Neujahrsempfang des Arbeitskreises der Berlin-Brandenburgischen Gedenkstätten 2. Februar 2017

NEUJAHRSEMPFANG DES ARBEITSKREISES DER BERLIN-BRANDENBURGISCHEN GEDENKSTÄTTEN

AM 2. FEBRUAR 2017

Prof. Dr. Günter Morsch
Sehr geehrter Herr Senator Lederer

Sehr geehrter, lieber Herr Dr. Eberhardt,

lieber Herr Gutzeit,

liebe Kolleginnen und Kollegen,

meine sehr geehrten Damen und Herren,

 

im Namen des Arbeitskreises der NS-Gedenkstätten in Berlin-Brandenburg heiße ich Sie alle zu unserem vierten Neujahrsempfang der Berlin-Brandenburgischen Gedenkstätten willkommen. Ich begrüße insbesondere die Mitglieder des Berliner Abgeordnetenhauses und des Brandenburgischen Landtages. Wir freuen uns über die Anwesenheit von Mitgliedern des diplomatischen Chors sowie von Vertretern der Opferverbände, der christlichen Kirchen jüdischen Gemeinden sowie des Zentralrats der Juden in Deutschland. Ich möchte vor allem Herrn Dr. Eberhardt sowie der „Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ meinen ganz herzlichen Dank dafür sagen, dass wir nicht nur hier bei Ihnen zu Gast sein dürfen, sondern dass sie auch diesen Empfang ausrichten. Bis zum heutigen Neujahrsempfang war die „Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur“ Gastgeber unserer kleinen Veranstaltung. Daher war es höchste Zeit, dass die Lasten und Pflichten, die die SED-Aufarbeitungsstiftung immer gerne übernommen und vortrefflich ausgefüllt hatte, einmal auf andere Schultern wechseln. Es hat meinerseits wenig Überzeugungsarbeit bedurft, um Herrn Dr. Eberhardt, der spätestens seit seiner Zeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter  im „Verein gegen Vergessen für Demokratie e. V.“ den Gedenkstätten auch persönlich verbunden ist, für die Ausrichtung unserer heutigen Veranstaltung zu gewinnen. Nochmals: ganz herzlichen Dank, Ihnen, lieber Herr Eberhard, und ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern dafür!

Der Neujahrsempfang ist für die beiden Arbeitskreise der Berlin-Brandenburgischen Gedenkstätten ein guter Anlass, um im zwanglosen Rahmen mit Kolleginnen und Kollegen sowie mit unseren Gästen hoffentlich nicht nur über die Geschichte beider Diktaturen ins Gespräch zu kommen. In beiden Arbeitskreisen arbeiten auch Verbände und Organisationen mit, die die Arbeit der Gedenkstätten begleiten und unterstützen. Diese Zusammenarbeit steht für eine Besonderheit der deutschen Erinnerungskultur, die eben nicht nur durch mehr oder weniger staatlich finanzierte Institutionen ausgestaltet wird, sondern auch durch Vertreterinnen und Vertreter der Zivilgesellschaft, insbesondere auch durch die Betroffenen. Allerdings sind letztere in den NS-Gedenkstätten, anders als in den SED-Gedenkstätten, fast ausschließlich inzwischen engagierte Bürgerinnen und Bürger sowie maximal Angehörige ehemalige Opfer des NS-Terrors. Leider gibt es nur noch vereinzelt Zeitzeugen, die die nationalsozialistische Diktatur am eigenen Leibe erleiden mussten. Die NS-Gedenkstätten haben über viele Jahre sehr eng mit den Überlebenden des NS-Terrors und des Widerstandes zusammengearbeitet. Diese Menschen, die uns, die Vertreter der Gedenkstätten, neben ihrer Erfahrung, ihrem Wissen und ihrem Rat vor allem auch ein gutes Stück weit die Kraft und die Motivation gegeben haben, um manchen nicht einfachen Kampf um die Erinnerung durchzustehen, sie fehlen uns und wir vermissen sie schmerzlich.

