Opfer der Endphase der KZ Sachsenhausen. Rede zum 27. Januar 2015

GEDENKTAG FÜR DIE OPFER DES NATIONALSOZIALISMUS
27. JANUAR 2015
PROF. DR. GÜNTER MORSCH
Sehr geehrte Überlebende der Lager und Opfer des Nationalsozialismus
Sehr geehrte Frau Präsidentin des Landtages von Brandenburg,
sehr geehrter Herr Vizepräsident des Berliner Abgeordnetenhauses,
Sehr geehrte Mitglieder der Landesregierung,
Herr Bürgermeister,
sehr geehrter Herr Raacke,
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
Im Namen der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten sowie der Gedenkstätte und dem Museum Sachsenhausen begrüße ich Sie alle ganz herzlich zu unserer heutigen Gedenkveranstaltung. Am 27. Januar 1945, vor genau 70 Jahren, wurden die wenigen im Lager noch verbliebenen Häftlinge des KZ Auschwitz von den Truppen der Roten Armee befreit. Zu Recht gilt Auschwitz heute immer noch weltweit als Symbol und Chiffre unvergleichlicher Menschheitsverbrechen. 1996 hat der damalige Bundespräsident Roman Herzog auf Anregung des unvergessenen Präsidenten des Zentralrates der Juden in Deutschland, Ignatz Bubis, diesen Jahrestag zum Gedenktag für alle Opfer des Nationalsozialismus erklärt. Inzwischen wird der Gedenktag nach einem Beschluss der Vollversammlung der Vereinten Nationen in der ganzen Welt begangen. In Brandenburg richten die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten und der Landtag den Tag der Opfer des Nationalsozialismus gemeinsam am authentischen Ort zahlreicher NS-Verbrechen aus, dort wo sich die zentrale Verwaltung des KZ-Terrors befand und dort, wo zwischen 1936 und 1945 zehntausende KZ-Häftlinge aus über vierzig Ländern der Welt in der Folge geplanter Massenmordaktionen oder an den tödlichen Lebens- und Arbeitsbedingungen verstarben, in der Gedenkstätte und dem Museum Sachsenhausen. Dafür sind wir Ihnen, sehr geehrter Frau Präsidentin, dem Präsidium sowie allen Fraktionen des Brandenburgischen Landtages sehr dankbar.

Wir freuen uns sehr, auch in diesem Jahr wieder die in großer Zahl anwesenden Abgeordneten des Brandenburgischen Landtages sowie des Berliner Abgeordnetenhauses begrüßen zu dürfen. Ich begrüße ferner die Mitglieder der Brandenburgischen Landesregierung und die Vertreter des Berliner Senats. Ich begrüße den Ersten Beigeordneten des Kreises Oberhavel, die Mitglieder des Kreistages sowie der Stadtverordnetenversammlung von Oranienburg. Ganz besonders freuen wir uns darüber, dass erneut viele Angehörige und Repräsentanten ausländischer Botschaften und Mitglieder des diplomatischen Korps an unserer Gedenkveranstaltung teilnehmen. Ich danke außerdem allen Vertretern der Parteien und Gewerkschaften, der Kirchen sowie jüdischen Gemeinden, den Vertretern von Hochschulen und Schulen sowie von Verbänden und Vereinen, und auch den Mitgliedern der Gremien der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten für ihre stete Beteiligung an unserer Gedenkveranstaltungen, zu der viele von ihnen Kränze nieder legen werden. Außerdem möchte ich ausdrücklich auch alle Schülerinnen und Schüler begrüßen, über deren Anwesenheit wir uns immer ganz besonders freuen.

Im April 1945 fuhren zum wiederholten Mal Delegierte des Internationalen Roten Kreuzes unter großen Gefahren in die Reichshauptstadt Berlin, um in direkten persönlichen Gesprächen mit Himmler sowie den beiden mächtigen Chefs des Reichsicherheitshauptamtes Kaltenbrunner und Gestapo-Müller das Massenmorden aufzuhalten. Denn die Spirale der Gewalt und des Terrors drehte sich, je näher das Ende des „Dritten Reiches“ rückte, immer schneller und riss immer mehr Menschen mit sich in den Tod. Die hohen Herren der Nazi-Führung befanden sich aber bereits im Aufbruch; sie packten in ihren Zehlendorfer Villen hastig Kisten und Koffer für ihre Flucht und hatten deshalb für Gespräche kaum Zeit. Sie verwiesen die Schweizer Delegierten an die SS-Offiziere der KZ-Inspektion und die Kommandanten von Sachsenhausen und Ravensbrück. Doch auch im T-Gebäude von Oranienburg, der Verwaltungszentrale des KZ-Terrors und im Hauptlager trafen sie keinen der maßgeblichen KZ-Verantwortlichen mehr an. So folgten sie der Spur der Todesmärsche, erkennbar an den erschossenen Häftlingen, die links und rechts den Weg der Kolonnen säumten.
In der Kommandantur des KZ Ravensbrück schließlich trafen sie mit den beiden KZ-Kommandanten Kaindl und Suhren zusammen. Die offenen Drohungen der Rot-Kreuz-Delegierten, dass die beiden Kommandanten von den nur noch wenige Kilometer entfernten Soldaten der Roten Armee wegen der fortdauernden Morde zur Rechenschaft gezogen würden, fruchteten nichts. Achselzuckend entgegnete Kaindl, der Kommandant von Sachsenhausen, man solle nicht so viel „Lärm“ um die toten Häftlinge machen, sondern sich besser um die vielen Opfer der alliierten „Terrorangriffe“ auf Dresden kümmern. Noch während sie Tausende töteten, prägten die nationalsozialistischen Massenmörder eine selbst heute nicht selten benutzte Relativierungsideologie.

