher auf den jungen Generationen, denen ich vertraue, dass sie unser testamentarisches Vermächtnis respektieren, das wir ihnen vermittelt haben.“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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