Gedenkstein für die katholischen Geistlichen im KZ Sachsenhausen

  1. Jahrestag der Gedenksteinlegung für die inhaftierten katholischen Geistlichen

 

  1. Oktober 2016

 

Begrüssung

 

Prof. Dr. Günter Morsch

 

 

Exzellenz, sehr geehrter Herr Erzbischof Dr. Koch,

sehr geehrter Herr Pfarrer Nehk,

sehr geehrte Frau Pruß,

sehr geehrte Vertreter der polnischen Botschaft,

liebe polnische Gäste,

meine sehr geehrten Damen und Herren,

 

Im Namen der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten sowie der Gedenkstätte und des Museums Sachsenhausen begrüße ich Sie alle ganz herzlich zu unserer heutigen Gedenkveranstaltung.

Vor zehn Jahren, am 4. November 2006, weihten die Kardinäle Georg Sterzinsky und Josef Klemp diesen außerordentlich beeindruckenden Gedenkstein ein. Er erinnert an das Schicksal von über 700 katholischen Geistlichen, die zwischen 1936 und 1945 im Konzentrationslager Sachsenhausen eingesperrt waren und gelitten haben. Nach dem gegenwärtigen Forschungsstand verstarben fast einhundert von ihnen infolge der unmenschlichen Haftbedingungen oder sie wurden von der Konzentrationslager-SS grausam ermordet. Namen, wie die von August Flossdorf, Wielhelm Ahrens, Ludwig Kirch, Rupert Meyer und Karl Leisner, sind Beispiele für Widerstand und Verfolgung von katholischen Geistlichen schon vor dem Beginn des Zweiten Weltkrieges.

Nach dem Überfall des Deutschen Reiches auf Polen verhafteten die Nationalsozialisten Tausende katholischer Geistlicher in –Ausführung ihres Plans zur Vernichtung der polnischen Intelligenz. Etwa 500 von ihnen, darunter die Bischöfe Marian Fulmann und Wladyslaw Goral verschleppte die Gestapo in das Konzentrationslager bei der Reichshauptstadt. Dort trafen sie auf die schon im November 1939 nach Sachsenhausen verschleppten 169  Krakauer Professoren, bei denen u. a. der spätere Papst Johannes Paul II studierte.

Die katholischen Geistlichen wurden von der SS als Pfaffen verspottet und gequält. Im Block 58, der sich hinter der jüdischen Baracke 38 befand, pferchte man sie mit straffällig gewordenen SS-Angehörigen, den sogenannten Knochenmännern, zusammen.  Ihrem von Hass- und Rachgelüsten der SS-Männer bestimmten Lageralltag konnten die Geistlichen zeitweise entfliehen, indem sie gemeinsam in der ab Sommer 1940 im Block 58 eingerichteten kleinen Kapelle beteten. 1941 schließlich wurden die meisten katholischen Geistlichen auf Befehl Himmlers nach Dachau verlegt Trotzdem blieb das Konzentrationslager Sachsenhausen bis zur Befreiung der Häftling im April und Mai 1945 immer auch ein Leidensort für katholische Geistliche nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus vielen anderen europäischen Ländern.

Das ehemalige, mit Kiefern- und Laubbäumen eng bestandene  Areal des Kommandanturstabes der Konzentrationslager-SS wurde von der Gedenkstätte Sachsenhausen ab Mitte der neunziger Jahre als ein Ort des Gedenkens und der Trauer eingerichtet. Hier in diesem vom ständigen Strom der jährlich mehr als 700.000 Besucher etwas abseits gelegenen Bereich der Kontemplation und Besinnung kann auf Initiative von Familien, Verbänden und Institutionen an einzelne Personen oder größere Gruppen von KZ-Opfern erinnert werden. Mit der Errichtung des Gedenksteins für die inhaftierten katholischen Geistlichen, für die wir vor allem der ehemaligen Arbeitsstelle für Zeitgeschichte in Berlin, insbesondere Frau Ursula Pruß und Prälat Gerhart Lange, ganz herzlich danken möchten, fand das Andenken an die Opfer aus dem katholischen Glauben eine ganz besonders eindrückliche, auch gestalterisch gelungene Form. Seitdem haben vor allem zahlreiche Gläubige aus polnischen Gemeinden an diesem Stein der aus ihren Orten stammenden Märtyrer gedacht, die von Papst Johannes Paul II. selig gesprochen wurden.  Auf diese Weise ist es gelungen, die Erinnerung an die vielen KZ-Opfer, die wegen ihres Glaubens ihr Leben in Sachsenhausen verloren haben, nicht nur zu erhalten, sondern zu bestärken.  Die Pilgerfahrten polnischer Gemeinden und die mit deutschen Gläubigen gemeinsam durchgeführten Gedenkveranstaltungen haben aber auch dazu beigetragen, das Einvernehmen zwischen Polen und Deutschen zu befördern, ganz im Sinne der Erklärung der polnischen Bischöfe an ihre deutschen Amtsbrüder von 1965. In ihr heißt es:

„Wenn echter Wille beiderseits besteht – und das ist wohl nicht zu bezweifeln – , dann muss ja ein ernster Dialog gelingen und mit der Zeit gute Früchte bringen, trotz allem, trotz heißer Eisen.“

Zehn Jahre Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit Berlin-Schöneweide

10 Jahre Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit

Grußwort

Prof. Dr. Morsch

  1. September 2016

 Liebe Frau Dr. Glauning,

lieber Kollege Nachama,

meine sehr geehrten Damen und Herren,

Die Jahr nach der deutschen Einheit, zwischen 1990 und der Jahrtausendwende, sie können in gewisser Hinsicht auch als das Jahrzehnt der Gedenkstätten bezeichnet werden. Das wiedervereinte Deutschland, damals die Berliner Republik genannt, sah sich jedoch im In- und im Ausland einem verbreiteten Misstrauen gegenüber, das sich zu einem nicht geringen Teil aus der auch nach fünfzig Jahren vielfach noch unaufgearbeiteten Vergangenheit der nationalsozialistischen Diktatur speiste. Allen Bundesregierungen dieses Gedenkstättenjahrzehnts stand daher klar vor Augen, dass nur eine dauerhafte und tief gehende Institutionalisierung einer kritischen Erinnerungskultur in Deutschland die Vorbehalte und Befürchtungen gegenüber dem neuen Nationalstaatsgedanken auf Dauer eindämmen könnte. Diesen primär außenpolitischen Überlegungen verdanken wir es vor allem, dass die schon in den achtziger Jahren in der alten Bundesrepublik und in West-Berlin quasi „von unten“ erkämpften Gedenkstätteninitiativen sich etablieren und die historischen Orte zu einem Teil in moderne zeithistorische Museen mit besonderen humanitären und bildungspolitischen Aufgaben umwandeln konnten. Ein gutes Beispiel dafür ist die „Stiftung Topographie des Terrors“, die erst mit einer erheblichen Verspätung das von Bürgerinitiativen und Geschichtswerkstäten Ende der achtziger Jahre erkämpfte Barackenprovisorium in ein festes Gebäude mit Veranstaltungs- und Büroräumen, Bibliothek und viel Platz für Dauer- und Wechselausstellungen überführen konnte.

Im Zuge der Etablierung, Professionalisierung und Modernisierung der bundesdeutschen Erinnerungskultur weitete sich der bis dahin stark eingeschränkte Blick von Gesellschaft und  Öffentlichkeit, der primär die Opfer von Holocaust und politischem Widerstand betrachtete, auf die vergessenen und verdrängten Opfergruppen, wie Sinti und Roma oder Homosexuelle, Opfer der Wehrmachtsjustiz oder sowjetische Kriegsgefangene, aus. Und obwohl Ulrich Herbert und andere Autoren schon Mitte der achtziger Jahre die Politik und Praxis des „Ausländer-Einsatzes“ in der Kriegswirtschaft des „Dritten Reiches“ wissenschaftlich erforscht, aber auch Kunst und Medien,  wie der Ende der siebziger Jahre publizierte und 1983 vom polnischen Starregisseur Andrzej Wajda verfilmte Tatsachenroman von Rolf Hochhuth über „Eine Liebe in Deutschland“,  das Thema über den Kreis des Experten hinaus bekannt gemacht hatten, bedurfte es staatlicher Unterstützung, um eine Dokumentationsstätte auch für die zu dieser Zeit mit dem historischen Begriff der „Fremdarbeiter“ bezeichnete Opfergruppe zu schaffen.

Dabei solle bei aller Würdigung und Anerkennung der Anstrengungen und Leistungen engagierter Ehrenamtlicher aus Opferverbänden, Geschichtswerkstätten und Bürgerinitiativen, über die sicherlich Thomas Irmer noch sprechen wird, die durch ökonomische Ursachen und Erfordernisse in der globalisierten Wirtschaft erzwungene Entschädigungsinitiative von Staat und Wirtschaft nicht gering geschätzt werden. Seit der Befreiung vom Nationalsozialismus 1945 hatten die allermeisten Profiteure der Zwangsarbeit, unter ihnen fehlte kaum ein einziger großer Wirtschaftskonzern, mit dem Verweis auf angeblichen Zwang der politischen Führung der NS-Diktatur jegliche Verantwortung für die Zwangsarbeit abgestritten und Historikern den Zugang zu den Akten in ihren Betriebsarchiven versperrt. Das war nun nicht mehr möglich und in der Folge legten Staat und Wirtschaft ab dem Jahre 2000 ein etwa fünf Milliarden Euro umfassendes Entschädigungsprogramm auf, das in die „Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ überführt wurde.

Als schließlich nach mehr als zehn Jahren vorwiegend ehrenamtlichen Engagements und nach voran gegangenen Beschlüssen des Berliner Abgeordnetenhauses und des Senats 2005 ein Teil des Geländes des einzigen in Berlin noch weitgehend erhaltenen Zwangsarbeiterlagers angekauft und institutionell der „Stiftung Topographie des Terrors“ zugeordnet wurde, waren wichtige inhaltliche, gestalterische und konzeptionelle Grundsätze moderner Gedenk- und Dokumentationsstätten, wie vor allem der Umgang mit den Relikten historischer Orte, bereits anderenorts entwickelt und erprobt worden. Der internationale Beirat, der von der Stiftung Topographie des Terrors im Auftrag von Abgeordnetenhaus und Senat im August 2005 als ein Gremium von internationalen Experten berufen wurde, konnte daher nicht nur auf umfangreiche Vorarbeiten der Gedenkstätteninitiativen, Geschichtswerkstätten und des Fördervereins  sowie des Bezirksamtes und der Architekten rekurrieren, sondern auch auf die bereits vorliegenden Erfahrungen mit der Transformation authentischer Orte in zeithistorische Museen und offene Lernorte.  Trotzdem war der enorme Termindruck, unter dem im August 2005 der internationale Beirat seine Arbeit aufnahm, bemerkenswert. Die damalige Kulturstaatssekretärin Barbara Kisseler formulierte gleich zu Beginn die ehrgeizige Zeitvorgabe des Senats: noch vor der Sommerpause des Parlaments 2006, also in einem knappen Jahr, sollte die in Teilen des 1943 erbauten ehemaligen Doppellagers Nr. 75/76 eine Erinnerungs- und Dokumentationsstäte mit einer Ausstellung  sowie ein moderner Lernort entstehen. In maximal vier Sitzungen sollten, so formulierte der Direktor der „der Stiftung Topographie des Terrors“ Dr. Andreas Nachama,  seine Erwartungen, der internationale Beirat die gestalterische und inhaltliche Konzeption sowie das künftige Arbeitsprogramm der zu schaffenden Einrichtung beraten. Aus dem miteinander eng verschlungenen Bündel der Fragen, die der Beirat diskutieren und beschließen sollte, will ich einige wenige aufzählen: Welchen Teil des ehemaligen Lagers soll die künftige Einrichtung umfassen? Welche Empfehlungen werden hinsichtlich Erhalt, Rückbau und Rekonstruktion des historischen Ortes gegeben? Welche primäre Ausrichtung soll die Einrichtung haben, soll sie primär Museum, Gedenkstätte, Dokumentationszentrum oder Lernort sein? Welchen Stellenwert soll die Nachkriegsnutzung haben? Was folgt aus der bauhistorischen Untersuchung für den Umgang mit dem Ort? Soll eine Sammlung aufgebaut und folglich ein Archiv und ein Depot eingerichtet werden? Welchen Stellenwert soll die wissenschaftliche Forschung einnehmen? Welche Zielgruppen sollen angesprochen werden? Wie ist das Verhältnis zu den Nachbarn sowohl in den umliegenden Wohnhäusern als auch den Nutzern der Lagerbaracken und des Geländes zu entwickeln?

Ich könnte diese Aufzählung leicht fortsetzen, zumal selbstverständlich im Laufe der Besichtigungen des Ortes und der Debatten auch mit externen Beratern, Fachleuten und Politikern immer neue Perspektiven sich öffneten, Fragen und Probleme, Hindernisse und Sachzwänge sich auftürmten. Aus den dankenswerterweise akribisch und genau geführten Verlaufsprotokollen der drei jeweils zweitägigen Sitzungen des internationalen Beirates lassen sich m. E.  folgende zentralen Diskussionskomplexe zusammenfassen. Doch bevor ich dies tue, möchte ich die Mitglieder des internationalen Beirates, die sich diesem ungewöhnlichen Arbeits- und Termindruck unterworfen haben namentlich nennen: Gabriele Hammermann, damals stellvertretende Leiterin der KZ.-Gedenkstätte Dachau, Tanja Ronen, die das israelische Getto-Kämpfer-Museum Beit Lohamei Hagetaot vertrat, Andrea Theissen, Sprecherin des Arbeitskreises Regionalgeschichtlicher Museen Berlin, Karen Till von der Universität of Minnesota, Jacub Deka von der Stiftung Polnisch-Deutsche Aussöhnung, Thomas Jelinek vertrat den Deutsch-tschechischen Zukunftsfond und der Historiker Pavel Polian, nahm als ein Experte für die Aufarbeitung der Zwangsarbeit von Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion an den Beratungen teil. Als Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten und Leiter der Gedenkstätte Sachsenhausen hatte ich die Ehre, die Sitzungen des Beirats als Vorsitzender zu leiten. Trotz der im Beirat versammelten Fachkenntnis hätte das ehrgeizige Programm zweifellos nicht ohne die Unterstützung und den Rat zahlreicher weiterer Sachverständiger bewältigt werden können. Einige wenige will ich stellvertretend nennen: Gisela Wenzel von der Berliner Geschichtswerkstatt, Cord Pagenstecher vom Förderverein,  Thomas Lutz von der „Stiftung Topographie des Terrors“, der Historiker Helmut Bräutigam, der Bauhistoriker Axel Drieschner, die Bezirksstadträtin Eva Mendl, Rainer Klemke und Michaela Werner von der Verwaltung des Berliner Kultursenators sowie Gabriele Layer-Jung, die Vorsitzende des Fördervereins. Neben Frau Kisseler engagierten sich auch viele Berliner Politiker persönlich, indem sie  an den einzelnen Beratungen des Beirates teilnahmen, so Kultursenator Thomas Flierl, Abgeordnetenhauspräsident Walter Momper, Vizepräsident Christoph Stölzl und die Vorsitzende des Kulturausschusses Alice Ströver.

Folgende drei Schwerpunkte der Diskussionen und Fragestellungen lassen sich m. E. zusammenfassen und bündeln, auch wenn dabei die wichtigsten Sachfragen, die es zu entscheiden galt, nur angedeutet werden können:

  1. Auf der Grundlage des vom Architektenbüro Rother& Rother bereits weit entwickelten Gestaltungsentwurfs mussten Empfehlungen hinsichtlich der unterschiedlichen Nutzung der Baracken, des denkmalpflegerischen Umgangs mit den teilweise stark infolge der Nachnutzungen im Innern und Äußeren veränderten Bauten sowie den Umgebungsflächen beraten werden. Grundsätzlich begrüßte der Beirat den Entwurf des Architektenbüros, konnte ihm allerdings nicht in der Ausgestaltung verschiedener ästhetischer Elemente folgen, etwa in der vorgeschlagenen Fassadengestaltung mittel Gabionen oder einer Besucherführung mittels aufgelegter Stege. Auch über eine vom Beirat fast einstimmig empfohlene Verlegung des Eingangs des Dokumentationszentrums von der Britzer in die Köllnische Straße wurde lange beraten. Vor allem die symmetrische Anlage des ehemaligen Zwangsarbeiterlagers, dessen südlicher, in historischen, mehr oder weniger original erhaltenen Gebäuden umgenutzter Teil erfahrbar bleiben und damit eine perspektivische Erweiterung des Dokumentationszentrums erleichtern sollte, sprach aus Sicht des Beirats für einen, ggf. zusätzlichen Eingang am ehemaligen Wirtschaftsgebäude.
  2. Die Bezeichnung des neue zu schaffenden Ortes als Dokumentationszentrum ließ weitgehend offen, inwieweit neben der Information von Besucherinnen und Besuchern auch forschen, sammeln, gedenken und lernen zu seinen Zielen gehören sollten, wie es im Begriff des zeithistorischen Museums mit besonderen humanitären und bildungspolitischen Aufgaben inkludiert ist, der sich in den neunziger Jahren als Standard von modernen Gedenkstätten herausgebildet hatte. Obwohl die bewilligte Personalausstattung aus Sicht des Beirates äußerst knapp war, wollte er letztlich auf diesen umfassenden Anspruch nicht verzichten.
  3. Sehr viel schwieriger als die Aufgabenbestimmung gestaltete sich die inhaltliche Fokussierung. Sollte der neu zu schaffende Lernort hauptsächlich einen regionalen Schwerpunkt bilden oder ein nationales, vielleicht sogar europäisches Zentrum schaffen. Gerade die ausländischen Beiratsmitglieder drängten auf eine internationale Perspektive. Ähnlich verliefen die Debatten über die Fragen der Repräsentativität und Diversität der darzustellenden Opfergruppen. Dabei erwies sich der in der Entschädigungsfrage durchgesetzte, jedoch historisch schillernde und pauschalisierende Begriff der „Zwangsarbeiter“ als wenig hilfreich. Angesichts einer relativ kleinen Ausstellungsfläche von 400 Quadratmetern war es, wie der Beirat festgestellte, ein schwieriges Unterfangen, möglichst alle Gruppen von Zwangsarbeitern, von zivilen Fremdarbeitern über italienische Militärinternierte, Ostarbeiter, sowjetische Kriegsgefangene, Juden bis hin zu Häftlingen der Konzentrationslager, darzustellen. Dabei könnten, so die ergänzenden Befürchtungen des Beirates, historische Kontexte, insbesondere auch die unverzichtbare Darstellung der Verstrickung der privaten Wirtschaft in die NS-Verbrechen, angesichts des Platzmangels nicht ausreichend thematisiert werden. Der Beirat empfahl daher, den Schwerpunkt in der Dauerausstellung auf die Behandlung der zivilen Zwangsarbeit zu legen und  andere Opfergruppen lediglich im Kontext mit der Geschichte des Ortes bzw. in wechselnden Sonderausstellungen zu behandeln.