Was die Schweizer Delegierten jedoch am wenigsten begreifen konnten, ist auch für uns Nachgeborene mit der einfachen Logik des Verstandes kaum zu fassen: Obwohl die nationalsozialistischen Massenmörder nur noch wenige Tage oder Stunden vor ihrer bereits sicheren Gefangennahme oder ihrem eigenen Tod durch gegnerischen Soldaten trennten, erlahmte ihre Mordwut nicht etwa, sondern steigerte sich noch. Oder sollte man besser sagen, nicht obwohl, sondern gerade weil?

Der britische Historiker Ian Kershaw spricht davon, dass das NS-Regime am Ende seiner Herrschaft Amok lief und in einem Akt der Selbstzerstörung alle und jeden mit sich in den Untergang reißen wollte. Mir kommt dagegen der wohl von Richard Wagner stammende Aphorismus in den Sinn, „Deutsch sein, heißt, eine Sache um ihrer selbst zu tun“. Auch Hitler und andere führende Nationalsozialisten benutzten oft und gern diesen Ausspruch des von ihnen bewunderten deutschen Komponisten. Die Lebensvernichtung von Abermillionen Menschen, von Juden, Sinti und Roma, Slawen, Kranken, Arbeitsunfähigen und allen anderen sogenannten Untermenschen, war für das „Dritte Reich“ in erster Linie Programm und Selbstzweck und erst in zweiter Linie instrumentell motiviert. Das vor allem und weniger die kalte, industrialisierte Form der Realisierung der Massenmorde in Todesfabriken begründet die Singularität seiner Verbrechen. Bis zum Schluss hielten die Nationalsozialisten quasi in einem Akt der Selbstbestätigung an ihrem umfassenden Massen- und Völkermordprogramm fest und versuchten, es soweit wie möglich zu erfüllen. Nicht aus schnödem Eigennutz oder aus materiellen Motiven, sondern aus Überzeugung habe man, so etwa hat es einmal Himmler formuliert, die Millionen Menschen gemordet.

Lebensvernichtungsprogramm und Selbstzerstörungsdrang – beide Ursachenbündel lassen sich auch in den Endzeitverbrechen der Konzentrationslager-SS finden, denen Tausende von Häftlingen in der Schlussphase des KZ Sachsenhausen zum Opfer fielen. Die Planungen dafür hatten schon im Herbst 1944 begonnen. Ursprünglich wollte die NS-Führung, wie Kommandant Kaindl und sein Adjutant Wessel von Himmler persönlich erfuhren, alle KZ-Häftlinge von Sachsenhausen, also mindestens etwa 30.-40.000, bei Annäherung der Roten Armee ermorden. Doch der Plan scheiterte an den fehlenden technischen Möglichkeiten. Deshalb verabredete man, sich auf die Liquidierung bestimmte Opfergruppen zu beschränken, vor allem auf kranke, arbeits- und gehunfähige Häftlinge, auf Juden sowie auf solche Opfer, die die SS für besonders gefährlich hielt. Zur Durchführung der Massenmorde forderte der Kommandant eigens ein „Spezialistenteam“ aus Auschwitz unter Leitung des Chefs der dortigen Krematorien an. Am 31. Januar 1945 schließlich rief Himmlers Feldkommandostelle die Alarmstufe „Scharnhorst“ aus. Das war das verabredete Codewort für die Auslösung der Massenvernichtungsaktionen. In der gleichen Nacht begannen im Oranienburger Hauptlager die Erschießungen der als gefährlich angesehenen Häftlinge. Am folgenden Tag wurde der Befehl telefonisch auch an den Chef des jüdischen Außenlagers in Lieberose weitergegeben, woraufhin die SS in einem unmittelbar danach beginnenden, zwei Tage dauernden Massaker 1.342 Juden auf grausame Weise ermordete. Genau zur selben Zeit begannen die SS-Ärzte in den Häftlingsrevieren von Sachsenhausen damit, die Kranken und Gehunfähigen zu selektieren.