Dieser unersetzliche Verlust, den das Ende der Zeitzeugenschaft für uns bedeutet,  wird uns besonders jetzt vor Augen geführt. Wieder einmal mehren sich Stimmen, die die mühsam in den vergangenen 72 Jahren in vielen heftigen Kämpfen erstrittene Erinnerungskultur an die Verbrechen des „Dritten Reiches“ in Deutschland zur Disposition stellen. Dabei muss man nicht allein an solche Extremisten denken, die die NS-Gedenkstätten als Ausdruck einer Kultur der Schande denunzieren. Unter dem Verdikt der „politcial correctness“ und des sogenannten „Gutmenschentums“ verbergen sich nicht selten, grundsätzliche Bedenken, wonach Deutschland endlich seinen, wie es heißt, „Schuldkult“ aufgeben solle. Das, wie Aleida Assmann, formuliert hat „Neue Unbehagen an der Erinnerungskultur“ scheint auch in den Feuilletons selbst liberaler Zeitungen gelegentlich auf und bemäntelt sich geschickt mit ernster Sorge vor einem angeblich vor allem unter deutschen Jugendlichen um sich greifenden Überdruss an der Geschichte des Nationalsozialismus. Nun soll  hier nicht bestritten werden, dass manche Lehrerinnen und Lehrer und auch manche Medien des Guten zu viel tun. Doch unsere Erfahrungen in den Gedenkstäten sind andere: Zum einen erfreuen wir uns fast alle eines wachsenden Interesses, gerade auch junger Menschen. Das Problem der Gedenkstätten ist nicht etwa, Besucher zu mobilisieren, sondern im Gegenteil, wie wir angesichts der ständig zunehmenden, die logistischen und personellen Kapazitäten der Gedenkstätten weit überfordernden Anfragen noch eine, unseren selbst gesteckten Ansprüchen gemäße qualitativ hochwertige Bildungsarbeit realisieren können.  Da sich nun die vorliegenden Besucherzahlen nicht leugnen lassen, unterstellt der eine oder andere Kritiker, dass die Jugendlichen unter mehr oder weniger starkem Zwang die Gedenkstätten aufsuchen. Lässt sich auch dies überwiegend widerlegen, so bewerten andere das Interesse der Millionen Besucherinnen und Besucher als Ausdruck eines „dark tourism“, bei dem es den Menschen weniger um Information und Geschichtsbewusstsein als um emotionale Erlebnisse und geschichtsblinden Authentizitätskult ginge.

Es lässt sich nicht abstreiten, dass unter den Millionen Menschen, die aus aller Welt die Gedenkstätten besuchen, auch solche Motive eine Rolle spielen. Doch wer sich z. B. den in den Feuilletons viel rezensierten und überwiegend positiv besprochen Film „Austerlitz“ in ganzer Länge anschaut, der findet für die herablassende Arroganz des Regisseurs gegenüber anonymen Menschenmassen viele Belege, für die von ihm behauptete Gleichgültigkeit und Würdelosigkeit jedoch kaum. Es sei denn, man hält Besucher, die sich bei über 40 Grad Hitze im Schatten auf den offenen, der Sonne ungehindert ausgesetzten Freiflächen mit luftiger Kleidung oder sogar mit Regenschirmen schützen, per se für Kultur- und Gedenkbanausen. Bezeichnenderweise fehlen in den neunzig Minuten schwarz-weißer, durch Teleobjektive verzerrten Aufnahmen, Bilder aus den (häufig überfüllten) Ausstellungen. Dort kann die drängende, sachlich fundierte  Neugier und das überwiegend große Interesse der meisten Besucherinnen und Besucher an der Geschichte der Orte leicht in Bildern festgehalten werden, wenn der Regisseur es denn gewollt hätte.

 

Zum anderen müssen wir den angeblichen Überdruss vieler Jugendlicher an der NS-Geschichte mit dem nicht selten von unseren Pädagogen beklagten allgemeinen Rückgang der Geschichtskenntnisse in einem Zusammenhang betrachten. Repräsentative Evaluationen haben zeigen können, dass häufig ausgerechnet diejenigen Jugendlichen eine „Überfütterung“ beklagen, die die geringsten Geschichtskenntnisse haben. Trotzdem müssen wir solche Abwehrreaktionen ernst nehmen, auch wenn umfangreiche Befragungen, wie sie etwa vom „Zeit-Magazin“ oder der Friedrich-Ebert-Stiftung vorgenommen wurden, übereinstimmend ein nach wie vor vorhandenes oder sogar eher wachsendes großes Interesse an der Geschichte des Nationalsozialismus im Allgemeinen und an den Gedenkstätten im Besonderen belegen.