 

Die letzte Sitzung des Beirates fand am 16. und 17. Januar 2006 statt, rechtzeitig vor dem Beginn der Bauarbeiten. Die sehr intensiven Diskussionsergebnisse und umfangreichen, teilweise detaillierten  Empfehlungen des internationalen Beirates wurden danach dem Stiftungsrat der „Stiftung  Topographie des Terrors“ übergeben. Dabei fanden sie zum großen Teil Eingang in das formell beschlossene Konzept für das Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit Berlin-Schöneweide.

 

 

“Das schönste Konzentrationslager Deutschlands” (Lagerarchitekt Bernhard Kuiper) Eröffnung der Sonderausstellung in der KZ-Gedenkstätte Esterwegen

„DAS SCHÖNSTE KZ DEUTSCHLANDS“ (‚LAGERARCHITEKT‘ BERNHARD KUIPER)

VOM KZ ESTERWEGEN ZUM KZ SACHSENHAUSEN

Ausstellungseröffnung in der Gedenkstätte Esterwegen

Prof. Dr. Günter Morsch

 

 

 

Sehr geehrter Herr Landrat,

liebe Frau Dr. Kaltofen,

lieber Kollege Buck,

meine sehr geehrten Damen und Herren

Im Namen der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten sowie der Gedenkstätte und des Museums Sachsenhausen darf auch ich Sie alle ganz herzlich zu unserer heutigen Ausstellungseröffnung in der Gedenkstätte Esterwegen begrüßen. Die Sonderausstellung, die wir in enger Kooperation mit der Stiftung Gedenkstätte Esterwegen konzipiert und entwickelt haben, trägt den zugegebenermaßen etwas provozierenden Titel „‘Das schönste KZ Deutschlands‘. Vom KZ Esterwegen zum KZ Sachsenhausen“.  Diese von uns bewusst ausgewählte, auf den ersten Blick irritierende Beschreibung eines nationalsozialistischen Konzentrationslagers stammt aus der Feder von Bernhard Kuiper, der sich selbst als „Lagerarchitekt“ titulierte. Der aus Ostfriesland stammende, studierte und staatlich examinierte Ingenieur für Hoch- und Tiefbau beantragte Ende 1937 die Einrichtung eines selbständigen Architekturbüros in Papenburg. In seinem von ihm selbst verfassten ausführlichen Lebenslauf warb er für seinen Antrag damit, dass er in Sachsenhausen das, wie er wörtlich schrieb, „bis heute modernste, schönste und größte Lager dieser Art des Deutschen Reichs“ gebaut habe. Seine Karriere als KZ-Baumeister hatte Kuiper allerdings schon im August 1934 im emsländischen KZ Esterwegen begonnen. Von Theodor Eicke, dem Inspekteur der Konzentrationslager und Führer der Totenkopfwachverbände, war er beauftragt worden, das ursprünglich von der preußischen Polizei mitten im sumpfigen Moor gegründete frühe Konzentrationslager aus- und umzubauen sowie nach den Wünschen und Vorstellungen der SS zu verschönern. Als das KZ Esterwegen aufgelöst und an das Reichsjustizministerium für 750.000 RM verkauft wurde, transportierte die Konzentrationslager-SS die rund 900 KZ-Häftlinge im August und September 1936 in die Nähe der Reichshauptstadt Berlin.

Mitarbeiter der Gedenkstätte Sachsenhausen fanden nach der deutschen Einheit im Sonderarchiv Moskau eine einfache, linierte, 40 mal 25 Zentimeter große Kladde, wie sie auch als Schulheft zur damaligen Zeit nicht selten Verwendung fand. Auf dem Etikett der Umschlagsseite steht: Kommandantur des Konzentrationslagers Esterwegen. P I = SS = Führer. Angefangen:  April 1936. Beendet: 21. August 1939“. Es handelt sich um das Posteingangsbuch der Abteilung I (Kommandant) der Kommandantur des KZ Esterwegen. Der erste Eintrag des mit der Führung der Kladde beauftragten SS-Mannes datiert vom April 1936, dem Monat, in dem Karl Otto Koch seinen Vorgänger Hans Loritz als Kommandant des emsländischen Lagers ablöste. Erstaunen  vermag dagegen das Datum auszulösen, an dem das Posteingangsbuch laut Etikett beendet wurde. Denn 1939 war das Konzentrationslager Esterwegen bereits seit drei Jahren geschlossen und von der SS aufgegeben worden. Öffnet man aber das Posteingangsbuch, dann erschließt sich ein nicht unwichtiger Aspekt der Geschichte des KZ-Systems im „Dritten Reich“: Nach wenigen leeren, offenbar absichtlich frei gelassenen Seiten beginnt ein neuer, in der gleichen Handschrift und daher wohl vom selben SS-Mann verfasster Eintrag mit dem Datum vom September 1936 im KZ Sachsenhausen, das zum gleichen Zeitpunkt, über 400 Kilometer vom Hümmling entfernt, seit Juli 1936 bei der märkischen Kleinstadt Oranienburg, nur acht Kilometer vom Stadtrand der Reichshauptstadt Berlin entfernt,  von Häftlingen aus dem alles überdeckenden Kiefernwald herausgeschlagen wurde. Das umstandslos fortgeführte Posteingangsbuch der Kommandantur ist ein Belegstück für die damalige Auffassung der Konzentrationslager-SS, die die Gründung von Sachsenhausen als eine, relativ undramatische und keines großen Aufhebens werte, einfache „Verlegung“ des KZ Esterwegen in die märkische Heide begriff.

Anders als die betroffenen SS-Männer und  Behörden bewertet die Geschichtswissenschaft heute den Übergang vom KZ Esterwegen zum KZ Sachsenhausen, nämlich  als einen tiefen Einschnitt und Beginn einer neuen Phase der Entwicklung des Systems der Konzentrationslager in Deutschland. Manche Historiker meinen sogar, dass mit der Gründung und dem Aufbau von Sachsenhausen, dem „Konzentrationslager bei der Reichshauptstadt“, ein völlig neuer Lagertypus geschaffen wurde, der mit seinen Vorgängern, den sogenannten frühen Lagern, zu denen auch das KZ Esterwegen gezählt wird, nur wenig zu tun hatte. Die Ursachen dafür werden in den Zusammenhang mit der im Frühsommer 1934 erfolgten Gründung der “ Inspektion der Konzentrationslager beim Reichsführer SS“ gesehen. Theodor Eicke, der bis dahin das KZ Dachau als Kommandant geleitet hatte, wurde am 4. Juli 1934 zum „Inspekteur der Konzentrationslager und Führer der SS-Wachverbände (SS-Totenkopfverbände)“  von Himmler ernannt. Er  begann sogleich damit, viele Lager, wie z. B. das von der SA gegründete KZ Oranienburg, zu schließen. Andere, wie z. B. auch die Emslandlager Börgermoor und Neusustrum,  überließ die SS dem Reichsjustizministerium. Esterwegen dagegen wurde in das neue KZ-Imperium von Himmler und Eicke eingegliedert.

Noch aus dem KZ Lichtenburg, wo sich Eicke zwecks Übernahme  des dortigen Konzentrationslagers durch die SS im Juni 1934 aufhielt, schrieb er einen Brief an den für Personalfragen zuständigen Chef des SS-Amtes Curt Wittje:  „Am 1. Juli 1934 werde ich voraussichtlich meinen Auftrag in Lichtenburg beenden können und mich anschließend nach Papenburg begeben. Bis zu diesem Zeitpunkt muss das Lager einen verantwortlichen Kommandanten haben, da ich sonst an das Lager gebunden bin. Es wäre zweckmäßig, den Betreffenden vor diesem Zeitpunkt nach hier zu beordern, damit er von mir eingewiesen werden kann.“[1] Wenige Tage später ernannte Himmler den von Eicke protegierten, dem KZ-Inspekteur auch persönlich eng verbundenen und aus Dachau bestens bekannten Hans Loritz zum Kommandanten von Esterwegen. Trotzdem hielt  es Eicke für erforderlich, zeitgleich  persönlich ins Emsland anzureisen, um die alte SA-Truppe, die bisher das Lager geführt hatte , abzulösen und den Grundstock für den Aufbau eines eigenen SS-Wachverbandes mit dem Namen „Ostfriesland“ zu legen. Die Schulung und Abrichtung des Wachverbandes übertrugen Eicke und Loritz wenig später dem abgelösten Kommandanten des KZ Sachsenburg, Karl Otto Koch. Dieser vom Typus her seinen beiden Vorgesetzten sehr ähnliche SS-Führer wuchs nach und nach in die entscheidende Rolle bei der weiteren  Entwicklung des Konzentrationslagers im Hümmling hinein.

Weitere Veränderungen der Organisation des Konzentrationslagers Esterwegen folgten. Damit war der erste Schritt zur Umstrukturierung des KZ-Systems erfolgreich getan: Himmler war es gelungen, alle Konzentrationslager in seine Hand zu bekommen, indem er anderen konkurrierenden NS-Organisationen und Dienststellen die Zuständigkeit für diese Instrumente des Terrors entwand und die verbliebenen Lager entweder überwiegend schloss oder straff unter der Leitung des ihm persönlich verantwortlichen KZ-Inspekteurs zusammenfasste. Neben Dachau, Lichtenburg, Sachsenburg und Oranienburg-Columbia schien Esterwegen als dynamisch wachsendes und nach großen Plänen prachtvoll auszubauendes Konzentrationslager sich etabliert zu haben.

Die Einstellung des aus Ostfriesland stammenden Architekten Bernhard Kuiper im August 1934 ist ein weiterer Beleg dafür, dass die KZ-Inspektion mit Esterwegen  ambitionierte Ziele verfolgte und zum damaligen Zeitpunkt noch keinesfalls an eine Aufgabe des KZ oder an eine Übergabe des Lagers an andere Nutzer dachte. Der 27 Jahre alte Architekt hatte an der Höheren Lehranstalt für Hoch- und Tiefbau in Eckernförde studiert und danach kurzzeitig als Hilfsarchitekt auch im Ausland gearbeitet. Für die Stadt Papenburg sowie den Freiwilligen Arbeitsdienst baute er anschließend eine Stadtrandsiedlung mit 40 Einfamilienhäusern. Gleich nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten im Januar 1933 trat er zunächst der SA und wenig später auch der NSDAP bei. In dieser Zeit betätigte er sich nach eigenen Angaben auch als Berichterstatter in nationalsozialistischen Zeitungen. Es mag sein, dass Eicke und Loritz durch die publizistische Tätigkeit Kuipers auf den jungen Architekten aufmerksam wurden. Unmittelbar nach seiner Einstellung in den Kommandanturstab des KZ Esterwegen in der Funktion eines „Lagerarchitekten“, wie Kuiper sich selbst nannte, trat er auch in die SS ein. Nach dem Zweiten Weltkrieg verteidigte sich der bald schon in Leer in einem eigenen Büro selbständige Architek vor dem Entnazifizierungsausschuss damit, dass er zum Beitritt gezwungen worden sei, eine angesichts seines schnellen Eintritts in die SA und NSDAP ersichtlich dreiste Lüge, die ihm aber offenbar die ehrenamtlichen „Richter“ nur zu gerne glauben wollten.

Der ehrgeizige „Lagerarchitekt“ begann gleich nach seiner Anstellung damit, den Aus- und Umbau des Konzentrationslagers Esterwegen unter Ausnutzung der Zwangsarbeit der Häftlinge  voranzutreiben. Er orientierte sich dabei an dem ästhetischen Baustil seiner Heimat, an Reetgedeckten Hallenhäusern, an mit Ziegelsteinen und Holzfachwerk errichteten Giebelhäusern sowie an einer von Heidekraut, Wacholder und Findlingen geprägten Landschaftsgestaltung. Kleine Blumenfelder mit vereinzelten Wacholderbüschen und niedrigen Eiben, eingefasst von kniehohen Holzzäunen aus rohen Birken, Kletterrosen an mit Natursteinen gemauerten Treppenaufgängen, die zu den Holzbaracken der Kommandanturangehörigen führten, hier und da auf kleinen Feldherrnhügeln roh gezimmerte Bänke zum Verweilen und Schauen,  „verhübschten“ die Brutalität und den Terror des KZ-Alltags für die Täter. Fotos dieses ostfriesischen „KZ-Idylls“, auf das die SS enorm stolz gewesen sein muss, publizierte die an Kiosken frei verkäufliche SS-Zeitschrift „Das schwarze Korps“. Das größte und zugleich letzte Bauprojekt, das Kuiper im KZ Esterwegen verwirklichen konnte, war der Neubau eines Freibades für die Angehörigen der Kommandantur und der Wachmannschaften mit einem über zehn Meter hohem Sprungturm.

Während die SS das KZ Esterwegen noch aus- und umbauen ließ, besprachen Himmler und Hitler ihre Pläne zur Weiterentwicklung des KZ-Systems. Hatten deutschnationale Koalitionspartner der Hitler-Regierung und Teile der Nationalsozialisten darauf gehofft, dass nach der Ermordung der SA-Spitze und der damit einhergehenden Ausschaltung der „Revolutionsarmee“ der ungeregelte, willkürliche Terror sich zähmen und in das Prokrustesbett einer nach Regeln und Normen funktionierenden Diktatur einzwängen ließ, so sahen sie sich schnell getäuscht.  Hitler und Himmler verfolgten andere Pläne, nach denen das KZ-System nicht etwa abgeschafft, sondern im Gegenteil beträchtlich sowohl in seiner Größe als auch in seiner Funktion erweitert werden sollte.

Esterwegen dagegen wurde wahrscheinlich deshalb aufgegeben, weil die Wehrmacht Bedenken wegen seiner geographischen Lage dicht an der Grenze zu den Niederladen geäußert hatte. Tatsächlich lagen alle geplanten bzw. neuen Konzentrationslager an einer von Hamburg bis München liegenden Nord-Süd-Achse, die  geographisch fast mittig zwischen den Ost- und Westgrenzen des Deutschen Reiches hindurch verlief. Nur Esterwegen lag weitab von dieser Achse. Außerdem hoffte Himmler mit dem Verkauf des so „adrett“ durch Kuiper hergerichteten Lagers im Hümmling an den Reichsarbeitsdienst, das Geld für den gleichfalls von den Militärs als vordringlich angesehenen Aufbau eines großen KZ in der Nähe der „roten Reichshauptstadt“ aufbringen zu können. Demzufolge schrieb Himmler am 8. Februar 1937 an den preußischen Finanzminister folgenden Brief: „Wie der Inspekteur der Konzentrationslager und Führer der SS-Totenkopfverbände, SS-Gruppenführer Eicke, in meinem Auftrage bereits mündlich dort zum Vortrag gebracht hat, ist von mir in unmittelbaren Verhandlungen mit dem Reichsarbeitsführer, Staatssekretär Hierl, aus politischen Gründen die Räumung des der Geheimen Staatspolizei gehörenden, an der deutsch-holländischen Grenze innerhalb des militärischen Aufmarschgebiets gelegenen Konzentrationslagers Esterwegen und seine Überlassung an den Reichsarbeitsdienst angeordnet worden.“[2] Als Karl Otto Koch im April 1936 Hans Loritz als Kommandant des KZ Esterwegen ablöste, kam er wahrscheinlich bereits mit dem dezidierten Auftrag des KZ-Inspekteurs, die allmähliche Auflösung dieses Lagers und seinen Verkauf an den Reichsarbeitsdienst vorzubereiten. Warum der Reichsarbeitsführer Hierl dann doch den Kauf ablehnte und anstatt ihm der Reichsjustizminster Gürtner  Esterwegen übernahm, kann von mir hier aus Zeitgründen nicht mehr erläutert werden.

Die Anforderungen, die  Reichsführer SS Heinrich Himmler und KZ-Inspekteur Theodor Eicke an den nicht einmal dreißig Jahre alten SS-Untersturmführer Bernhard Kuiper stellten, waren außerordentlich anspruchsvoll. Er sollte nicht nur ein neues Lager, sondern, nur acht Kilometer von Berlin entfernt, erstmals einen ganzen KZ-Komplex erbauen, der wie eine kleine Stadt neben den Unterkünften und Bracken für die Konzentrationslager-SS sowie die Häftlinge, auch Eigenheimsiedlungen, Wirtschaftsbetriebe, Werkstätten und eine komplette Infrastruktur mit Wasserwerk, Trafohaus, Kanalisation und ausgebauten Straßen einschloss. Doch das war den Nationalsozialisten noch nicht genug. Sachsenhausen sollte darüber hinaus ein Modelllager, eine Art KZ-Zukunftsstadt, werden, nicht weniger als ein, wie Himmler formulierte, „vollkommen neues, jederzeit erweiterungsfähiges, modernes und neuzeitliches Konzentrationslager“. Im Aufbau und in der Architektur des neu gegründeten KZ bei der Reichshauptstadt sollte sich nach dem Willen der SS der, um mit dem deutschen Soziologen Max Weber zu sprechen, Idealtypus eines nationalsozialistischen Konzentrationslagers spiegeln. Ob damals schon Sachsenhausen als Sitz der zentralen Verwaltung des gesamten deutschen KZ-Terrors vorgesehen war, wissen wir nicht, aber es ist sehr wahrscheinlich. Der ostfriesische Architekt sollte diese anspruchsvolle Aufgabe bewältigen und er packte sie tatsächlich mit großem Ehrgeiz und spürbarem Eifer an. Nach den Opfern, die dieses Vorhaben unter den Häftlingen forderte, die seine auf dem Papier gezeichneten Pläne realisieren mussten, fragte er dabei nicht.

Die Moorlandschaft im Hümmling und der Kiefernwald am Lehnitzsee, das waren, bevor die Nationalsozialisten an die Macht kamen, idyllische Landschaften, zum Teil touristische Erholungsgebiete. Die deutsche Heide und der deutsche Wald, sie waren von den Schriftstellern und Künstlern der Romantik im beginnenden 19. Jahrhundert idealisiert und zu Sinnbildern deutscher Seele und deutscher Identität verklärt worden. Der, wie es heute noch heißt, „heilen Natur“ wurde die Kraft zugesprochen, die angeblich durch französische Zivilisation verdorbene, durch englische Industrialisierung zerstörte und, so formulierten es nicht nur radikale Antisemiten, durch „jüdischen Händlergeist“  vergiftete deutsche Seele wieder zu reinigen und zu sich selbst zurück zu führen.

Die Natur als reinigender Sehnsuchtsort fand spätestens Ende des 19. Jahrhunderts ihre Ergänzung in der Lagerbewegung, die der heilenden Reinheit der Natur die zu stiftende Gemeinschaft der Lagerinsassen hinzufügte. Die Jugendbewegung, die von den  so genannten „Wandervögeln“ bis hin zu den Jugendorganisationen der Sozialdemokraten und Gewerkschaften nahezu alle politischen und religiösen Gruppen umfasste, sah in den Lagern, mithilfe von Zelten oder schnell und provisorisch zusammengezimmerten Baracken in die freie Natur verpflanzt, gemeinschaftsstiftende, soziale Schichtunterschiede nivellierende Einrichtungen.  „Heile“, reinigende Natur und gemeinschaftsstiftendes Lagererlebnis verschmolzen miteinander. Gemeinschaftliche Arbeit der Lagerinsassen in freier Natur schließlich wurden allergrößte physische und psychische Erziehungseffekte zugeschrieben. Die positive Überhöhung der Lagerbewegung fand in der Weimarer Republik ihren stärksten Ausdruck in der allerorten und von fast allen politischen Richtungen unterstützten Einrichtung des Freiwilligen Arbeitsdienstes. Harte, gemeinschaftliche Arbeit , um Sümpfe trocken zu legen, Straßen zu schottern, Fahrradwege anzulegen, Seen zu entkrauten oder Kanäle zu ziehen, sollte das Millionenheer der Arbeitslosen vor sittlichem und körperlichem Verfall bewahren. Aus dem Freiwilligen Arbeitsdienst wurde schon vor 1933 die sogenannte Pflichtarbeit, der Arbeitslose sich kaum noch entziehen konnten. Auch die Pflichtarbeit war mehr als ein Beschäftigungsprogramm, auch sie verfolgte sozialhygienische Ziele. Von den Arbeitslagern der Pflichtarbeiter aber war es nur noch ein kleiner Schritt zur Verlagerung der bis dahin in leer stehenden Gefängnissen, Fabriken oder Burgen untergebrachten frühen Konzentrationslager in die weitläufigen Wälder und Moorlandschaften Deutschlands. Dort, entweder am Rande der Städte oder sogar weit weg von ihnen, verschmolzen die Ideologien von deutscher Seele in deutscher Natur, die  absurde Vorstellung von gemeinschaftsstiftenden Lagern  und der angeblichen erzieherischen Wirkung harter Arbeit mit den brutalen sozialhygienischen und eugenischen Gesellschaftsvorstellungen der Nationalsozialisten. Im Kern bestand dieses über den Kreis der Parteimitglieder weit hinausreichende, auch in wissenschaftlichen Forschungseinrichtungen und an Universitätslehrstühlen verbreitete Idealmodell einer neu zu schaffenden Gesellschaft in der Übertragung angeblicher Naturgesetze auf die Menschen. Die angestrebte deutsche Volks- und Leistungsgemeinschaft verglich man mit einem Garten, wo das Wachstum der nützlichen Pflanzen dadurch gefördert werde, indem man das Unkraut jätete und trennte aber die Schädlinge erbarmungslos ausrottete. Konzentrationslager waren in der Sichtweise der Nationalsozialisten solche Einrichtungen, bei denen die wenigen „Verhetzten“ und „Irregeleiteten“,  durch harte Arbeit umerzogen, die große Masse der Menschen auf Dauer isoliert und schließlich die in der Sprache des Unmenschen als Parasiten bezeichneten Häftlinge am Ende ermordet werden sollten. Das neue und „moderne“ Konzentrationslager Sachsenhausen entsprach diesen Vorstellungen der Nationalsozialisten und war auch in diesem Sinne ein Modell- und Ideallager.

Als einer der ersten SS-Führer des Konzentrationslagers Esterwegen verließ der Lagerarchitekt seinen bisherigen Arbeitsort. Bernhard Kuiper, der schon in Esterwegen mit den Entwurfsarbeiten für das neue KZ begonnen haben soll, wurde am 15. Juni 1936 in das Berliner Lager Columbia versetzt, wo er fieberhaft an den Plänen und Zeichnungen für Sachsenhausen arbeitete. Zum Dank für seinen besonderen Arbeitseinsatz beförderte ihn  Eicke zum SS-Untersturmführer. Kuipers Auftrag ging weit über seine bisherige Tätigkeit hinaus. In seinem Brief an den preußischen Finanzminister schreibt Himmler dazu: „Ich bitte, bei Prüfung meines vorstehenden Antrages auch die von allen Beteiligten in anstrengender, mühe- und aufopferungsvollster Tages- und Nachtarbeit unter besonders schwierigen Verhältnissen und Gefahrenmomenten in erstaunlich kurzer Zeit hier vollbrachte Leistung zu würdigen und darüber hinaus auch anzuerkennen, dass anstelle des s. Zt. In der ersten Revolutionszeit im Moorgebiet an der Nordwestgrenze des Reiches gebauten einfachen Lagers Esterwegen jetzt hier in der nächsten Nähe der Reichshauptstadt ein vollkommen neues, jederzeit erweiterungsfähiges, modernes und neuzeitliches Konzentrationslager mit verhältnismäßig geringen Mitteln neugeschaffen worden ist, das allen Anforderungen und Erfordernissen nach jeder Richtung hin gewachsen ist und sowohl in Friedenszeiten sowie für den Mob.-Fall die Sicherung des Reiches gegen Staatsfeinde und Staatsschädlinge in vollem Umfang jederzeit gewährleistet.“ [3]

Wir können nicht wissen, ob sich der Lagerarchitekt von Esterwegen durch diese Formulierung Himmlers, es habe sich bei dem ostfriesischen KZ um ein „einfaches Lager“ gehandelt, angesichts seiner umfangreichen Verschönerungs- und Ausbauanstrengungen düpiert fühlte. Aber auch ihm musste sehr schnell bewusst sein, dass der Bau von Sachsenhausen einen deutlichen Sprung in der Entwicklung des KZ-Systems bedeutete. Die kleine KZ-Stadt sollte bis zu 10.000 Häftlinge und 1.500 SS-Männer aufnehmen können, das Vielfache der Aufnahmekapazitäten bisheriger Konzentrationslager.

Der ostfriesische Architekt versuchte, mit vier Entwurfszeichnungen diesem Anspruch zu genügen. Alle waren auf ihre Weise darum bemüht,  dem von der SS gewünschten neuen „Idealtypus“, zu genügen. Am 5. September 1936, als nicht einmal der Kiefernwald vollständig gerodet war, der das ganze riesige Lagergelände bedeckte, wurde die, wie es offiziell hieß, „Verlegung des Konzentrationslagers Esterwegen nach Sachsenhausen bei Oranienburg bei Berlin“ abgeschlossen. Spätestens zu diesem Zeitpunkt befand sich Kuiper vor Ort und übernahm als Bauleiter die Gesamtverantwortung für das auf mehr als 2 Millionen Reichsmark geschätzte, über etwa 80 Hektar Gelände verteilte, riesige Neubauprojekt. Man kann daher verstehen, dass der SS-Mann, der das eingangs erwähnte Posteingangsbuch der Abteilung I führte, keinen Anlass sah, eine neue Kladde anzulegen. Sein letzter Eintrag in Esterwegen verzeichnet am 5. Juli 1936 den Eingang eines Briefes der KZ-Inspektion mit dem bezeichnenden Inhalt „Kommandierung genehmigt“. Am 30. September, drei Monate später, beginnen die Eintragungen erneut, jetzt aus dem KZ Sachsenhausen.

KZ-Baumeister Bernhard Kuiper versuchte, diesen nationalsozialistischen Idealtypus des zugleich „modernen“ und naturnahen  Konzentrationslagers in seine architektonischen Entwürfe sowie in der Gestaltung von Räumen und Gebäuden zu realisieren. Schon in Esterwegen bildete er mithilfe von Findlingen sogenannte Feldherrenhügel aus, umgab die Baracken der Konzentrationslager-SS mit Blumenbeeten und begrenzte die mit Kies und Schotter belegten Wege durch kniehohe, aus rohen, geschwungenen Ästen gefertigte Zäune.

In dem von ihm von Anfang an geplanten und entworfenen neuen Konzentrationslager bei der Reichshauptstadt konnte der ostfriesische KZ-Baumeister sein ganzes landschaftsgestalterisches und architektonisches Talent entfalten. Blumenbeete umgaben jetzt auch Häftlingsbaracken und säumten in sanft geschwungenen Wellen die immer säuberlich geharkte neutrale Zone, wo jeder Häftling, der sie absichtlich oder unabsichtlich betrat, sofort und ohne Anruf erschossen wurde. Die drei Ecktürme des Häftlingslagerdreiecks glichen mit ihren den Postenumlauf überkragenden Walmdächern eher englischen Gartenhäusern. Den Turm A schließlich, architektonisches Zentrum einer Geometrie des totalen Terrors, bildete der ostfriesische SS-Mann in einer, niedersächsischen Hallenhäusern vergleichbaren Fachwerkarchitektur aus, in die verschiedene Runenzeichen eingearbeitet waren. Im Kommandanturbereich, der dem Häftlingslager vorgelagert war, übertraf er sich dann selbst: die Baracken des Kommandanturstabes, die unter mächtigen Kiefern aufgereiht nebeneinander standen, waren umsäumt von Blumen. Geschwungene Kieswege, begrenzt von kniehohen Zäunen, leiteten die SS-Männer von einer Baracke zur anderen. Vor dem Büro des Kommandanten befand sich ein kleiner Teich mit Springbrunnen, von wo ein mit Blumenkübeln geschmücktes Holzgeländer zum Eingang führte. Unmittelbar daneben befand sich ein aus rohen Baumstämmen gezimmertes Blockhaus, das mit einem kleinen Zoo verbunden war, in dem mehrere Vögel, ein Affe und andere Tiere untergebracht waren.  In der Tat: es war ein schönes KZ, sieht man von den Häftlingen ab, die auf den Kieswegen geschlagen wurden, zwischen den Blumen verhungerten oder am Galgen neben den Blumenkübeln starben.

 

Sachsenhausen war nicht nur ein Modell- und Ideallager, sondern auch ein Vorführ- und Propagandalager. Von Beginn seiner Einrichtung an bis weit in den Krieg hinein bewunderten nicht wenige deutsche und ausländische Besucher deutsche Ordnung und Sauberkeit, die selbst im KZ zu herrschen schienen. Die Toten der Nacht, die morgens zum Appell mitgenommen werden mussten und die in der sich unendlich hinziehenden Zeit des Abzählrituals hinter den angetretenen Reihen der Häftlinge lagen, wollten die meisten Besucher nicht sehen. Natürlich ging es bei den Verschönerungsmaßnahmen Kuipers nicht nur um das Propagandabild nach Außen, sondern auch um die psychologische Wirkung auf die Männer, die täglich die Häftlinge misshandelten oder sogar ermordeten. Die spießige Kleingarten-ähnliche Idylle, die Kuiper für seine SS-Kameraden schuf, sie entsprach durchaus dem Selbstbild der Männer unter dem Totenkopf. So wie sie sich nicht selten vor ihren Baracken im Kommandanturbereich für das SS-Rasse- und Siedlungshauptamt fotografieren ließen, mit glänzenden schwarzen Stiefeln, in gepflegten schwarzen Ausgehuniformen und in Herrenmenschenpose hoch aufgerichtet, ebenso brauchten sie für Ihr Selbstbild die Blümchen unter dem Galgen, um sich von den angeblichen Untermenschen, die sie täglich drangsalierten und bewachten, zu unterscheiden und abzugrenzen.

Kuiper selbst, der Sachsenhausen 1937 mit einem sehr mäßigen Zeugnis von KZ-Inspekteur Eicke verließ, kam 1939 in Dienste der SS zurück und begann erneut damit, im gesamten besetzten Europa Lager zu bauen. 1944 schließlich leitete er ein aus KZ-Häftlingen bestehendes Eisenbahnkommando, das im Januar 1945 dem KZ Sachsenhausen unterstellt wurde. Auf diese Weise kehrte der inzwischen zum SS-Obersturmführer beförderte Architekt als Leiter eines Außenkommandos  wieder in den Dienst des Kommandanten von Sachsenhausen zurück. Sieht man von seiner Internierungshaft im ehemaligen KZ Neuengamme ab, so scheint jedoch seine Funktion im System der Konzentrationslager seine weitere Karriere als freier Architekt nicht behindert zu haben.

Am Schluss meiner Begrüßungs- und Einführungsrede ist es mir wie immer eine gerne zu erfüllende Pflicht, allen denjenigen zu danken, die an der Erarbeitung unserer Sonderausstellung beteiligt waren. An erster Stelle will ich den Kurator der Ausstellung Ralph Gabriel nennen, der leider heute nicht teilnehmen kann und sich entschuldigen lässt. Die Gestaltung der Ausstellung wurde konzipiert und realisiert vom Büro Beier & Wellach Projekte, mit dem es eine Freude war, zusammenarbeiten zu dürfen. Eine große Freude war es für uns auch, mit Mitarbeitern der Stiftung Gedenkstätte Esterwegen, insbesondere mit Frau Dr. Kaltofen, die Ausstellung von der Idee bis zur Realisierung gemeinsam zu planen und zu realisieren. Wir danken ganz herzlich für eine wunderbare Kooperation, zu deren Gelingen wesentlich auch die finanzielle Unterstützung des Landkreises beigetragen hat. Ich freue mich, dass ich diesen Dank Ihnen persönlich, sehr geehrter Herr Landrat, übermitteln kann.

[1] Theodor Eicke vom 21. Juni 1934, abgedruckt bei: J. Tuchel, die Inspektion, S. 28f.

[2] Der Reichsführer-SS und Chef der Deutschen Polizei v. 8. Februar 1937, abgedruckt in: G. Morsch, Sachsenhausen, S. 113.

[3] Ebenda, S. 119.

13. Berlin-Brandenburgisches Forum für zeitgeschichtliche Bildung 2016

  1. BERLIN-BRANDENBURGISCHES FORUM FÜR ZEITGESCHICHLICHE BILDUNG

 

Beim Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen

  1. September 2016

 

BEGRÜSSUNG

 

PROF. DR. GÜNTER MORSCH

VORSITZENDER DES ARBEITSKREISES I

 

Sehr geehrter Herr Jahn,

lieber Herr Krüger,

lieber Herr Gutzeit,

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

liebe Kolleginnen und Kollegen,

 

Im Namen des  Arbeitskreises I der Berlin-Brandenburgischen Gedenkstätten möchte auch ich Sie ganz herzlich zu unserem 13. Berlin-Brandenburgischen Forum für zeitgeschichtliche Bildung begrüßen. Mit der jährlichen Ausrichtung des Forums möchten die seit 1995 in einer Arbeitsgemeinschaft zusammen geschlossenen Gedenkstätten eine Plattform bieten, auf der sich zum einen die verschiedenen Einrichtungen mit ihren sehr unterschiedlichen pädagogischen Angeboten und Projekten vorstellen. Zum anderen sollen die potentiellen Interessenten der pädagogischen Angebote  ihre eigenen Bedürfnisse und selbständigen, gerade auch kritischen Beobachtungen der Aktivitäten der Gedenkstätten einbringen können. Ganz besonders herzlich begrüße ich daher alle Lehrerinnen und Lehrer, die die für unsere pädagogische Arbeit sicherlich wichtigste Zielgruppe, die Schülerinnen und Schüler, an die Gedenkstätten heranführen, sie auf den Besuch vorbereiten und dabei begleiten.  Das Forum dient  den Gedenk- und Dokumentationsstätten vor allem dazu, den Dialog mit den aus unserer Sicht wichtigsten Vermittlern zeithistorischer Bildung nicht abreißen zu lassen, sondern stetig die Chancen und Möglichkeiten pädagogischer Arbeit an den Gedenkstätten und anderen offenen Lernorten zu reflektieren.

Wie in jedem Jahr so haben wir auch das diesjährige Forum unter ein Motto oder präziser eine Fragestellung gestellt. Sie lautet: „Was hat das mit mir zu tun? Subjektorientierte Pädagogik in den Gedenkstätten?“ Wir knüpfen damit bewusst an das letzte Forum für zeitgeschichtliche Bildung in der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück an. Damals fragten wir danach, „wie wird Geschichte in der Zusammenarbeit von Schule und Gedenkstätte relevant?“ Beiden Schwerpunkten ist die Suche nach neuen Formen der Geschichtsvermittlung gemeinsam. Aus der Erkenntnis heraus, dass, wie wissenschaftliche Untersuchungen vermuten lassen,  der traditionelle Geschichtsunterricht, in dem historische Phasen in chronologischer Folge abgehandelt werden, beim ganz überwiegenden Teil der Schülerinnen und Schüler wenig nachhaltige Wirkung zeigt, suchen Didaktiker und pädagogische Zentren nach anderen Wegen der Vermittlung von Geschichte.

Zwei Schlagworte tauchen dabei in dieser Debatte immer wieder auf: „Vergegenwärtigung“ ist das eine „Subjektorientierung“ das andere. Beide zielen im Grunde auf das Gleiche ab, so scheint es mir. Es geht darum, dass der Geschichtsunterricht stärker an die gegenwärtige Lebenswelt von Jugendlichen anschließt. Doch was dies konkret für die zeithistorische Bildung  im Allgemeinen und die Gedenkstätten im Besonderen bedeutet, darüber gibt es unterschiedliche Ansichten. Der Essener Sozialpsychologe Harald Welzer z. B. proklamiert den Umbau der Gedenkstätten in erlebnisorientierte Gegenwartswerkstätten. Viele unter den anwesenden Kolleginnen und Kollegen ist dagegen auch der gerade bei vielen Lehrkräften verbreitete Wunsch bekannt, die von den Orten der Verfolgung und des Leidens der Opfer diktatorischer Systeme primär eine emotionale Wirkung auf ihre Schülerinnen und Schüler erwarten.

Auch in unserem diesjährigen zeitgeschichtlichen Forum wollen wir uns deshalb pädagogische Projekte daraufhin anschauen, wie es gelingen kann, das Interesse von Schülerinnen und Schülern an der Zeitgeschichte durch Bezug auf die lebensweltlichen Gegenwartsbezüge der Jugendlichen zu wecken und wachzuhalten. Dabei wird darauf zu achten sein, inwiefern Gegenwartsbezüge und Subjektorientierung in erster Linie didaktische Mittel sind, um das Interesse an Geschichte zu wecken und durch subjektorientierte Lernmethoden die Nachhaltigkeit zu verstärken oder ob sie die Vergangenheit durch die Gegenwart überformen und damit letztlich in die Falle politischer Instrumentalisierung laufen.