Der Arbeitskreis der Berlin-Brandenburgischen Gedenkstätten hat sich deshalb in den beiden vergangenen „Foren zur zeithistorischen Bildung“, auf denen Lehrkräfte und Gedenkstättenmitarbeiter in einen Austausch treten, verstärkt und intensiv mit den Fragen einer stärkeren Subjektbezogenheit historisch-politischer Bildung beschäftigt. Wie kann es gelingen zwischen der heutigen Lebenswelt von Jugendlichen einerseits und der Geschichte der Diktaturen andererseits Brücken des Interesses zu bauen? Nicht nur die Vermittlung von Gegenwartsbezügen war damit gemeint, sondern intendiert waren auch Fragen nach den Folgen für die Bildungsarbeit der Gedenkstätten, wie sie sich aus der zunehmenden Diversität und Multikulturalität unserer Gesellschaft ergeben. Beide Arbeitskreise der Berlin-Brandenburgische Gedenkstätten werden sich auch im zukünftigen „Forum für zeitgeschichtliche Bildung“, das voraussichtlich im Oktober diesen Jahres stattfinden wird, weiter damit auseinandersetzen, wie die Formen außerschulischer Pädagogik an den Gedenkstätten den  veränderten Sozial-, Kultur- und Bildungsstandards besser angepasst werden können.

 

Bei all meiner Kritik an einer sich modisch gebenden Skepsis gegenüber der Erinnerungskultur in Deutschland will ich es nicht versäumen auch auf das Gegenteil hinzuweisen. In den meisten politischen Parteien, unter den Abgeordneten von Bundestag und Landtagen, bei Ministerien und Verwaltungen finden die Gedenkstätten auch viel Unterstützung und Hilfe. Gerade vielen Politikern ist bewusst, wie wichtig die Fundierung einer historisch-politischen Bildung angesichts der in Teilen der Bevölkerung zunehmenden Demokratieskepsis und der sich in Europa und Übersee immer mehr verbreitenden nationalen Bewegungen ist. Dort, wo sich gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und nationale Hybris ausbreitet, benutzen Demagogen und Populisten gerne Versatzstücke der Geschichte und rühren sie zu einem kruden, zumeist alten Brei zusammen, um neuen Hass wachsen zu lassen. Wir konnten in den vergangenen Jahren erleben, wie aus der Erinnerung an verlorene oder gewonnene Schlachten, die hunderte von Jahren zurücklagen, nationale Überheblichkeit, Rassismus und Menschenverachtung erzeugt werden. Geschichte hat ein malignes Potential, das wie aus der Büchse der Pandora emporsteigen und menschliche Empfindungen vergiften kann. Wir, die Gedenkstätten, die an die Folgen staatlicher Gewalt erinnern und darüber informieren, können etwas dagegen tun, vielleicht sogar mehr als andere Bildungseinrichtungen. Wenn sich die Gesellschaft und die Politik aber bewusst sind, dass auch die Gedenkstätten nur ein Puzzleteil im Mosaik der historisch-politischen Bildung sind, dann brauchen auch wir, die Gedenkstätten, uns vor Überfrachtung und Überforderung nicht zu fürchten, sondern sollten auch weiterhin die Herausforderungen im Sinne von Demokratieerziehung und Menschenrechtsbildung  annehmen.

 

Ich danke Ihnen!

Zehn Jahre Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit Berlin-Schöneweide

10 Jahre Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit

Grußwort

Prof. Dr. Morsch

  1. September 2016

 Liebe Frau Dr. Glauning,

lieber Kollege Nachama,

meine sehr geehrten Damen und Herren,

Die Jahr nach der deutschen Einheit, zwischen 1990 und der Jahrtausendwende, sie können in gewisser Hinsicht auch als das Jahrzehnt der Gedenkstätten bezeichnet werden. Das wiedervereinte Deutschland, damals die Berliner Republik genannt, sah sich jedoch im In- und im Ausland einem verbreiteten Misstrauen gegenüber, das sich zu einem nicht geringen Teil aus der auch nach fünfzig Jahren vielfach noch unaufgearbeiteten Vergangenheit der nationalsozialistischen Diktatur speiste. Allen Bundesregierungen dieses Gedenkstättenjahrzehnts stand daher klar vor Augen, dass nur eine dauerhafte und tief gehende Institutionalisierung einer kritischen Erinnerungskultur in Deutschland die Vorbehalte und Befürchtungen gegenüber dem neuen Nationalstaatsgedanken auf Dauer eindämmen könnte. Diesen primär außenpolitischen Überlegungen verdanken wir es vor allem, dass die schon in den achtziger Jahren in der alten Bundesrepublik und in West-Berlin quasi „von unten“ erkämpften Gedenkstätteninitiativen sich etablieren und die historischen Orte zu einem Teil in moderne zeithistorische Museen mit besonderen humanitären und bildungspolitischen Aufgaben umwandeln konnten. Ein gutes Beispiel dafür ist die „Stiftung Topographie des Terrors“, die erst mit einer erheblichen Verspätung das von Bürgerinitiativen und Geschichtswerkstäten Ende der achtziger Jahre erkämpfte Barackenprovisorium in ein festes Gebäude mit Veranstaltungs- und Büroräumen, Bibliothek und viel Platz für Dauer- und Wechselausstellungen überführen konnte.