Ich bedanke mich beim Direktor sowie bei den Kolleginnen und Kollegen des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, insbesondere bei Herrn Dr. Janowitz, ganz herzlich für die Gastfreundschaft und für die immer mit erheblichem Arbeitsaufwand verbundenen organisatorischen Vorbereitungen. Allen Referentinnen und Referenten, Moderatorinnen und Moderatoren sowie den critical friends danke ich ebenso schon jetzt ganz herzlich für Ihre Mitwirkung. Mein ganz besonderer Dank aber gilt den Schülerinnen und Schülern sowie Lehrerinnen und Lehrern, die heute hier sind, um uns ihre pädagogischen Projekte vorzustellen und mit uns zu diskutieren. Uns allen wünsche ich spannende und interessante Diskussionen sowie nette und erhellende Gespräche am Rande.

Zehn Jahre internationale Jugendbegegnungsstätte Sachsenhausen/Haus Szczypiorski

ZEHN JAHRE INTERNATIONALE JUGENDBEGEGNUNGSSTÄTTE SACHSENHAUSEN – HAUS SZCZYPIORSKI

14. September 2016

BEGRÜSSUNG

Prof. Dr. Günter Morsch

 

Sehr geehrter Herr Fritzke,

liebe Frau Herrmann,

Damen und Herren,

 

Begrüssung der Schülerinnen und Schüler sowie der Lehrkräfte,

Dank an:

Frau Anders, Frau Bohra, Gedenkstättenlehrer, Frau Herrmann und ihr Team, alle Helferinnen und Helfer, alle Teilnehmer am Turnier, an der Diskussionsrunde sowie Thomas Lutz

Dank vor allem an diejenigen, die vor mehr als zwanzig Jahren damit begonnen haben das Projekt „IJBS“ zu entwickeln: Bürgerinitiativen, Jugendverbände, Prominente, Politiker, Polnische Botschafter,  DJH, Minister Steffen Reiche sowie Mitarbeiter der Verwaltungen aus Bildungs- und Kulturministerium, Kollegen anderer Gedenkstätten und Begegnungsstätten, insbesondere dem Kooperationsverbund, Mitarbeiter und vor allem viele, viele Jugendliche, z. B. aus dem VHS Bildungswerk

In erster Linie aber Dank an die Überlebenden, an Charles Desirat, Pierre Gouffault, Roger Bordage, Adam König, Zislaw Jasko, Karl Stenzel, Mark Televic

 

Die Einrichtungen der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten in Below, Brandenburg, Ravensbrück und Sachsenhausen verstehen sich nicht nur als Orte des Gedenkens und des Trauerns sowie als moderne, zeithistorische Museen, sondern auch als Einrichtungen politischer Bildung, wo mit zeitgemäßen didaktischen Methoden der Erwerb von Wissen und Kenntnissen über die Vergangenheit mit der Vermittlung von zentralen Werten der Demokratie verknüpft werden soll. Ein kritisches Geschichtsbewusstsein, das sich nicht für politische Ziele instrumentalisieren lässt, das kurzschlüssige Vereinfachungen oder Parallelisierungen meidet, vielmehr Differenzierungen heraus arbeitet sowie Widersprüche aushält und immer wieder selbst Fragen über die Vergangenheit an die Gegenwart und die Zukunft hervor bringt, kann ohne Formen intensiver und selbsttätiger Beschäftigung mit der Geschichte nicht wachsen. Soll aber Bildung erfolgreich und nachhaltig sein, dann braucht sie Geduld und  Kreativität für das selbsttätige Studium der Quellen und Interpretationen, sie braucht professionelle, qualifizierte Pädagogen, die in der Lage sind, solche Konzepte immer wieder neu zu entwickeln und zu evaluieren, sie braucht vor allem auch Geld für die Lehr- und Lernmittel sowie eine Bildungsstätte, an der man sich wohl fühlen kann und wo Lernen Freude macht. Zumindest letzteres ist nun für Sachsenhausen wie die zehnjährige Erfolgsgeschichte seit Eröffnung der Internationalen Jugendbegegnungsstätte/ Haus Szczypiorski eindrucksvoll zeigt, gesichert. Die Jugendherberge Sachsenhausen ist ein lebendiger Ort geworden, an dem trotz der belastenden Geschichte der Villa, die sich einst der oberste Chef des Systems der Konzentrationslager errichten ließ, gelacht und gelernt werden kann, wo Freundschaften entstehen und über Sprachschwierigkeiten und kulturelle Unterschiede hinweg ein Verständnis für die gemeinsame europäische Geschichte wächst, wo an Lagerfeuern und bei Grillabenden nicht nur die unterschiedlichen Sichtweisen auf die Geschichte, sondern auch die Probleme und Gefahren der Gegenwart und der Zukunft diskutiert werden. Das Haus Szczypiorski ist, kurz gesagt, zu dem Zentrum des Lernens, Diskutierens und Lachens geworden, das wir uns immer gewünscht haben. 

 

Kein Rückblick kommt einen Blick in die Zukunft aus. Was würden wir uns wünschen? Am Beginn unseres nicht einfachen Kampfes für die Internationale Jugendbegegnungsstätte in Sachsenhausen stand viel Kleinmut und Konkurrenzdenken. Ganz unbegründet war die Skepsis, die von allzu vielen geteilt wurde, angesichts der wirtschaftlichen Schwierigkeiten in den neunziger Jahren nicht.  Ursprünglich, so hatte vor allem das Deutsche Jugendherbergswerk errechnet und ein vom Landkreis finanziertes Gutachten stützte die Kalkulation, vertrage dieser bekannte und wichtige Ort Sachsenhausen in der Nähe Berlins durchaus größere Dimensionen: von 150 Betten war die Rede, vom Ausbau der naheliegenden SS-Kasernen zu einem Bettenhaus und die Gedenkstätte hielt mit Unterstützung vergleichbarer Einrichtungen in Auschwitz und Dachau die Einstellung von mindestens zwei hauptamtliche Vollzeit-Pädagogen für erforderlich. Daraus ist eine Einrichtung mit 32 Betten und einer halben Pädagogen-Stelle geworden, die aus dem Personalbestand der Gedenkstätte herausgenommen werden musste.  Was damals, vor zwanzig Jahren, vernünftig und sinnvoll war, das ist durch die Erfolgsgeschichte der letzten zehn Jahre bestätigt worden. Mehr als 700.000 Besucherinnen und Besucher aus aller Welt, die in diesem Jahr die Gedenkstätte Sachsenhausen voraussichtlich besichtigen werden, sprechen eine deutliche Sprache. Sachsenhausen ist nach Dachau zur größten KZ-Gedenkstätte der Bundesrepublik geworden. Das Max-Mannheimer-Zentrum in Dachau, die dortige Jugendbegegnungsstätte, beweist, welche Potentiale und Leistungen für die politische Bildung an großen KZ-Gedenkstätten möglich sind.  Lassen Sie uns also unseren Traum, unsere nur allzu realistische Perspektive nicht aufgeben; es ist jetzt, zehn Jahren nach der Eröffnung der internationalen Jugendbegegnungsstätte, an der Zeit, die Tür zur Zukunft der Internationalen Jugendbegegnungsstätte Sachsenhausen/Haus Szczypiorski aufzustoßen.

Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion, Ausstellungseröffnung 21. Juni 2016

ERÖFFNUNG DER Sonderausstellung „Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion 1941-1945“
Der Ständigen Konferenz der Leiter NS-Gedenkorte im Berliner Raum
21. Juni 2016
Begrüßung: Staatsministerin Frau Prof. Grütters,
Exzellenz, Herr Botschafter Grinin,
Damen und Herren,
Kolleginnen und Kollegen

STäKO: HdW, GuMS, Denkmal Juden, GdW, Topographie,

Verweis auf Ausstellung zum 75. Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkrieges mit Überfall auf Polen 2014 auf Pariser Platz, große Aufmerksamkeit

Der Krieg gegen die Sowjetunion, der vor 75 Jahren begann, war ein rassistisch, antislawisch und antisemitisch motivierter Weltanschauungs-, Vernichtungs- und Eroberungskrieg. Brutalität und Grausamkeit, mit der Vernichtungskrieg und Völkermord durchgeführt wurden, waren und sind beispiellos. Die Einzelheiten und Details entziehen sich fast jeder Vorstellung. Sie lassen selbst den Historiker, der mit den Quellen, den amtlichen Dokumenten ebenso wie mit den Berichten der Zeitzeugen, vertraut ist, immer wieder erschaudern. Die Wurzeln von Vernichtungskrieg und Völkermord lassen sich mindestens bis in die ersten Jahre der Weimarer Republik zurückverfolgen. Ihre große Breitenwirkung, die nicht nur fanatische Nationalsozialisten, sondern auch die Träger von Wehrmacht, Staat und Wirtschaft sowie zweifellos auch einen Großteil der deutschen Soldaten erfasste, lässt sich gerade aus dem Zusammenwirkung der in ihren Anfängen unterschiedlichen Ursachen erklären. Das furchtbare, spätestens nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 immer wieder durch die Propaganda eingeübte Amalgam von Antislawismus, Antisemitismus, Antibolschewismus und imperialen Eroberungs- und Herrschaftsplänen lieferte für jede Gruppe, jede Institution und jede Organisation des „Dritten Reiches“ die den jeweiligen entweder lange tradierten oder neu erzeugten Feindbildern gemäße Rechtfertigung zum geplanten Massenmord an Millionen von Menschen.
Für Hitler und die allermeisten seiner Anhänger, aber auch für einen Großteil der deutschnationalen Eliten in Staat, Wirtschaft und Wehrmacht galt schon lange das Dogma, dass Deutschland seinen Lebensraum im Osten suchen müsse. 1933, nur vier Tage nach dem Beginn seiner Kanzlerschaft, kündigt Hitler daher vor den höchsten Offizieren der Reichswehr die rücksichtslose Germanisierung des neu zu gewinnenden Lebensraumes im Osten an. Zuvor allerdings müsse er den „Marxismus“ in Deutschland ausrotten, was den Schluss nahe legt, dass die Ausrottung des Bolschewismus darauf unmittelbar folgen soll. Zur gleichen Zeit debattiert man in führenden Wirtschaftskreisen über die angeblich unendlich großen Chancen und Möglichkeiten eines deutschen Großwirtschaftsraumes, der sich vom Baltikum über die Ukraine bis in den Kaukasus erstrecken soll. Polen ist zunächst die Rolle eines Glacis zugedacht, von dessen Boden aus der entscheidende Kampf beginnen soll. Mit dem deutsch-polnischen Nichtangriffsvertrag 1934 verknüpft die NS-Diktatur die Hoffnung auf eine mit mehr oder wenig Druck erreichte einvernehmliche Lösung, um den Durch- und Aufmarsch der hochgerüsteten deutschen Armeen zu ermöglichen. Im Antikominternpakt will man alle anti-bolschewistischen Kräfte sammeln, um die Sowjetunion einzukreisen. Ein „Kreuzzug Europas gegen den Bolschewismus“ wird proklamiert. Bekanntlich scheitern diese Pläne, obwohl Frankreich und Großbritannien Hitler im Münchener Abkommen weit entgegen kommen. Deutschland vollzieht mit dem Ribbentrop-Molotow-Pakt eine taktische Kehrtwende, die alle Gegner Hitlers, sowohl im deutschen Widerstand als auch im Ausland, in tiefe Ratlosigkeit und Resignation stürzt.
Die Spitzen des NS-Regimes sind sich jedoch darin einig, dass die Realisierung ihrer Vorstellungen vom Lebensraum im Osten nur aufgeschoben und nicht aufgehoben ist. Schon im November 1939 deutet Hitler an, dass er eine große Operation gegen Rußland plane. Indes üben vor allem SS und Polizei im besetzten Polen bereits die Methoden des Vernichtungskrieges ein, vor allem polnische Intellektuelle, Militärs und Lehrer aber auch psychisch Kranke und Juden sind die Hauptopfer.

Die konkreten Vorbereitungen der Wehrmacht für den großen Ostkrieg setzen bereits im Frühsommer 1940 ein. Mit dem Kriegsgerichtsbarkeitserlass vom 13. Mai 1941, verfasst vom Chef des OKW Wilhelm Keitel, wird der Truppe weitgehend freie Hand bei Gewalttaten gegen Zivilisten gelassen, ein Freibrief für den Vernichtungskrieg.
Nach dem Kommissarbefehl vom 6. Juni 1941, unterzeichnet von Alfred Jodl, gleichfalls OKW, sollen alle politischen Kommissare sofort hinter der Front ermordet werden. In den Bestimmungen des Befehls kommt die Vermischung von antijüdischen und antibolschwistischen Feindbildern, wie sie auch von der Wehrmacht geteilt werden, klar und deutlich zum Ausdruck. Etwa zur gleichen Zeit arbeiten Wissenschaftler der Friedrich-Wilhelm-Universität in Berlin mit Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft an gigantischen Plänen zur Besiedlung der durch Hunger, Massenmord und Vertreibungen leer gesäuberten neuen Siedlungsgebiete für deutsche Bauern und Kriegsgewinnler, von ca. 30 Millionen Opfern auf Seiten der sowjetischen Bevölkerung gehen die Wissenschaftler dabei aus. SS und Polizei bereiten sich darauf vor, im Rücken der Front eine schon in Polen eingeübte und noch zu steigernde Terrorherrschaft aufzubauen.

Die allumfassende Gewalt beginnt schon in den ersten Tagen nach dem Angriff. In Litauen verüben die Deutschen mit Unterstützung der örtlichen Bevölkerung die ersten Massaker an Juden. Schon im Sommer 1941 gehen diese vereinzelten Massaker in die Praxis der systematischen Judenvernichtung, den Holocaust, über. Zusammen mit den Juden werden, ohne dass es eines besonderen Befehls bedurft hätte, Roma sowie Kranke in psychiatrischen Anstalten und Pflegeheimen ermordet. Der Krieg gegen die SU beseitigt jegliche möglicherweise noch existierende Skrupel. Die unvergleichlichen Völkermordverbrechen beginnen zwar in der Sowjetunion, sie dehnen sich aber bald von dort auf das ganze besetzte Europa aus.
In den Kriegsgefangenlagern setzt die geplante Vernachlässigung der sowjetischen Soldaten ein mit der Folge, dass bis zum Ende des gleichen Jahres bereits etwa 1,4 Millionen Rotarmisten, das sind fast 60 Prozent aller sowjetischen Kriegsgefangenen, unter erbärmlichsten Bedingungen an Hunger und Seuchen sterben. Die dem Kommissarbefehl folgenden, vielfach willkürlichen Selektionen, die immer häufiger auch einfache Soldaten erfassen, führen auch schon im Juli zu ersten Massenmordaktionen. Am 1. September 1941, also nur 10 Wochen nach Kriegsbeginn, werden auch die reichsdeutschen Konzentrationslager zu Tatorten der Massenmorde an den sowjetischen Kriegsgefangenen. In der zentralen Verwaltung des KZ Terrors, im sogenannten T-Gebäude von Oranienburg, wird von den KZ-Kommandanten über die Tötungsmethoden an Zehntausenden Rotarmisten diskutiert. 13.000 von ihnen werden mit Hilfe einer Genickschußanlage, nur 30 Kilometer entfernt von hier im KZ Sachsenhausen innerhalb von zehn Wochen ermordet. Zur gleichen Zeit füllen sich die Massengräber, die neben den zahlreichen Stalags der Wehrmacht in der Nachbarschaft deutscher Städte und Dörfer ausgehoben werden.
Als sich im besetzten Hinterland nicht zuletzt aufgrund der großen Brutalität des Vernichtungskrieges der erste Widerstand regt, steigern sich auch die Anti-Partisanen-Aktionen zu einem massenhaften Gemetzel. Wir wissen bis heute nicht, wie viele Dörfer zusammen mit ihren Bewohnern, mit Kindern, Frauen und Männern, völlig zerstört, niedergebrannt und von der Landkarte getilgt werden. Sind es Hunderte, sind es Tausende? Vor allem in Weißrußland tobt der als Anti-Partisanenkampf verharmloste und bis in unsere Tage hinein als unvermeidliche Repressalie gerechtfertigte Vernichtungskrieg,
Gemäß den schon 1941 formulierten ausgearbeiteten Plänen, wie sie der Generalplan Ost oder der Kahlfraß- und Hungerplan von Staatssekretär Herbert Backe vorsehen, rauben die deutschen und die mit ihnen verbündeten Truppen der Bevölkerung in der SU nicht nur jegliche Lebensgrundlagen, sondern zerstören sie auch langfristig. Viele Privatbilder der Soldaten, die sie in die Heimat zurückschicken, zeigen die Männer unter den Stahlhelmen, wie sie lachend Schweine und Kühe aus den Ställen heraustreiben, wohl wissend, dass sie die Bauern und ihre Familien damit dem Hungertod überantworten. Das völlige Aushungern ganzer Städte, wie Leningrad, gehöre zum Monate zuvor kühl kalkulierten Schlacht- und Kriegsplan der Wehrmacht, wie Panzerangriffe und Luftterror. Besonders schwer betroffen von der Hungerpolitik sind u. a. die Städte in der Nordostukraine.

Nach dem Scheitern des Blitzkrieges vor Moskau im Winter 1941 erkennen die Spitzen von Staat, Wehrmacht, Partei und Wirtschaft, dass sie den Krieg nur weiter führend können, wenn sie Millionen von Zwangsarbeitern nach Deutschland verschleppen. Für viele Männer, Frauen und sogar Kinder, die die die systematischen Menschenjagden, veranstaltet u. a. von Beamten deutscher Arbeitsämter, überleben, bedeutet der Arbeitseinsatz jedoch keinesfalls, dass sich ihre Situation entscheidend verbessert. Die als Ostarbeiter stigmatisierten Menschen leben unter den Deutschen vielmehr wie Parias, erhalten kaum Nahrung und sterben auch weiterhin in großer Zahl an Misshandlungen, Hunger und Krankheiten und werden bei der geringsten Widersetzlichkeit an Ort und Stelle oder in Konzentrationslagern hingerichtet. Besonders schlimm ist z. B. die Situation der sowjetischen Kriegsgefangenen in den Kohlengruben des Ruhrgebietes, in denen Krupp und andere Unternehmer die Arbeitskräfte der Zwangsarbeiter bis zum Tod durch völlige Erschöpfung skrupellos auspressen. Das Leben eines „Russen“, wie man die vor sich hin taumelnden Skelette abfällig nennt, ist keines Aufhebens wert. So beteiligt sich nicht nur die Front, sondern auch die Heimat am Vernichtungskrieg.
Mit dem Vormarsch der Roten Armee und der sich abzeichnenden Niederlage des „Dritten Reiches“, das jetzt an allen Fronten harte militärische Abwehrkämpfe führt, sind nicht etwa die Massenmorde an den Zivilisten rückläufig, sondern sie steigern sich erneut. Die Politik der verbrannten Erde hinterlässt kein lebendiges Wesen mehr. Die Menschen werden vor den sich zurückziehenden Truppen her getrieben und, wenn sie den Rückzug behindern, ohne große Umstände getötet. Das unermessliche Ausmaß der Rückzugsverbrechen liegt weitgehend immer noch im Dunkeln. Die Sicherheitspolizei richtet eigene Sonderkommandos ein, um die über alle vorhandenen Massengräber auszuheben und die Leichen zu verbrennen.
Auch in Deutschland steigert sich die Politik der allgemeinen Lebensvernichtung immer mehr, je näher die Fronten rücken. Selbst wenn der Geschützdonner der alliierten Armeen schon zu hören ist, werden die Opfer zusammen getrieben und auf die unterschiedlichste Art und Weise grausam ermordet, so z. B. in Zuchthäusern und in den verschiedensten Lagern. Dabei fällt auf, dass neben den Juden vor allem die sogenannten Ostarbeiter als erste selektiert und getötet werden.

Es hat in Deutschland sehr lange gedauert, bis die schrecklichen Dimensionen des Vernichtungskrieges in der SU zumindest in groben Zügen anerkannt wurden. Eine Strafverfolgung fand wenn überhaupt dann ab dem Ende der fünfziger Jahre nur gegen SS- und Polizeieinheiten statt. Schon im Nürnberger Prozess hatte die Wehrmachtsführung alle Schuld auf Hitler, Himmler und seine SS-Einheiten geschoben. Trotz zahlloser Wehrmachtsverbrechen kam es vor deutschen Gerichten nur in ganz wenigen Ausnahmefällen zur Anklageerhebung gegen Offiziere und Soldaten. Die Lüge von der „sauberen Wehrmacht“ ermöglichte es vielmehr, dass jemand wie Adolf Heusinger, der für die Koordination des Anti-Partisanen-Kampfes zuständig gewesen war, zum ersten Generalinspekteur der Bundeswehr ernannt wurde. Zahlreiche Kasernen trugen noch in den achtziger und neunziger Jahren die Namen von ranghohen Wehrmachtsoffizieren, wie z. B. die in Füssen nach Generaloberst Eduard Dietl benannte Unterkunft der Bundeswehrsoldaten. Der von Hitler sehr geschätzte Wehrmachtsoffizier hatte sich aktiv an den Massenmorden im Rahmen des Kommissarbefehls beteiligt. Erst 1995 wurde die Kaserne gegen den heftigen Widerstand der Traditionsverbände umbenannt. Über viele Jahrzehnte wurden die geplanten und mit großer Grausamkeit begangenen Massenmorde und Verbrechen des Vernichtungskrieges gegen die SU entweder verharmlost oder relativiert, indem man auf die Übergriffe und Verbrechen von Soldaten der Roten Armee bei der Besetzung Deutschlands hinweist.
Zwar hat sich seit der Wehrmachtsausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung Mitte der neunziger Jahre die Beurteilung des Vernichtungskrieges gegen die SU und insbesondere die Einschätzung der Rolle der Wehrmacht geändert, aber nach wie vor liegen die im Rahmen des Barbarossa-Feldzuges begangenen, heute hier nur in Ansätzen zu beschreibenden Verbrechen im Erinnerungsschatten, wie Bundespräsident Joachim Gauck im vorigen Jahr zurecht gesagt hat. Immer noch begegnet man nicht selten einer irritierenden Reserviertheit bei nicht wenigen Deutschen, wenn nicht sogar einer von starken Vorurteilen gegenüber Rußland geprägten Ablehnung, obwohl sich diese nur noch bei ganz wenigen Menschen mit eigenen möglicherweise schlimmem Erfahrungen begründen läßt. Daher ist es an der Zeit, nein es ist lange überfällig, dass endlich hier im Zentrum Berlins ein Gedenkort und ein Erinnerungszeichnen für die Millionen Opfer der geplanten Lebensvernichtung im Osten errichtet werden.
Hinweis auf Beschluss des Arbeitskreises I der Berlin-Brandenburgischen Gedenkstätten auch deshalb den Schwerpunkt der Veranstaltungen in diesem Jahr auf die Erinnerung an die Millionen Opfer des Vernichtungskrieges gegen die SU zu legen. Bis Dezember werden mindestens 15 Veranstaltungen in den Berlin.-Brandenburgischen Gedenkstätten dazu stattfinden, Lesungen, Zeitzeugengespräche, Ausstellungen, Filmvorführungen und Gedenkveranstaltungen. Damit wollen die NS-Gedenkstätten die besondere Bedeutung dieses 75. Jahrestages würdigen.

Dank an:
– Kulturstaatsministerin für Finanzierung der Ausstellung
– An das Bezirksamt Mitte für die Erlaubnis die Ausstellung am Potsdamer Platz zu zeigen,
– An Frau Dagmar von Wilcken für die Gestaltung
– An Frau Breithoff, der Koordinatorin der Ausstellung

Belgische Häftlinge im Konzentrationslager Sachsenhausen 1940-45. Tag der Opfer des Nationalsozialismus 27. Januar 2016

 

TAG DER OPFER DES NATIONALSOZIALISMUS

27.JANUAR 2016

 

 

BELGISCHE HÄFTLINGE IM KONZENTRATIONSLAGER SACHSENHAUSEN

1940-45

 

BEGRÜSSUNG UND EINFÜHRUNG

PROF. DR. GÜNTER MORSCH

 

 

 

Sehr geehrte Überlebende der Lager und Opfer des Nationalsozialismus

Sehr geehrte Frau Stark, Präsidentin des Brandenburger Landtages,

sehr geehrte Frau Schillhaneck, Vizepräsidentin des Berliner Abgeordnetenhauses

Sehr geehrte Frau Detaille, Gesandte  des Königreiches Belgien,

Herr Justizminister Dr. Markov,

Herr Staatssekretär Gorholt,

Sehr geehrter Herr Peeters,

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

 

Im Namen der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten sowie der Gedenkstätte und dem Museum Sachsenhausen begrüße ich Sie ganz herzlich zu unserer heutigen Gedenkveranstaltung. 1996 hat der damalige Bundespräsident Roman Herzog auf Anregung des unvergessenen Präsidenten des Zentralrates der Juden in Deutschland, Ignatz Bubis, den Jahrestag der Befreiung der Häftlinge des Konzentrationslagers Auschwitz zum Gedenktag für alle Opfer des Nationalsozialismus erklärt. In dieser Proklamation heißt es: „Die Erinnerung darf nicht enden“, sie muss auch künftige Generationen zur Wachsamkeit mahnen. Es ist deshalb wichtig, nun eine Form des Erinnerns zu finden, die in die Zukunft wirkt. Sie soll Trauer über Leid und Verlust ausdrücken, dem Gedenken an die Opfer gewidmet sein und jeder Gefahr der Wiederholung entgegenwirken.“

 

Inzwischen wird dieser Tag nach einem Beschluss der Vollversammlung der Vereinten Nationen in der ganzen Welt begangen. In Brandenburg richten die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten und der Landtag diesen Tag seit seiner Einführung gemeinsam am authentischen Ort der Verbrechen aus, dort wo sich u. a. die Zentrale aller Konzentrationslager befand, in der Gedenkstätte und dem Museum Sachsenhausen. Dafür möchte ich Ihnen sehr geehrte Frau Landtagspräsidentin, dem Präsidium sowie allen Fraktionen des Brandenburgischen Landtages, die diesen Beschluss mittragen, ganz herzlich danken.

Es ist mir dabei eine große Freude, auch in diesem Jahr wieder die anwesenden Abgeordneten des Brandenburgischen Landtages sowie des Berliner Abgeordnetenhauses begrüßen zu dürfen. Ich begrüße ferner die Vertreter der Brandenburgischen Landesregierung und des Berliner Senats. Ich begrüße den Landrat des Kreises Oberhavel, den Bürgermeister der Stadt Oranienburg und die Mitglieder des Kreistages sowie der Stadtverordnetenversammlung. Ganz besonders dankbar sind wir, dass erneut Angehörige und Repräsentanten ausländischer Botschaften und Mitglieder des diplomatischen Corps an unserer Gedenkveranstaltung teilnehmen. Ich danke außerdem allen Vertretern der Parteien, der Gewerkschaften und der Wirtschaft, der Kirchen sowie der jüdischen Gemeinden. Ich begrüße die Vertreter von Hochschulen und Schulen sowie von Opferverbänden. Ganz besonders freuen wir uns auch über die Anwesenheit der Schülerinnen und Schüler.

 

In der Gedenkstätte und dem Museum Sachsenhausen haben wir die Gedenkveranstaltung zum Tag der Opfer des Nationalsozialismus bisher immer einer speziellen Gruppe unter den zahlreichen Opfern des NS-Terrors im KZ Sachsenhausen gewidmet. Dabei ging und geht es uns zum einen darum, die große Vielfalt und Unterschiedlichkeit der Gegner und Opfer des NS-Regimes deutlich werden zu lassen. Wir entsprechen damit vor allem auch dem Wunsch der Überlebenden, wie er immer wieder mit großem Nachdruck geäußert wurde. Zum anderen wollen wir den Anlass nutzen, um die besondere Aufmerksamkeit von Öffentlichkeit und Gesellschaft auf Opfergruppen und historische Ereignisse zu lenken, die im Laufe der Jahre zumindest zeitweise aus dem Blick geraten sind, vergessen oder sogar verdrängt wurden oder für deren Auswahl es einen besonderen kalendarischen Anlass gibt.

 

Die Gedenkstätte Sachsenhausen hat sich in Abstimmung mit der Präsidentin des Brandenburgischen Landtages entschlossen, in diesem Jahr den Tag der Opfer des Nationalsozialismus den belgischen KZ-Häftlingen zu widmen. Ich freue mich daher sehr, unter uns die Angehörigen von Etienne van Ploeg, Louis Kiebooms und Prof. Dr. Florent Peeter willkommen zu heißen. Wir fühlen uns, verehrte Angehörige, durch Ihre Anwesenheit hoch geehrt und danken Ihnen ganz herzlich dafür, dass Sie aus Belgien hierhergekommen sind, um mit uns zusammen das Andenken an die belgischen Opfer des nationalsozialistischen Terrors im Konzentrationslager Sachsenhausen zu ehren.

 

 

Das Königreich Belgien gehörte wie schon im Ersten Weltkrieg zu einem der ersten Opfer des nationalsozialistischen Eroberungskrieges. Seine 1939 bei Beginn des Zweiten Weltkrieges erklärte Neutralität hinderte die Nationalsozialisten nicht daran, das im Vergleich zu Deutschland oder Frankreich relativ kleine Land gemeinsam mit Luxemburg und den Niederlanden militärisch zu unterwerfen. Als die deutschen Truppen am 10. Mai 1940 die Grenzen überschritten, erinnerten sich viele Einwohner des neuralen Königreiches sofort an das brutale Besatzungsregime, das das Deutsche Kaiserreich während des „Grande Guerre“ zwischen 1914 und 1918 dort errichtet hatte. Doch der Terror, mit dem die deutsche Militärverwaltung in der Zusammenarbeit mit Gestapo und SD Belgien überzog, war ungleich brutaler. Trotzdem war, darin ist sich die wissenschaftliche Literatur einig, die Erfahrung der Besatzungsherrschaft im Ersten Weltkrieg bei der Herausbildung des belgischen Widerstandes 25 Jahre später von entscheidender Bedeutung. Am 28. Mai, nach achtzehn Tagen militärischem Widerstand, kapitulierte der belgische König. Während das „Dritte Reich“ Teile Ostbelgiens, insbesondere in Eupen-Malmedy, annektierte, wurden die übrigen Teile zusammen mit zwei Départements Frankreichs unter Militärverwaltung gestellt. Obwohl auch in Belgien in den dreißiger Jahren faschistische, antisemitische und nationalistische Bewegungen erstarkt waren, entstanden die ersten Widerstandsbewegungen schon wenige Wochen danach. Sie kamen aus bürgerlich-patriotischem Milieu, aus dem Kreise monarchistischer Anhänger ebenso wie aus den Reihen der Sozialisten und Kommunisten. Französischsprachige Wallonen waren in den zunächst eher kleinen Widerstandsgruppen ebenso vertreten wie niederländisch sprechende Flamen und Angehörige deutsch sprechender Bevölkerungsteile, die die Annexion von Teilen Ostbelgiens ablehnten. Auch wenn es mehrere Versuche gab, den Widerstand zu einen, so blieb er bis zum Kriegsende ein sehr heterogenes Phänomen.

 

Im Laufe des Krieges wuchsen Opposition und Widerstand in Belgien immer mehr an, insbesondere nachdem die deutschen Besatzer im Herbst 1942 die allgemeine Arbeitspflicht einführten. Streiks und Arbeitsverweigerungen weiteten sich aus, auch gewaltsame Anschläge nahmen zu. Was vereinzelt begonnen hatte, weitete sich aus. Die Deutschen antworteten mit einer blutigen Repressionswelle.

 

Die Verfolgung der Juden sowie der Sinti und Roma setzte ebenfalls sofort nach der militärischen Niederlage des Königreiches ein. So wie die allermeisten westeuropäischen Juden wurden sie zunächst nicht in die Konzentrationslager verschleppt. Nach Stigmatisierung und Ausgrenzung mussten die Opfer des nationalsozialistischen Rassenwahns entweder direkt aus Sammellagern in Belgien, wie z. B. aus Mechelen, oder auf den Umweg über französische Internierungslager wie Gurs die Züge besteigen, die sie den großen Tatorten des Völkermordes vornehmlich in Polen zuführte. Erst als diese durch die Rote Armee befreit zu werden drohten, verschleppte die SS die wenigen überlebenden Juden sowie Roma und Sinti im Rahmen grausamer Todesmärsche auch in die Konzentrationslager des Altreiches, so eine bisher unbekannte Zahl belgischer Juden auch nach Sachsenhausen.

 

Ganz ähnlich wie die allgemeine Entwicklung des politischen Widerstandes in Belgien, so stellt sich auch der Verlauf der Einlieferungen belgischer Häftlinge in das KZ bei der Reichshauptstadt dar. Schon wenige Wochen nach der Kapitulation des Königreiches registrierte die Lagerverwaltung am 22. Juni 1940 die ersten 23 belgischen Bürger als sogenannte Neuzugänge; sechs weitere Belgier folgten im weiteren Verlauf des Jahres. Die meisten von ihnen waren unmittelbar nach der Besetzung von den Deutschen nach offenbar vorbereiteten Listen verhaftet worden. Das galt sicherlich auch für Henri Michel, den damaligen Chefredakteur der Zeitung „Grenz-Echo“ aus Eupen-Malmedy. In seiner deutschsprachigen Zeitung, die stark von der katholischen Kirche beeinflusst war, hatten er und seine Redakteure sich eindeutig und immer wieder gegen eine Angliederung Eupen-Malmedys an das Deutsche Reich ausgesprochen. Ähnlich wie er waren die 1940 nach Sachsenhausen über verschiedene Gefängnisse verschleppten Belgier, wie der Bürgermeister von Malmedy, Josef Werson, der Polizeikommissar von Eupen, Fritz Hennes sowie Leo Krafft aus Eupen, Josef Potelle aus Malmedy, Gemeindesekretär Herbert Rütten sowie der Heimatdichter Henri Bragard in erster Linie wegen ihres belgischen Patriotismus nach Sachsenhausen transportiert worden.

 

An dieser Einlieferungspraxis scheint sich auch in den beiden folgenden Jahren 1941 und 1942 wenig geändert zu haben. Die Anzahl der belgischen Häftlinge in Sachsenhausen blieb in dieser Zeit relativ klein, wahrscheinlich waren es insgesamt weniger als 50 Personen, die in der Masse der 10.-15.000 Häftlinge fast untergingen. Trotzdem scheinen sie sich nicht aus den Augen verloren zu haben, wie die Erinnerungen, die einige von den ersten belgischen Häftlingen schon bald nach ihrer Befreiung publizierten, vermuten lassen. Das lag nicht zuletzt daran, dass unter den Neuankömmlingen Persönlichkeiten waren, die den Zusammenhalt der wenigen, über das Lager verstreut inhaftierten Belgier stärkten. Dazu zählten sicherlich die beiden 1941 nach Sachsenhausen verschleppten katholischen Geistlichen, Pfarrer Maurice de Backer und Pater Jacques Magnée. Sie fielen den wenigen belgischen Landsleuten, die die sogenannten Neuen genau beobachteten, bei ihrer Einlieferung auf dem Appellplatz, auf dem die Konzentrationslager-SS die sogenannten Neuzugänge zumeist über viele Stunden stehen ließen und sie misshandelte, durch den Schnitt ihrer Soutane gleich als belgische Priester auf. Sie wurden zu heimlichen Seelsorgern der kleinen Gruppe belgischer Katholiken, bevor die SS sie, wie alle Geistlichen in das KZ Dachau weiter transportierte.

 

Ein ähnlicher, den Zusammenhalt der Belgier verstärkender Effekt bewirkte auch die Einlieferung von drei verantwortlichen Journalisten der flämisch-katholischen Zeitung „Gazet van Antwerpen, Dr. Louis Kiebooms, Alfred Somville und Verwaltungspräsident Joseph de Hasque. Bereits seit Januar 1941 befand sich außerdem der Publizist und Doktor der Philosophie Florent Peeters im KZ Sachsenhausen. Auch er war, wie die anderen genannten Personen, ein bekennender konservativer belgischer Patriot. Er konnte sich, wie die meisten anderen Genannten, in mehreren Sprachen gut verständigen und interessierte sich stark für Kultur, Theologie und Geschichte. Es kann nicht verwundern, dass die zumeist katholischen, patriotischen und intellektuellen belgischen Häftlinge trotz ihrer geringen Anzahl offenbar zueinander fanden, obwohl die SS sie zunächst auf unterschiedliche Kommandos verteilte. Der Hauptschriftleiter der heute noch erhältlichen Zeitung „Gazet von Antwerpen“, Louis Kiebooms, soll sogar, das berichtet Henri Michel, am 21. Juli 1941 auf einer Bank im Lager vor belgischen Häftlingen eine „Festansprache zum belgischen Nationalfeiertag“ gehalten haben. Er habe dabei, das stellt sein Kollege des „Grenz-Echos“ fest, keinen Unterschied zwischen Wallonen und Flamen gemacht. Umgekehrt würdigte Louis Kiebooms den verstorbenen Michel am 24 Juni 1976 in einer Grabrede mit folgenden Worten: „Während der gesamten Dauer unserer Gefangenschaft gehörte Henri Michel nicht nur zur Gemeinschaft der Belgier,…,  sondern auch zu einem engeren Kreis von Freunden, die durch vielerlei Bande miteinander verbunden waren….Er genoss früh das Vertrauen der gesamten internationalen Gemeinschaft von Sachsenhausen, die von den Häftlingen selbst organisiert und geleitet wurde… Dank seiner Hilfe und der vieler Belgier, die sich in einer vaterländischen Solidarität einander beistanden, konnten wir überleben.“

 

Mit der Zunahme von Repression und Terror durch die deutsche Besatzungsmacht sowie dem immer stärkeren Aufleben des Widerstandes nahmen 1943, 1944 und 1945 die Transporte von Belgiern nach Sachsenhausen enorm zu. Am 31. Dezember 1943 verzeichnete die Lagerverwaltung von Sachsenhausen bei einer Gesamtzahl von fast 29.000 Häftlingen bereits 185 Belgier, genau ein Jahr später notierte sie bei einer Verdoppelung der Anzahl aller Häftlinge eine Verzehnfachung der Belgier. Maßgeblich dafür waren vor allem drei größere sogenannte Sammeltransporte: im April 1944 kamen aus dem Strafgefangenlager der Justiz in Esterwegen zunächst 40 Belgier; im August und September 1944 verschleppte die SS auf Befehl der Oranienburger KZ-Inspektion etwa 1.100 belgische Häftlinge aus dem in Holland bei Vught liegenden Konzentrationslager Herzogenbusch nach Sachsenhausen und zwei Monate später, im November 1944 trieb die SS noch einmal mehr als 300 belgische Gefangene auf den Appellplatz. Letztere waren im letzten Augenblick bei Küstrin liegenden Zuchthaus Sonnenburg per Eisenbahn nach Oranienburg transportiert worden, wenige Wochen bevor im Januar 1945 dort mehr als 800 Justizgefangene von Polizisten und SS-Männern in einem Massaker grausam ermordet wurden.