Im Zuge der Etablierung, Professionalisierung und Modernisierung der bundesdeutschen Erinnerungskultur weitete sich der bis dahin stark eingeschränkte Blick von Gesellschaft und  Öffentlichkeit, der primär die Opfer von Holocaust und politischem Widerstand betrachtete, auf die vergessenen und verdrängten Opfergruppen, wie Sinti und Roma oder Homosexuelle, Opfer der Wehrmachtsjustiz oder sowjetische Kriegsgefangene, aus. Und obwohl Ulrich Herbert und andere Autoren schon Mitte der achtziger Jahre die Politik und Praxis des „Ausländer-Einsatzes“ in der Kriegswirtschaft des „Dritten Reiches“ wissenschaftlich erforscht, aber auch Kunst und Medien,  wie der Ende der siebziger Jahre publizierte und 1983 vom polnischen Starregisseur Andrzej Wajda verfilmte Tatsachenroman von Rolf Hochhuth über „Eine Liebe in Deutschland“,  das Thema über den Kreis des Experten hinaus bekannt gemacht hatten, bedurfte es staatlicher Unterstützung, um eine Dokumentationsstätte auch für die zu dieser Zeit mit dem historischen Begriff der „Fremdarbeiter“ bezeichnete Opfergruppe zu schaffen.

Dabei solle bei aller Würdigung und Anerkennung der Anstrengungen und Leistungen engagierter Ehrenamtlicher aus Opferverbänden, Geschichtswerkstätten und Bürgerinitiativen, über die sicherlich Thomas Irmer noch sprechen wird, die durch ökonomische Ursachen und Erfordernisse in der globalisierten Wirtschaft erzwungene Entschädigungsinitiative von Staat und Wirtschaft nicht gering geschätzt werden. Seit der Befreiung vom Nationalsozialismus 1945 hatten die allermeisten Profiteure der Zwangsarbeit, unter ihnen fehlte kaum ein einziger großer Wirtschaftskonzern, mit dem Verweis auf angeblichen Zwang der politischen Führung der NS-Diktatur jegliche Verantwortung für die Zwangsarbeit abgestritten und Historikern den Zugang zu den Akten in ihren Betriebsarchiven versperrt. Das war nun nicht mehr möglich und in der Folge legten Staat und Wirtschaft ab dem Jahre 2000 ein etwa fünf Milliarden Euro umfassendes Entschädigungsprogramm auf, das in die „Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ überführt wurde.