 

Die Herkunft der Häftlinge, vor allem aus den Justizstrafanstalten Esterwegen und Sonnenburg, aber auch aus dem KZ Herzogenbusch, läßt erkennen, um welche Gruppe von Inhaftierten es sich bei der großen Mehrheit der Neuankömmlinge handelte, nämlich um sogenannte „Nacht- und Nebel-Gefangene. Diese politischen Gegner und Widerstandskämpfer ließ die deutsche Besatzungsmacht durch Sondergerichte verurteilen und verschleppte sie dann häufig, selbst bei Freisprüchen, in die Strafanstalten und Lager der Nazi-Justiz, ohne dass die Angehörigen auch nur den geringsten Hinweis über ihren Verbleib erhielten und daher lange Zeit mit quälender Ungewissheit auf ein Lebenszeichen warteten. Zwei Beispiele will ich nennen: Eugène Soumenkoff, geboren 1921 in Brüssel, wurde im Herbst 1941 wegen seiner Beteiligung an der belgischen Widerstandsbewegung verhaftet und im April 1942 zum Tode verurteilt. Das Urteil wurde nicht vollstreckt und der Medizinstudent wurde anstatt dessen im Zuchthaus Sonnenburg inhaftiert. Dort betätigte er sich als Dolmetscher, wodurch er vielen seiner Kameraden helfen konnte. Am 14. November 1944 transportierte die SS ihn in das KZ Sachsenhausen, wo Soumenkoff, der nach dem Krieg als Arzt praktizierte, im Krankenrevier des Lagers vielen Häftlingen mit seinen medizinischen Kenntnissen helfen konnte. Leon Messein, geboren 1900 in Brüssel, schloss sich dagegen der französischen Widerstandsbewegung an und schleuste geflohene Kriegsgefangene in die nicht besetzte Zone Frankreichs. Die Gestapo verhaftete ihn 1943 und transportierte den Hotelbesitzer in das Zuchthaus Sonnenburg. Er kam mit dem gleichen Transport wie Soumenkoff nach Sachsenhausen, wo er während eines alliierten Bombardements umkam. Außer den N-N-Häftlingen verschleppten die Nazis auch weiterhin zahlreiche Belgier direkt nach Sachsenhausen. So erging es auch Etienne van Ploeg, der wegen Arbeitsverweigerung verhaftet worden war.  Die allermeisten belgischen N-N-Häftlinge, insbesondere die aus dem aufgelösten KZ Herzogenbusch, überstellte die Lagerverwaltung in das Außenlager Heinkel, wo sie Zwangsarbeit beim Bau von Bomben- und Jagdflugzeugen leisten mussten.

 

Zur gleichen Zeit, im Spätherbst 1944, und verstärkt Anfang 1945, müssen auch belgische Juden sowie Roma und Sinti in den weit gespannten KZ-Kosmos von Sachsenhausen gelangt sein. Sie kamen zumeist auf Todesmärschen aus den aufgelösten Vernichtungslagern des Ostens oder aus anderen Zwischenlagern, wie Buchenwald, und wurden häufig auf Außenlager des KZ Sachsenhausen verteilt. Leider wissen wir über diese Gruppe von Häftlingen kaum etwas, da die Lagerverwaltung es nicht für erforderlich hielt, die überlebenden Opfer der rassistischen Vernichtungspolitik des „Dritten Reiches“ namentlich zu erfassen. Etwas anders verfuhr die SS dagegen mit den insgesamt ca. 20.000 Häftlingsfrauen der KZ-Kommandos und -Außenlager, die zunehmend ab 1944 auch Sachsenhausen unterstellt wurden. Leider sind die Unterlagen der zahlreichen Frauenkommandos, von Auer in Oranienburg, über Siemens in Berlin bis zu Pertrix in Schöneweide, gleichfalls verloren gegangen. Wir kennen aber aus dem allerdings nur sehr unvollständigen Totenbuch immerhin die Namen von 23 Belgierinnen, die Sachsenhausen nicht überlebten. Wenige Wochen vor der Befreiung trafen schließlich im Februar 1945 zwei große Transporte mit jeweils ca. 130 Belgiern aus den Konzentrationslagern Buchenwald und Mauthausen ein. Inwieweit in diesen Häftlingsverschiebungen von einem KZ zum anderen, die in der Endphase nicht untypisch waren, besondere Gruppen von belgischen Häftlingen waren, können wir jedoch derzeit nicht sagen.

 

Schon mit den zunehmenden Transporten 1943 kamen vermehrt auch Belgier, die aus den Widerstandsorganisationen der belgischen Arbeiterbewegung stammten. Darunter befanden sich z. B. der Sozialist Gaston Hoyaux sowie der Kommunist Xavier Relecom. Während Hoyaux bis 1938 Bürgermeister einer flandrischen Kleinstadt war, gehörte Relecom als Generalsekretär in Brüssel zum Führungskreis der kommunistischen Widerstandsbewegung. Das größte Aufsehen nicht nur unter den belgischen Häftlingen erregte die Inhaftierung des ehemaligen belgischen Ministers für Arbeit Arthur Vanderpoorten. Der knapp sechzigjährige liberale Politiker kam in einem sehr schlechten Gesundheitszustand im September 1943 nach Sachsenhausen. Die Lager-SS wies ihn in das Krankenrevier ein, wo ihn Häftlingsärzte langsam gesund pflegten. Auch Vanderpoorten gehörte zu den N-N-Häftlingen und durfte daher weder Briefe schreiben noch Pakete empfangen. Es mag sein, dass der selbstbewusste und politisch ungebrochene ehemalige Minister mehr und mehr Belgier, unter ihnen vor allem die Intellektuellen, Journalisten, Schriftsteller und Ärzte, um sich herum im Krankenrevier versammelte. Auf diese Weise wurde das Krankenrevier des KZ Sachsenhausen, wie Florent Peeters in seinen Erinnerungen schreibt, immer mehr zu einer Art „belgischer Kolonie“. In den Krankenbaracken, in die sich die SS aus Angst vor Ansteckungsgefahr nur selten hinein traute, entstand auf diese Weise um Vanderpoorten herum ein kleiner politischer Diskussionszirkel, dem sich gelegentlich auch der im Krankenrevier inhaftierte spanische Ministerpräsident Largo Caballero sowie dort ebenfalls gefangene ehemalige holländische Wirtschaftsminister Timotheus Verschuur anschlossen.

 

Im Januar 1945 begann die Konzentrationslager-SS mit Vorbereitungen zur Evakuierung des Lagers. Vor allem das Krankenrevier war ein bevorzugter Ort der Selektionen durch die SS-Ärzte, die einen Teil der Kranken entweder direkt in den speziellen Tötungseinrichtungen Sachsenhausens ermordeten oder aber auf die Transportliste nach dem Sterbelager Bergen-Belsen setzten, wo sie, wie Arthur Vanderpoorten und nicht wenige andere Belgier, noch kurz vor der Befreiung den Tod fanden. Die belgische Gruppe jedoch scheint auch nach den Selektionen im Wesentlichen ihren Zusammenhalt bewahrt zu haben. Sie bereitete sich auf den Ausmarsch aus dem Lager vor, der am 21. April begann. Um 17.00 Uhr marschierte auch ein Block von 500 überwiegend belgischen Häftlingen aus dem Lager und ging auf den Todesmarsch, auf dem sie sich gegenseitig stützten und halfen. Darüber berichtet Georges Odou in seinen Erinnerungen wie folgt: „Von nun an beobachteten wir immer häufiger, dass der Zugführer alle diejenigen per Genickschuss tötete, die zurückblieben, weil sie dem Marschtempo nicht mehr folgen konnten. Ich hatte Glück, dass ich in guter körperlicher Verfassung war, mich zudem zwischen den Belgiern Relecom und Dubocq befand. Wir stützten und unterstützten uns gegenseitig so gut es ging.“  Der junge, in Brüssel geborene Arzt Dr. Michel Goffart, der als Nacht- und Nebel-Häftling im Juni 1944 nach Sachsenhausen kam und dort im Krankenrevier als Häftlingsarzt arbeitete, begründet diesen Zusammenhalt in seinen 1948 erschienen Erinnerungen auf ganz unprätentiöse Weise, wie folgt: Durch den engen Kontakt im Lager mit den vielen anderen Nationen haben die belgischen Häftlinge gelernt, dass sie trotz der unterschiedlichen Sprachen, die sie trennte, einfach nur Belgier waren und sich dadurch näher standen als zu den Holländern oder zu den Franzosen.

 

Den Zusammenhalt auch nach der Befreiung aus den Lagern nicht zu verlieren, das mag einer der entscheidenden Gründe dafür gewesen sein, warum die belgischen Überlebenden schon im September 1945, viel früher als andere Nationen, die „Amicale Nationale des Prisonniers Politique de Sachsenhausen-Oranienburg“ als eingetragenen Verein gründeten. Unter den Gründungsmitgliedern sowie im Vorstand der Vereinigung waren alle politischen Richtungen des belgischen Widerstandes und auch alle Sprachengruppen vertreten. In einer Broschüre, die KZ-Überlebende 1954 publizierten, verlegten sie sogar das Gründungsdatum ihrer Organisation auf den Herbst 1944. Die Amicale, so führten sie darin aus, entstand im Konzentrationslager als illegales Komitee, gegründet von acht Belgiern, die verschiedenen politischen Richtungen angehörten. Denn ein großes Konzentrationslager, so heißt es dort weiter, ist eine Gemeinschaft von kriegführenden Staaten. Belgien war in Sachsenhausen einer dieser Staaten. In nahezu allen der schon früh erschienenen Erinnerungsschriften belgischer Überlebender kommt der ernste Wille zum Ausdruck, aus den Erfahrungen im Konzentrationslager für die politische Zukunft nicht nur Belgiens, sondern ganz Europas zu lernen. Der Sozialist Gaston Hoyeaux, den die SS im letzten Kriegsjahr von Sachsenhausen nach Buchenwald , das anders als Sachsenhausen schon am 11. April befreit wurde, verschleppt hatte, nahm bereits am 24. April 1945 an einer Gedenkfeier zu Ehren der Opfer des Nationalsozialismus in Belgien teil. Zu einer Zeit, als seine Sachsenhausener Kameraden noch auf dem Todesmarsch um ihr Leben fürchten mussten, appellierte er in einer sehr bewegenden und bis heute aktuellen Rede, die ich deshalb im Original zitieren will, mit folgenden Worten an alle Bürger Europas: „Là bas, dans les camps de concentration, nous nous disions: si nous rentrons au pays, nous continuerons à lutter pour la défense des institutions démocratique, pour la défense de la démocratie, car pour nous la démocratie n’est pas seulement un ensemble des textes. La démocratie, c’est la foi d’un peuple qui croit aux liberté et qui les applique dans toutes les circonstances.”

 

Bevor ich nun das Wort an Sie, sehr geehrte Frau Gesandte Detaille, übergebe, möchte ich Ihnen, liebe Angehörige der Familien Kiebooms, Peeters und van Ploeg, ganz herzlich dafür danken, dass Sie wertvolle Teile des Nachlasses Ihrer Familie der Gedenkstätte übergeben haben. Ein Teil davon zeigen wir in der heute im Zusammenhang mit unserer Gedenkveranstaltung eröffneten und im Eingangsbereich unseres Versammlungsraumes präsentierten Sonderausstellung. Danken möchte ich dafür auch unserer Mitarbeiterin Agnes Ohm, die nicht nur zusammen mit den Kolleginnen und den Kollegen aus den Abteilungen „Sammlung“ und „Technik“ der Gedenkstätte die Ausstellung konzipiert und realisiert hat. Sie hat auch die heutige Veranstaltung organisiert, zu der nach unseren Reden der Schauspieler Tilmar Kuhn sowie der Musiker Jaspar Libuda ein Arrangement aus Texten von belgischen Überlebenden, Bildern Etienne van Ploegs und Eigenkompositionen vortragen werden. Auch ihnen danke ich schon jetzt ganz herzlich.

 

Im KZ Sachsenhausen waren, meine sehr geehrten Damen und Herren, zwischen 1940 und 1945 mehr als 2.200 Belgier inhaftiert. In dem aufgrund von Aktenvernichtungen durch die SS unvollständigen Totenbuch der Gedenkstätte finden sich die Namen von 193 Belgiern, die die vielfältigen Torturen des Konzentrationslagers nicht überlebten. Einen Teil der Namen werden später an der „Station Z“ von Schülerinnen und Schülern des Berliner Alexander von Humboldt-Gymnasiums verlesen.  Ihrer wollen wir heute, am Tag der Opfer des Nationalsozialismus,  ganz besonders gedenken.

“Jetzt kommt die Nagelprobe” Interview ND

»Jetzt kommt die Nagelprobe«

 

Günter Morsch, Leiter der Gedenkstätte Sachsenhausen, über die Erinnerung ohne Zeitzeugen

 

 

Professor Morsch, was wird aus der Erinnerung an die Nazidiktatur und den Widerstand gegen sie, wenn es es keine Zeitzeugen mehr gibt, die Auskunft geben können?

 

Die Gedenkstätten haben sich darauf schon seit geraumer Zeit eingestellt. Spätestens seit Mitte der 1990er Jahre haben wir uns darauf in vielfältiger Weise vorbereitet. Zum einen durch aufwendige Oral-History-Projekte. Tausende Zeitzeugen sind befragt worden. Zum anderen durch die systematische Sammlung von Nachlässen aller Art, die konservatorisch korrekt aufbewahrt und sukzessive akribisch erschlossen werden. Archive wurden angelegt; das betraf weniger die Gedenkstätten in den neuen Bundesländern, denn da waren solche bereits vorhanden, sondern vielmehr die Gedenkstätten in den alten Bundesländern. Und drittens wurde mit einer intensiven Erforschung der Geschichte der Konzentrationslager begonnen. Denn bis dato haben sich die professionellen Historiker – und das gilt für beiden deutschen Staaten sowie die internationale Community – gar nicht oder wenig um die Konzentrationslager gekümmert. Deren Geschichte haben sie lange Zeit den Zeitzeugen allein überlassen, beispielsweise einem Eugen Kogon.

 

Aber es erschienen doch schon in der zeit deutscher Zweitstaatlichkeit wissenschaftliche Monografien über das KZ-System?

 

Sie blieben vereinzelte Ausnahmen. Die universitäre Geschichtswissenschaft ist erst durch selbstbewusste Gedenkstätten herausgefordert worden, die ab Mitte der 1990er Jahre eigene Studien betrieben, und dies sehr erfolgreich. Um ein Beispiel zu nennen: Die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätte hat in ihren Publikationsreihen bis dato 70 Bände publiziert, darin ein riesiger Forschungsertrag.

Der vierte Pfeiler ist die pädagogische Arbeit. Und da muss man sagen, waren die westdeutschen Gedenkstätten in den 1980er Jahren schon weiter entwickelt als die ostdeutschen. Daran konnte man anknüpfen. Und auch hier galt es, eine Pädagogik zu entwickeln, die ohne Zeitzeugen auskommen müssen.

 

Es gibt ein geflügeltes Wort, vom Antisemitismusforscher Wolfgang Benz geprägt, aber meines Erachtens eher scherzhaft und nicht in bieder-ernster Art, wie von einigen Publizisten gebraucht: »Der Zeitzeuge ist der natürliche Feind des Historikers.« Ohne jene, die es erlebten und erlitten, wüssten wir eigentlich nichts. Oder würden der Sicht der Täter auf den Leim gehen.

 

Zweifellos: Zeitzeugen sind nicht zu ersetzen und bleiben unersetzbar. Es gibt aber auch Gedenkstätten, die schon immer ohne Zeitzeugen auskommen mussten. Denken Sie an die Euthanasie-Gedenkstätten; das T 4-Mordprogramm hat keiner überlebt, nur die Täter. Da wurden also schon Methoden entwickelt, wie man pädagogisch ohne Zeitzeugen arbeiten kann. Kurzum: Wir sind schon seit Längerem darauf eingestellt, unseren humanitären Aufgaben als Gedenkstätte – Aufklärung, Erinnerung, Mahnung und Bewahrung – auch ohne Zeitzeugen wahrzunehmen. Die Frage geht also nicht zuerst an die Gedenkstätten, sondern eher an die Gesellschaft. Und da mache ich mir auch Sorgen.

 

Inwiefern?

 

Der Paradigmenwechsel in den 1990er Jahren kam ja nicht von selbst. Viele im Ausland waren aufgrund der Geschichte, insbesondere des Zweiten Weltkrieges, gegenüber der deutschen Einheit sehr skeptisch eingestellt, denken Sie an François Mitterrand, an Margret Thatcher, an Polen, Russen oder Israelis. Bundeskanzler Helmut Kohl war das klar, und nicht nur ihm: Das vereinte Deutschland einen offenen und ehrlichen Umgang mit seiner Geschichte beweisen und das Vertrauen im Ausland dafür schaffen, dass der Terror, mit dem das „Dritte Reich“ fast ganz Europa überzog auch in der Zukunft Teil deutscher Identitäten bleibt. Insofern waren die Gedenkstätten auch außenpolitisch bedeutsam, um dieses Vertrauen zu schaffen.

Nicht zuletzt deshalb wurden daraufhin die großen NS-Gedenkstätten, was in der alten Bundesrepublik bis dahin nicht geschehen war, institutionell gefördert, zunächst jene im Osten, dann auch im Westen. Der Grund: Man hat erkannt, wie wichtig moderne, international anerkannte Gedenkstätten sind, um das Ausland zu überzeugen, dass dieses neue Deutschland, die Berliner Republik, wie man damals sagte, die Vergangenheit nicht vergisst. Auch auf Dauer nicht vergisst. Die Gedenkstätten sind von marginalen Rändern, in denen sie sich in der alten Bundesrepublik befanden, inzwischen in die Mitte der Gesellschaft gerückt.

 

Sie meinen, das heutige Deutschland ist zugepflastert mit Gedenkstätten?

 

Nein, das meine ich nicht. Was ich befürchte ist: Politik könnte die Gedenkstätten mitunter als Foren nutzen, um tagespolitische Ziele zu verfolgen.

 

Geschichte wird instrumentalisiert.

 

Diese Entwicklung, die man vor allem bereits in einigen mittel- und osteuropäischen Ländern beobachten kann, halte ich für ein großes Problem,  Dagegen müssen wir Dämme bauen. Die mittlerweile auch schon fünf Jahre alte Ethik-Charta des International Committee of Memorial Sites (ICMemo), der internationalen Gedenkstätten, war schon eine Reaktion darauf. Für die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit und die weitere Erhaltung der historischen Orte des Terrors in Deutschland kommt erst jetzt die Bewährungsprobe. Wenn es den außenpolitischen Druck nicht mehr gibt, den bisher vor allem die internationalen Überlebendenverbände organisiert haben, wird sich zeigen, ob Deutschland seine Geschichte wirklich angenommen hat.

 

Was verstehen Sie unter Druck? Die Karikaturen in polnischer oder griechischer Presse, die deutsche Politiker in SA- oder SS-Uniformen zeigen?

 

Nein, diese sind nur unpassend und geschmacklos. Ihre Unangemessenheit entlarvt sich, wenn man sich den gegenwärtigen Stand deutscher Erinnerungskultur anschaut. Wir begrüßen in Sachsenhausen oft auch viele diplomatische Vertreter des Auslandes. Und da bekommt die deutsche Erinnerungskultur häufig viel Lob. Wobei man vergisst, dass es lange Jahre große Lücken und heftige Widerstände gegen die Erinnerung an den NS-Terror gab.

 

Welchen Druck meinen Sie dann? Den seitens ehemaliger KZ-Häftlingen und Zwangsarbeiter, die dank vor allem der US-amerikanischen Presse Mitte der 1990er Jahre deutsche Konzerne zwangen, sich endlich ihrer braunen Vergangenheit zu stellen und in einen Entschädigungsfonds einzuzahlen?

 

Das ist wieder ein anderes Thema. Mir geht es um eine außenpolitische Problemlage. Man hört ja momentan immer wieder: Die Deutschen sollten endlich ihre Fixierung auf die NS-Vergangenheit ablegen und europäische oder gar weltpolitische Verantwortung auch militärisch mittragen. In Büchern von wissenschaftlichen Beratern der Bundesregierung kann man lesen, Deutschland sei der neue Hegomon Europas. Da scheint also etwas umgeschlagen zu sein. Deshalb sage ich: Jetzt wird es sich zeigen, wie stark die deutsche Gesellschaft die Erinnerung an den Nationalsozialismus internalisiert hat. Jetzt kommt die Nagelprobe. Wie werden sehen, wie sich die Erinnerungskultur in Deutschland weiter entwickelt.

 

Haben Sie eine Vermutung?

 

Es gibt Anzeichen, die einen positiv stimmen, zweifelsohne. Kürzlich fand im Bundestag wieder eine Anhörung zur Evaluierung der 1999 beschlossenen und seitdem immer wieder bestätigten Gedenkstättenkonzeption des Bundes statt. Es scheint momentan niemanden zu geben, der die Notwendigkeit einer Fortsetzung in Zweifel ziehen will. Aber mittelfristig bin ich mir nicht so sicher. Denn diese historischen Orte, an denen negative Geschichte gelehrt werden muss, erfordern einen konstant hohen Aufwand, personell und finanziell, um das international anerkannte, hohe Niveau von historischer Forschung, moderner Ausstellungen und anspruchsvoller Pädagogik halten zu können.

Wir zählen in Sachsenhausen inzwischen jährlich 660 000 Besucher; als ich 1993 angefangen habe, waren es 168 000. Im gleichen Zeitraum aber ist das Personal um ca. 20 Prozent reduziert worden. Die Ansprüche an die Gedenkstätten sind nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ enorm angewachsen. Der Erfolg wurde, wenn Sie so wollen, zum Handicap. Zwar wurde allgemein anerkannt, dass Gedenkstätten heute moderne zeithistorische Museen mit besonderen humanitären und bildungspolitischen Aufgaben sind. Doch der auch von der Gedenkstättenkonzeption des Bundes proklamierte Wandel ist teilweise auf der langen Wegstrecke stecken geblieben.

 

Weil die meisten Gelder in Gedenkorte und Museen zur »zweiten deutschen Diktatur« fließen?

 

Ganz so ist es nun auch wieder nicht. Ich komme persönlich aus dem Museumsbereich und war in einem Industriemuseum, was hinsichtlich vieler Aspekte durchaus vergleichbar ist. Es gibt denkmalgeschützte Originalgebäude, die man mit nicht geringem Aufwand erhalten und pflegen muss, ein riesiges, über dutzende von Hektar verteilte Gelände und verschiedene Ausstellungen. Und man hat nicht wenige, neugierige Besucher, die aber bei manchen Industriemuseen bei weitem nicht das Niveau der großen Gedenkstätten erreichen.

Die Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages „Überwindung der Folgen der DDR-Diktatur im Prozess der deutschen Einheit“ hat dankenswerterweise den Begriff der Gedenkstätten als zeithistorische Museen aufgenommen und das dahinter stehende Konzept ist, wie ich bereits sagte,  auch in die Gedenkstättenkonzeption des Bundes von 1999 eingeflossen. Nur, in den letzten Jahren sind wir nur noch mühsam vorangekommen – bei stark gestiegenem Besucherinteresse und immer höheren, berechtigten Forderungen an die Qualität der Gedenkstättenarbeit. Die Topographie des Terrors in Berlin z. B. hat jährlich 1,2 Millionen Besucher, die KZ-Gedenkstätte Dachau ca. 800.000 und die Gedenkstätten in Bergen Belsen und Buchenwald meines Wissens jeweils 500.000. Das sind Besucherzahlen, die man sich vor wenigen Jahren nicht hat vorstellen können. Der mit viel Aufwand und Kraft in den neunziger und zweitausender Jahren betriebene Modernisierungs- und Professionaliserungsprozess in den Gedenkstätten war, nicht zuletzt aufgrund der Unterstützung von Bundes- und Landesregierungen sowie vieler Organisationen und Personen der Zivilgesellschaft, außerordentlich erfolgreich. Aber die finanzielle und personelle Ausstattung der Gedenkstätten ist nicht adäquat mitgewachsen. Es sind daher auch in den nächsten Jahren einige Herausforderungen zu bestehen, denn es fehlt vielerorts immer noch an der sogenannten Hardware, die unverzichtbare Voraussetzung für eine qualitativ hochwertige und international konkurrenzfähige Gedenkstättenarbeit ist.

 

Denken Sie da an beängstigende Entwicklungen, wie sie sich in den Attacken gegen Flüchtlingen und Verbalangriffen gegen die »Lügenpresse« oder auch auch Forderungen nach Wiedereröffnung der Baracken in Buchenwald und Auschwitz zeigen?

 

Das sind extreme Äußerungen, die man nur mit Entschiedenheit zurückweisen kann, die aber meines Erachtens noch keine breite gesellschaftliche Zustimmung finden. Das bedeutet jedoch nicht, dass man sie nicht ernst nehmen muss. Die Frage ist, ob Politik und Gesellschaft auch weiterhin bereit sind, die vielfältige Erinnerungskultur und Gedenkstättenlandschaft in Deutschland zu erhalten oder versucht man, die bisherige, dezentrale Erinnerungskultur auf wenige, herausgehobene Orte zu konzentrieren. Solche Überlegungen sind jeder Verwaltung immanent, das Modewort dafür lautet „Synergien schaffen“. Es wäre aber für die deutsche dezentrale Erinnerungskultur ein großer Verlust, wollte man die Darstellung des NS-Terrors auf wenige Gedenkstätten oder Museen konzentrieren und die authentischen Orte der Opfer des NS-Terrors auf ihre Rolle als internationale Friedhöfe reduzieren, wo nicht mehr geforscht und gelernt wird, sondern nur noch gedacht und getrauert wird und Besucher mittels elektronischer Hilfsmittel oder durch touristisch ausgebildete Guides über das Gelände geleitet werden. Im Moment vermag ich solche Tendenzen noch nicht zu erkennen. Doch kann sich das schnell ändern, wenn andere Länder, wie z. B. demnächst Polen, große Museen zur Geschichte des Zweiten Weltkrieges eröffnen. Leider hat sich auch meine lange gehegte Hoffnung, dass moderne Regional- und Stadtmuseen die Geschichte der NS-Herrschaft entsprechend ihrer großen historischen Bedeutung in ihren neuen Dauerausstellungen behandeln, überwiegend als falsch herausgestellt. Zwölf Jahre, so hört man oft als Begründung, waren eben nur ein ganz kleiner Zeitraum der Geschichte.

Eine andere Entwicklung dagegen, die mir ebenfalls Sorgen bereitet, zeichnet sich bereits deutlicher ab. Mit dem zeitlichen Abstand zum zwanzigsten Jahrhundert scheint die Neigung zu wachsen, alle Kriege und staatliche Verbrechen unter dem Begriff des „Zeitalters der Extreme“ zu entkontextualisieren, zu relativieren und zu vermischen. Unterschiedliche Ursachen und Gründe, Ideologien und Motive, Strukturen und Prozesse lösen sich auf in einem Einheitsbrei moralischer Betroffenheit. Daraus lernen könnte man nur, dass die Natur des Menschen das nicht mehr näher zu begründende „Böse“ zulässt. Ich denke, die meisten Kolleginnen und Kollege, nicht alle leider, würden einer solchem Ansinnen vehement widersprechen. In dem von beiden Arbeitskreisen der Berlin-Brandenburgischen Gedenkstätten…

 

Arbeitskreis I umfasst Institutionen, die sich mit der Geschichte der nationalsozialistischen Diktatur in Berlin und Brandenburg befassen, Arbeitskreises II widmet sich der deutschen Nachkriegsgeschichte, insbesondere der DDR.

 

ausgerichteten Forum für zeitgeschichtliche Bildung wird darüber zumeist offen, konstruktiv und sachlich diskutiert. Zu meiner großen Verwunderung warf ein nicht geringer Teil der Mitglieder einer Enquete-Kommission der Landestages Brandenburg, die sich mit der Aufarbeitung der Geschichte der DDR-Diktatur beschäftige, dem sogenannten Beutelsbacher Konsens, der seit Anfang der siebziger Jahre wichtige Grundsätze für die politische Bildung formulierte, „Werterelativismus“ vor. Das in dieser Vereinbarung der Kultusministerkonferenz erklärte Überwältigungsverbot und Kontroversitätsgebot stellten manche Mitglieder dieser parlamentarischen Kommission grundsätzlich in Frage. Das hat uns alle damals sehr beunruhigt. Auf einem der von beiden Arbeitskreisen veranstalteten Foren für zeitgeschichtliche Bildung, welches nicht ohne Grund in der Gedenk- und Begegnungsstätte Potsdam-Leistikowstraße stattfand, bekräftigten die allermeisten Vertreter der Gedenkstätten beider Diktaturphasen diese grundlegenden didaktischen Prinzipien. Wir haben uns sehr gefreut, dass diese einvernehmliche Diskussion zwischen Gedenkstättenexperten auch bei manchen Politikern einen Umdenkungsprozess initiierte.

 

Wie schätzen sie das historische Wissen der Schüler heute ein?

 

Obwohl es dazu Untersuchungen gibt, die manche übertriebene Befürchtungen aufkommen ließen, haben wir darüber nach wie vor kein gesichertes Wissen. Ich kann Ihnen nur die Eindrücke schildern, die wir in unserer pädagogischen Arbeit sammeln. Dabei muss natürlich voraus geschickt werden, dass es große Unterschiede gibt. Trotzdem meinen wir ganz allgemein einen Rückgang des historischen Grundlagenwissens festgestellt zu haben. Ein Drittel unserer leider häufig viel zu eng bemessenen Zeit an den außerschulischen Lernorten müssen wir inzwischen auf die Vermittlung von Basiswissen verwenden, z. B. welcher Art politisches System der Nationalsozialismus war, wie lange er über Deutschland und Europa herrschte, was ein Konzentrationslager ist und was dieses von einem Vernichtungslager unterscheidet. Oder, um ein anderes Beispiel zu nennen: Ich habe den Eindruck, dass viele Schülerinnen und Schüler glauben, es seien im „Dritten Reich“ fast ausschließlich Juden verfolgt worden.

 

Der 27. Januar ist jetzt auch wieder fast ausschließlich als Gedenktag für die ermordeten Juden wahrgenommen worden.

 

Leider müssen wir das immer wieder feststellen, dass trotz unserer Anstrengungen auch in Deutschland teilweise nur noch vom Holocaust-Tag gesprochen wird. Seit der Einführung des Tages der Opfer des Nationalsozialismus widmen wir in Sachsenhausen den 27. Januar regelmäßig unterschiedlichen Opfergruppen, in diesem Jahr waren es die belgischen Häftlinge, im vorigen Jahr die Opfer der Endzeitverbrechen 1944/45 und im Jahr davor die ungarischen Juden, denen in besonderer Weise gedacht wurde.

 

In Israel ist er ein solcher.

 

Ja, aber in Deutschland ist 1996 dieser Tag auf Vorschlag des damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog und Ignaz Bubis, dem Präsidenten des Zentralrats der Juden ausdrücklich als ein Tag zum Gedenken an alle Opfer des Nationalsozialismus erklärt worden. Das war gerade Ignatz Bubis, der eine hohe Sensibilität für die Empfindungen anderer Opfergruppen hatte, ein ernstes Anliegen. Die UNO hat dann 2005 den 27. Januar zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust erklärt. Ich bin dankbar, dass im Bundestag Bundestagspräsident Norbert Lammert diese plurale Offenheit des Opferbegriffes sehr bewusst ist. Denken Sie daran, dass im vorigen Jahr ein Überlebender der Leningrader Hungerkatastrophe im Bundestag gesprochen hat. Und ich freue mich auch sehr, dass auf Betreiben des Präsidenten des Berliner Abgeordnetenhauses Ralf Wieland in der Gedenkstunde im Berliner Abgeordnetenhaus am 20. Januar ein Schwerpunkt auf dem Völkermord an den Sinti und Roma lag.

 

Die sowjetischen Kriegsgefangenen scheinen nach wie vor vergessen.

 

Diese nicht akzeptable Lücke wollen und müssen wir sicherlich schließen. Ein Schritt dazu war die Erklärung von Bundespräsident Joachim Gauck am 8. Mai vorigen Jahres in der Gedenkstätte Stukenbrok. In diesem Gedenkjahr 2016, in dem sich der Überfall auf die Sowjetunion zum 75. Mal jährt, wird die Ständige Konferenz der NS-Gedenkorte im Berliner Raum am 22. Juni eine Open-Air-Ausstellung an einem zentralen Ort in Berlin zeigen. Sie wird die wichtigsten Aspekte dieses antisemitisch und rassistisch motivierten Eroberungs- und Vernichtungsfeldzuges thematisieren. Zu den viele Millionen sowjetischen Opfern zählen nicht nur kriegsgefangene Soldaten und Offiziere, wie sie z. B. im Herbst 1941 im KZ Sachsenhausen zu Tausenden erschossen wurden. Vielmehr rotteten die deutschen Aggressoren die Bewohner ganzer Dörfer und Städte aus, überließen sie dem Hungertod, erschossen sie in Wäldern und brannten die Häuser nieder. Es ist an der Zeit, dass auch den Opfern der NS-Lebensraumpolitik im Osten ein Gedenkzeichen gewidmet wird.

 

Der Holocaust war lange vor der Wannsee-Konferenz von 1942 in den okkupierten Gebieten der Sowjetunion im Gange.

 

Spätestes im Hochsommer 1941 gingen immer mehr deutsche Einsatzgruppen dazu über, in Abstimmung und mit der Hilfe deutscher Wehrmachtseinheiten jüdische Männer, Frauen und Kinder unterschiedslos grausam zu ermorden. Diese Entwicklung ist zu einem großen Teil bekannt. Dagegen wird der Massenmord an Slawen selbst heute noch eher als eine Folge des Eroberungskrieges angesehen, als eine Art „Kollateralschaden“ verharmlost. Was in der Geschichtswissenschaft größtenteils unumstritten ist, nämlich dass der Krieg gegen die Sowjetunion ein lange geplanter Feldzug zur Ermordung von vielen Millionen Menschen war, sollte Teil eines breiten gesellschaftlichen historischen Bewusstseins werden. Deshalb werden wir dieses Jahr in den Gedenkstätten einen Schwerpunkt darauf legen. Gerade in einer Zeit zunehmender Renationalisierungen und ernsthafter Konflikte zwischen europäischen Staaten, zwischen Russland und vielen anderen europäischen Staaten nicht zuletzt mit Polen, den baltischen Ländern und der Ukraine, müssen die Gedenkstätten ein wachsames Auge darauf haben, dass Geschichte nicht instrumentalisiert wird, um gegenseitige Vorbehalte und Vorurteile durch den Rekurs auf Geschichte anzufachen und zu schüren.

 

Wie verhielt es sich wirklich mit dem Tod von Stalins ältestem Sohn im KZ Sachsenhausen?

 

Die Erschießung von Jacow Dschugaschwilli ist relativ gut erforscht und unstrittig, weil zwei historische Quellen völlig unterschiedlicher Provenienz weitgehend übereinstimmen, nämlich die Berichte einer Untersuchungskommission des Reichssicherheitshauptamtes mit den Zeitzeugenberichten von britischen Häftlingen, die mit Stalins Sohn zusammen in der gleichen Baracke inhaftiert waren und den Hergang genau beobachten konnten. Die SS hat Stalins Sohn verhöhnt. Die Nazis waren durchaus bereit, ihn auszutauschen, z. B. gegen Generalfeldmarschall Paulus. Stalin wollte das aber nicht. Er sagte, er habe keinen Sohn mehr. Das hat Jacow Dschugaschwilli verständlicherweise sehr deprimiert. Am 14. April 1943 ging er am elektrischen Stacheldrahtzaun entlang, auf einen SS-Mann zu und sagte: »Du bist ein Feigling. In meiner Heimat hätte man jetzt geschossen« Daraufhin nahm der SS-Mann das Gewehr von der Schulter und schoss. Jacow fiel in den elektrisch geladenen Stacheldraht. Es gab zwei NS-Institutionen, die den Vorfall untersuchten: der Gerichtsoffizier des KZ und eine Kommission des Reichssicherheitshauptamtes, und es gibt die Darstellung der britischen Häftlinge, die sofort nach der Befreiung des Lagers eine ganz ähnlich Schilderung des Hergangs gaben Der Tod von Stalins Sohn war eine Verquickung von Selbstmord und Mord. Er forderte sein Ende heraus. Das ist tragisch.