Als schließlich nach mehr als zehn Jahren vorwiegend ehrenamtlichen Engagements und nach voran gegangenen Beschlüssen des Berliner Abgeordnetenhauses und des Senats 2005 ein Teil des Geländes des einzigen in Berlin noch weitgehend erhaltenen Zwangsarbeiterlagers angekauft und institutionell der „Stiftung Topographie des Terrors“ zugeordnet wurde, waren wichtige inhaltliche, gestalterische und konzeptionelle Grundsätze moderner Gedenk- und Dokumentationsstätten, wie vor allem der Umgang mit den Relikten historischer Orte, bereits anderenorts entwickelt und erprobt worden. Der internationale Beirat, der von der Stiftung Topographie des Terrors im Auftrag von Abgeordnetenhaus und Senat im August 2005 als ein Gremium von internationalen Experten berufen wurde, konnte daher nicht nur auf umfangreiche Vorarbeiten der Gedenkstätteninitiativen, Geschichtswerkstätten und des Fördervereins  sowie des Bezirksamtes und der Architekten rekurrieren, sondern auch auf die bereits vorliegenden Erfahrungen mit der Transformation authentischer Orte in zeithistorische Museen und offene Lernorte.  Trotzdem war der enorme Termindruck, unter dem im August 2005 der internationale Beirat seine Arbeit aufnahm, bemerkenswert. Die damalige Kulturstaatssekretärin Barbara Kisseler formulierte gleich zu Beginn die ehrgeizige Zeitvorgabe des Senats: noch vor der Sommerpause des Parlaments 2006, also in einem knappen Jahr, sollte die in Teilen des 1943 erbauten ehemaligen Doppellagers Nr. 75/76 eine Erinnerungs- und Dokumentationsstäte mit einer Ausstellung  sowie ein moderner Lernort entstehen. In maximal vier Sitzungen sollten, so formulierte der Direktor der „der Stiftung Topographie des Terrors“ Dr. Andreas Nachama,  seine Erwartungen, der internationale Beirat die gestalterische und inhaltliche Konzeption sowie das künftige Arbeitsprogramm der zu schaffenden Einrichtung beraten. Aus dem miteinander eng verschlungenen Bündel der Fragen, die der Beirat diskutieren und beschließen sollte, will ich einige wenige aufzählen: Welchen Teil des ehemaligen Lagers soll die künftige Einrichtung umfassen? Welche Empfehlungen werden hinsichtlich Erhalt, Rückbau und Rekonstruktion des historischen Ortes gegeben? Welche primäre Ausrichtung soll die Einrichtung haben, soll sie primär Museum, Gedenkstätte, Dokumentationszentrum oder Lernort sein? Welchen Stellenwert soll die Nachkriegsnutzung haben? Was folgt aus der bauhistorischen Untersuchung für den Umgang mit dem Ort? Soll eine Sammlung aufgebaut und folglich ein Archiv und ein Depot eingerichtet werden? Welchen Stellenwert soll die wissenschaftliche Forschung einnehmen? Welche Zielgruppen sollen angesprochen werden? Wie ist das Verhältnis zu den Nachbarn sowohl in den umliegenden Wohnhäusern als auch den Nutzern der Lagerbaracken und des Geländes zu entwickeln?

Ich könnte diese Aufzählung leicht fortsetzen, zumal selbstverständlich im Laufe der Besichtigungen des Ortes und der Debatten auch mit externen Beratern, Fachleuten und Politikern immer neue Perspektiven sich öffneten, Fragen und Probleme, Hindernisse und Sachzwänge sich auftürmten. Aus den dankenswerterweise akribisch und genau geführten Verlaufsprotokollen der drei jeweils zweitägigen Sitzungen des internationalen Beirates lassen sich m. E.  folgende zentralen Diskussionskomplexe zusammenfassen. Doch bevor ich dies tue, möchte ich die Mitglieder des internationalen Beirates, die sich diesem ungewöhnlichen Arbeits- und Termindruck unterworfen haben namentlich nennen: Gabriele Hammermann, damals stellvertretende Leiterin der KZ.-Gedenkstätte Dachau, Tanja Ronen, die das israelische Getto-Kämpfer-Museum Beit Lohamei Hagetaot vertrat, Andrea Theissen, Sprecherin des Arbeitskreises Regionalgeschichtlicher Museen Berlin, Karen Till von der Universität of Minnesota, Jacub Deka von der Stiftung Polnisch-Deutsche Aussöhnung, Thomas Jelinek vertrat den Deutsch-tschechischen Zukunftsfond und der Historiker Pavel Polian, nahm als ein Experte für die Aufarbeitung der Zwangsarbeit von Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion an den Beratungen teil. Als Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten und Leiter der Gedenkstätte Sachsenhausen hatte ich die Ehre, die Sitzungen des Beirats als Vorsitzender zu leiten. Trotz der im Beirat versammelten Fachkenntnis hätte das ehrgeizige Programm zweifellos nicht ohne die Unterstützung und den Rat zahlreicher weiterer Sachverständiger bewältigt werden können. Einige wenige will ich stellvertretend nennen: Gisela Wenzel von der Berliner Geschichtswerkstatt, Cord Pagenstecher vom Förderverein,  Thomas Lutz von der „Stiftung Topographie des Terrors“, der Historiker Helmut Bräutigam, der Bauhistoriker Axel Drieschner, die Bezirksstadträtin Eva Mendl, Rainer Klemke und Michaela Werner von der Verwaltung des Berliner Kultursenators sowie Gabriele Layer-Jung, die Vorsitzende des Fördervereins. Neben Frau Kisseler engagierten sich auch viele Berliner Politiker persönlich, indem sie  an den einzelnen Beratungen des Beirates teilnahmen, so Kultursenator Thomas Flierl, Abgeordnetenhauspräsident Walter Momper, Vizepräsident Christoph Stölzl und die Vorsitzende des Kulturausschusses Alice Ströver.

Folgende drei Schwerpunkte der Diskussionen und Fragestellungen lassen sich m. E. zusammenfassen und bündeln, auch wenn dabei die wichtigsten Sachfragen, die es zu entscheiden galt, nur angedeutet werden können:

  1. Auf der Grundlage des vom Architektenbüro Rother& Rother bereits weit entwickelten Gestaltungsentwurfs mussten Empfehlungen hinsichtlich der unterschiedlichen Nutzung der Baracken, des denkmalpflegerischen Umgangs mit den teilweise stark infolge der Nachnutzungen im Innern und Äußeren veränderten Bauten sowie den Umgebungsflächen beraten werden. Grundsätzlich begrüßte der Beirat den Entwurf des Architektenbüros, konnte ihm allerdings nicht in der Ausgestaltung verschiedener ästhetischer Elemente folgen, etwa in der vorgeschlagenen Fassadengestaltung mittel Gabionen oder einer Besucherführung mittels aufgelegter Stege. Auch über eine vom Beirat fast einstimmig empfohlene Verlegung des Eingangs des Dokumentationszentrums von der Britzer in die Köllnische Straße wurde lange beraten. Vor allem die symmetrische Anlage des ehemaligen Zwangsarbeiterlagers, dessen südlicher, in historischen, mehr oder weniger original erhaltenen Gebäuden umgenutzter Teil erfahrbar bleiben und damit eine perspektivische Erweiterung des Dokumentationszentrums erleichtern sollte, sprach aus Sicht des Beirats für einen, ggf. zusätzlichen Eingang am ehemaligen Wirtschaftsgebäude.
  2. Die Bezeichnung des neue zu schaffenden Ortes als Dokumentationszentrum ließ weitgehend offen, inwieweit neben der Information von Besucherinnen und Besuchern auch forschen, sammeln, gedenken und lernen zu seinen Zielen gehören sollten, wie es im Begriff des zeithistorischen Museums mit besonderen humanitären und bildungspolitischen Aufgaben inkludiert ist, der sich in den neunziger Jahren als Standard von modernen Gedenkstätten herausgebildet hatte. Obwohl die bewilligte Personalausstattung aus Sicht des Beirates äußerst knapp war, wollte er letztlich auf diesen umfassenden Anspruch nicht verzichten.
  3. Sehr viel schwieriger als die Aufgabenbestimmung gestaltete sich die inhaltliche Fokussierung. Sollte der neu zu schaffende Lernort hauptsächlich einen regionalen Schwerpunkt bilden oder ein nationales, vielleicht sogar europäisches Zentrum schaffen. Gerade die ausländischen Beiratsmitglieder drängten auf eine internationale Perspektive. Ähnlich verliefen die Debatten über die Fragen der Repräsentativität und Diversität der darzustellenden Opfergruppen. Dabei erwies sich der in der Entschädigungsfrage durchgesetzte, jedoch historisch schillernde und pauschalisierende Begriff der „Zwangsarbeiter“ als wenig hilfreich. Angesichts einer relativ kleinen Ausstellungsfläche von 400 Quadratmetern war es, wie der Beirat festgestellte, ein schwieriges Unterfangen, möglichst alle Gruppen von Zwangsarbeitern, von zivilen Fremdarbeitern über italienische Militärinternierte, Ostarbeiter, sowjetische Kriegsgefangene, Juden bis hin zu Häftlingen der Konzentrationslager, darzustellen. Dabei könnten, so die ergänzenden Befürchtungen des Beirates, historische Kontexte, insbesondere auch die unverzichtbare Darstellung der Verstrickung der privaten Wirtschaft in die NS-Verbrechen, angesichts des Platzmangels nicht ausreichend thematisiert werden. Der Beirat empfahl daher, den Schwerpunkt in der Dauerausstellung auf die Behandlung der zivilen Zwangsarbeit zu legen und  andere Opfergruppen lediglich im Kontext mit der Geschichte des Ortes bzw. in wechselnden Sonderausstellungen zu behandeln.

 

Die letzte Sitzung des Beirates fand am 16. und 17. Januar 2006 statt, rechtzeitig vor dem Beginn der Bauarbeiten. Die sehr intensiven Diskussionsergebnisse und umfangreichen, teilweise detaillierten  Empfehlungen des internationalen Beirates wurden danach dem Stiftungsrat der „Stiftung  Topographie des Terrors“ übergeben. Dabei fanden sie zum großen Teil Eingang in das formell beschlossene Konzept für das Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit Berlin-Schöneweide.