 

Tragisch ist auch, dass sowjetische Kriegsgefangene nach der Befreiung aus deutschen Konzentrationslagern gleich in Stalins Lager »wanderten«.

 

Neuere Forschungen legen eine Zahl von mindestens 15 Prozent nahe, die vom KZ in den Gulag verschleppt wurden. Die Deportation in den Gulag betraf vor allem Offiziere und einige Mannschaftsgrade. Viele einfachen Soldaten sowie die sowjetischen Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge mussten jedoch zumeist sogenannte Filtrationslager durchlaufen, wie sich eines auch in Sachsenhausen befand. Dort befragte der sowjetische Geheimdienst, vor allem der Anti-Spionagedienst Smersch die von den Deutschen aus der UdSSR verschleppten Menschen und suchten durch Befragungen, angebliche Kollaborateure oder Spione ausfindig zu machen. Das ist schlimm genug – vom KZ in den Gulag. Für mich beschämend war: Die Veteranen der Roten Armee oder die ehemaligen KZ-Häftlinge kommen zu uns in großer Dankbarkeit, preisen die Deutschen, die ihnen jetzt nach langen Jahren endlich für ihre Zwangsarbeit Entschädigung zahlen, und schimpfen auf ihren eigenen Staat: »Bei euch haben wir so viel Jahre gesessen, bei uns noch mal so viele. Und die Unsrigen geben uns nichts.« Das ist natürlich für unsereins schwer auszuhalten, wissend um die Dimensionen deutscher Verbrechen und die lange Zeit, die es gedauert hat, bis Entschädigungen für Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge gezahlt wurden.

 

Ich danke für das Gespräch.

Neujahrsempfang des Arbeitskreises der Berlin-Brandenburgischen Gedenkstätten 2016

NEUJAHRSEMPFANG DES ARBEITSKREISES DER BERLIN-BRANDENBURGISCHEN GEDENKSTÄTTEN
AM 22. Januar 2016
GRUSSWORT
Prof. Dr. Günter Morsch

Sehr geehrte Frau Dr. Kaminsky,
lieber Herr Gutzeit,
sehr geehrte Mitglieder des Deutschen Bundestages und des Berliner Abgeordnetenhausen,
verehrte Mitglieder des diplomatischen Corps,
sehr geehrte Vertreter der Opferverbände und der Kirchen,
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
liebe Kolleginnen und Kollegen,

im Namen der Mitglieder des Arbeitskreises I der NS-Gedenkstätten in Berlin und Brandenburg möchte ich mich zunächst ganz herzlich bei denjenigen bedanken, die nun zum dritten Mal diesen Neujahrsempfang ermöglicht und organisiert haben. Ich danke vor allem auch der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, namentlich Frau Dr. Kuder, ganz herzlich dafür, dass wir in Ihren Räumen zu Gast sein dürfen. Ich freue mich, dass so viele Kolleginnen und Kollegen zusammen mit unseren Gästen aus Politik, Wissenschaft und Kultur die Chance nutzen wollen, um im zwanglosen Rahmen miteinander hoffentlich nicht nur über die Geschichte beider Diktaturen und ihre Darstellung ins Gespräch zu kommen.
Für uns Gedenkstätten und Dokumentationsstätten, die sich mit der Geschichte der nationalsozialistischen Diktatur und ihren unvergleichlichen Verbrechen beschäftigen, stand natürlich der 70. Jahrestag der Befreiung im Zentrum vieler Veranstaltungen des vergangenen Jahres. Viele Überlebenden des nationalsozialistischen Terrors kehrten erneut an die historischen Orte zurück. Sie suchten und fanden überwiegend den Kontakt zu jungen Menschen des In- und Auslandes. Denn die Weitervermittlung ihrer Erfahrungen und Erinnerungen an nachwachsende Generationen war schon immer eines der den Großteil ihres Lebens nach der Befreiung prägenden Hauptmotive der Überlebenden. Vor allem deshalb nahmen sie schwerste physische und psychische Belastungen auf sich, um aus Israel und Russland, aus Polen und Tschechien, aus der Ukraine und Frankreich , aus Norwegen, Weißrussland, den Niederlanden, Belgien oder Italien und sogar aus den USA oder Südafrika an die historischen Orte zurückzukehren. Die Gedenk- und Dokumentationsstätten des nationalsozialistischen Terrors, sie gehören, das wird dabei immer wieder deutlich, nicht Deutschland allein, sondern sind ein, wenn auch schweres Erbe einer internationalen Erinnerungsgemeinschaft. Das Denkmal für die ermordeten europäischen Juden oder die Gedenkstätte im Haus der Wannseekonferenz, das Anne-Frank-Zentrum oder das deutsch-russische Museum in Karlshorst, die KZ-Gedenkstätten Ravensbrück und Sachsenhausen oder die Gedenkstätte Seelower Höhen, aber auch das Dokumentationszentrum „Topographie des Terrors“ und die Gedenkstätten für die Opfer der NS-Justiz in Plötzensee und in Brandenburg-Görden – sie alle, auch die, die ich in meiner Aufzählung jetzt nicht genannt habe, sind uns Deutschen quasi treuhänderisch von den aus der ganzen Welt, insbesondere aus Europa stammenden Opfern des nationalsozialistischen Terrors zur dauerhaften Bewahrung übergeben worden. Wir alle, die an den unterschiedlichen von Politik und Medien beachteten Veranstaltungen zum 70. Jahrestag der Befreiung teilgenommen haben, spürten nur allzu deutlich den Schmerz und die Trauer, mit denen sich viele der letzten Zeitzeugen von uns verabschiedeten.
Bei unseren Gesprächen mit den Überlebenden können wir immer wieder zwei sich widersprechende Empfindungen feststellen: zum einen die Freude darüber, dass Deutschland nach vielen Jahrzehnten eines wenig sensiblen Umgangs mit den historischen Orten seit der deutschen Einheit eine neue Erinnerungskultur herausgebildet hat, die vom ernsthaften Willen zeugt, die nationalsozialistischen Verbrechen ohne ideologische oder politische Instrumentalisierungen ungeschminkt zu zeigen und das Andenken an die Opfer wach zu halten. Zum anderen aber ist in ihnen angesichts der Wiederkehr von Antisemitismus, Rassismus und Nationalismus in Europa die Sorge gewachsen, dass die moralische und politische Botschaft, die die überlebenden KZ-Häftlinge in ihrem sogenannten Vermächtnis 2009 dem damaligen Bundespräsidenten sowie vielen anderen hohen Repräsentanten europäischer Staaten übergaben, in Vergessenheit gerät. Niemand von uns kann, wenn er ehrlich ist, den um die Bewahrung ihrer Botschaft besorgten NS-Opfern die ernsten und viele gerade in der letzten Lebensphase bedrückenden Befürchtungen nehmen.
Immer wieder werden wir Gedenkstättenmitarbeiter von Politik und Medien danach gefragt, wie unsere Arbeit nach dem Abschied von den Zeitzeugen weitergeht. Doch diese Fragen richten sich an die falsche Adresse. Denn die allermeisten Gedenkstätten haben sich seit Jahren auf die dafür notwendigen Veränderungen eingestellt, da sie ihnen viel früher persönlich vor Augen standen, als dies für eine breite Öffentlichkeit offenbar gilt. Mit der Übernahme des modernen Konzepts der Gedenkstätten als zeithistorische Museen mit besonderen humanitären und bildungspolitischen Aufgaben, in denen Sammlung, Forschung, Ausstellung und Vermittlung zusammengefasst sind, bereiteten sie den Wandel vom kommunikativen zum kulturellen Gedächtnis den Weg. Die Frage nach der Zukunft der NS-Erinnerung nach dem Abschied von den Zeitzeugen richtet sich daher weniger an die Gedenkstätten als an die gesamte deutsche Gesellschaft, gerade auch an Politik und Öffentlichkeit. Denn der in der alten Bundesrepublik erst in den Jahren nach der deutschen Einheit errungene Paradigmenwechsel in der Erinnerungskultur kam nicht von selbst. Ohne den politischen Druck aus dem Ausland, gerade auch der ausländischen Opferverbände, wären NS-Gedenkstätten in Deutschland möglicherweise mit wenigen Ausnahmen immer noch die marginaliserten, finanziell und personell völlig unterversorgten Einrichtungen, die sie bis dahin in der Bundesrepublik gewesen waren. Daher richten sich die besorgten Fragen der letzten Zeitzeugen an die gesamte deutsche Gesellschaft: Werden die NS-Gedenkstätten und die Erinnerung an die NS-Verbrechen auch dann noch als eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe verstanden, wenn die Stimmen der ausländischen Opfer verstummt sind? Wird die Bedeutung der historischen Orte in Deutschland als internationale Friedhöfe und materielle Zeugnisse europäischer Geschichte im Bewusstsein bleiben oder werden sie einer vorwiegend aus deutscher Sicht formulierten Narration unterworfen? Kommt schließlich mit dem zunehmenden zeitlichen Abstand zur NS-Diktatur die Vermischung, Relativierung oder gar Nivellierung der NS-Verbrechen unter dem Schlagwort des „Zeitalters der Extreme“? Gerade letztere, keinesfalls unbegründete Befürchtung, die durch von europäischen Institutionen beschlossene Resolutionen und Plattformen genährt wird, führte bei nicht wenigen Überlebenden von Völkermord und NS-Terror zu großer Empörung. Viele von ihnen haben den, wie ich meine, nicht unberechtigten Eindruck, dass ihre Proteste und Einwände vielfach nicht mehr zur Kenntnis genommen werden. Die wirkliche Bewährungsprobe für die Bedeutung, Ernsthaftigkeit und Nachhaltigkeit der neuen deutschen Erinnerungskultur, sie kommt daher erst jetzt, jetzt da die Zeitzeugen ihre Stimmen nicht mehr erheben können.
In diesem Jahr wollen viele der im Arbeitskreis der NS-Gedenkstätten in Berlin und Brandenburg zusammengeschlossenen Einrichtungen vor allem an den 75. Jahrestag des Überfalls Deutschlands auf die Sowjetunion erinnern. Es ist dem Bundespräsidenten Joachim Gauck dafür zu danken, dass er im vorigen Jahr am 8. Mai in der Gedenkstätte Stukenbrock an die Millionen Opfer dieses rassistischen Vernichtungs- und Eroberungskrieges mit eindrücklichen Worten erinnert hat. Insbesondere das Schicksal der sowjetischen Kriegsgefangenen sei in Deutschland, so Gauck, nie angemessen ins Bewusstsein gekommen. Tatsächlich bedürfen nicht nur die nur wenige Kilometer von hier im KZ Sachsenhausen zu Tausenden grausam ermordeten sowjetischen Kriegsgefangenen, sondern die meisten Opfer der NS-Lebensraumpolitik im Osten einer stärkeren Beachtung als bisher. Die ersten Vorplanungen zum antisemitisch und rassistisch begründeten Ausrottungs- und Eroberungskrieg lassen sich mindestens bis 1933 zurückverfolgen, als Hitler wenige Wochen nach seiner Machtübernahme vor den Spitzen von Staat, Wehrmacht und Wirtschaft seine weitreichenden Pläne zur Eroberung neuen Lebensraumes im Osten darlegte.
Die Erinnerung und das Gedenken an die Opfer der NS-Lebensraumpolitik im Osten ist heute durch politische Probleme und Konflikte belastet, die zum Teil schon im vergangenen Jahr die Veranstaltungen zum Jahrestag der Befreiung beeinflusst haben. Wir dürfen uns davon aber nicht abhalten lassen, Ursachen und Opfer des deutschen Vernichtungsfeldzuges gegen die Sowjetunion zu benennen. Gerade in einer Zeit zunehmender Renationalisierungen und ernsthafter Konflikte zwischen europäischen Staaten müssen die Gedenkstätten ein wachsames Auge darauf haben, dass sie nicht von der einen oder anderen Seite instrumentalisiert werden. Geschichte birgt, wie wir wissen, immer auch ein nicht ungefährliches Potential für politische Emotionalisierung. Es würde aber dem Auftrag der Gedenkstätten geradezu diametral widersprechen, würden sie dafür Anschauungsmaterial liefern. In der vom International Committee of Memorial Sites beschlossenen Ethik-Charta heißt es deshalb: Bei der Vermittlung der historischen Ereignisse in Ausstellungen, Publikationen und pädagogischen Projekten sollte Empathie mit den Opfern geweckt werden. Das Gedenken und die Erinnerung sollten jede Form von Rache, Hass und Ressentiment zwischen den verschiedenen Opfergruppen vermeiden.
Umso wichtiger sind eine fundierte, diskursive und die unterschiedlichen Sichtweisen berücksichtigende, also multiperspektivische Darstellungen. Die im sogenannten „Beutelsbacher Konsens“ beschlossenen pädagogischen Prinzipien, vor allem das Überwältigungsverbot und das Kontroversitätsgebot, wurden von den im Arbeitskreis der Berlin-Brandenburgischen Gedenkstätten zusammengeschlossenen Einrichtungen nach eingehenden Diskussionen als gemeinsame Grundlage aller Gedenkstättenarbeit erneut bestätigt. Sie gelten gerade auch in solchen Zeiten, in denen die Deutung der Geschichte vermehrt wieder zum Gegenstand aktueller zwischenstaatlicher Kontroversen wird. Die Gedenkstätten wollen und müssen offene Foren sein und bleiben, auf denen Meinungs- und Deutungsunterschiede versachlicht werden und trotzdem kontrovers und offen diskutiert werden können.

Die wichtigste gemeinsame Veranstaltung beider Arbeitskreise der Berlin-Brandenburgischen Gedenkstätten ist das jährliche Forum für zeithistorische Bildung, das sie gemeinsam mit der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport sowie dem Landesinstitut für Schule und Medien in Berlin-Brandenburg ausrichten. Schon im vergangenen Jahr, in der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück, fand es auf dem Hintergrund einer lebhaften Diskussion über veränderte Lehrpläne statt, durch die die Fächer Geschichte, Geographie und Sozialkunde zusammengefasst werden. Die engagiert diskutierten Vorschläge fanden auch bei den Gedenkstätten keine ungeteilte Zustimmung. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Forums fragten sich u. a., wie sich die Bedeutung außerschulischer historischer Lernorte im Zuge der Umsetzung dieser neuen Rahmenrichtlinien verändern wird. Inwieweit, so wurde außerdem gefragt, beeinträchtigt das auf aktuelle Gegenwartsbezüge orientierte historische Lernen, wie es in den neuen Konzeption gefordert wird, das Verständnis von historischen Ursachen und Kontexten? Diese interessanten und grundlegenden Diskussion wollen wir im diesjährigen Forum fortsetzen und vertiefen. Eine stärkere Nachhaltigkeit historischen Lernens tritt, so die Erwartung, vor allem dann ein, wenn es, bezogen auf Schüler genauso wie auf Lehrkräfte, subjektorientiert ist, anknüpft also an die Lebenswelt von Jugendlichen. Doch wie kann das geschehen, ohne die historische Narration zu verbiegen, Akzente zu verschieben, Kontexte zu zerreißen, Wie, so wollen wir fragen, kann es den Gedenkstätten gelingen, an die Interessen und Vorkenntnisse der Schülerinnen und Schüler anzuknüpfen? Welche Formen pädagogischer Gedenkstättenarbeit sind dafür besonders geeignet? Schon jetzt laden wir alle Lehrkräfte und Gedenkstättenmitarbeiter ganz herzlich dazu ein, diese wichtige Diskussion über die Weiterentwicklung historischen Lernens an den außerschulischen Lernorten zusammen mit uns zu diskutieren.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit

Neujahrsempfang der Arbeitskreise I und II der Berlin-Brandenburgischen Gedenkstätten 2015

NEUJAHRSEMPFANG DES ARBEITSKREISES DER BERLIN-BRANDENBURGISCHEN GEDENKSTÄTTERN

AM 3. FEBRUAR 2015

GRUSSWORT

Prof. Dr.: Günter Morsch

 

Sehr geehrte Frau Dr. Kaminsky,

lieber Herr Gutzeit,

sehr geehrter Herr Eppelmann,

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

liebe Kolleginnen und Kollegen,

 

zunächst einmal möchte ich mich im Namen des Arbeitskreises der NS-Gedenkstätten in Berlin und Brandenburg ganz herzlich bei denjenigen bedanken, die nun zum zweiten Mal diesen Neujahrsempfang ermöglicht und organisiert haben. Ich danke vor allem auch der Bundesstiftung zur Aufarbeitung  der SED-Diktatur dafür, dass wir in ihren Räumen zu Gast sein dürfen.

„Gedenken“, so heißt es durchaus kritisch in einem Artikel von Caroline Fetscher im Berliner „Tagesspiegel“, „war die kulturpolitische Vokabel des Jahres 2014“. Im Vordergrund des Gedenkjahres standen dabei wohl vor allem der einhundertste Jahrestag des Beginns des Ersten Weltkrieges sowie der 25. Jahrestag des Falls der Berliner Mauer. Im Schatten dieser Großevents, aus deren Anlass die Medien in Zusammenarbeit mit Politik und Bildungseinrichtungen, darunter in vorderster Linie auch den Gedenkstätten, das Publikum mit einer riesigen, beeindruckenden Welle von Veranstaltungen, Filmen, Publikationen und Ausstellungen zu überfluten drohten, fanden andere Jahrestage keine oder kaum Beachtung. Während die Sonderausstellung zum Warschauer Aufstand in der Topographie des Terrors und die Eröffnung der neuen Dauerausstellung in der Gedenkstätte deutscher Widerstand nicht zuletzt aufgrund der Teilnahme prominenter Staatsgäste und Politiker auch den ein oder anderen Aufmerksamkeitserfolg für sich verbuchen konnten, blieben andere, durchaus bedeutsame historische Ereignisse, wie z. B. der 75. Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkrieges, fast völlig unbeachtet. Wer, warum und wie auf welche historische Ereignisse das Gedenkjahr hin maßgeblich orientiert, darüber gibt es leider zuvor keinen offenen gesellschaftlichen Diskurs, sondern das wird wohl hauptsächlich durch die bestimmt, die auch das Geld dafür zur Verfügung stellen. Die Gedenkstätten sind dabei sicherlich wichtige Akteure, aber auf die maßgeblichen Entscheidungen haben sie nur wenig Einfluss.

Auch das gerade begonnene Jahr 2015 verspricht aller Voraussicht nach ein solches herausragendes Gedenkjahr zu werden. Der 70. Jahrestag der Befreiung vom Nationalsozialismus sowie der 25. Jahrestag der deutschen Einheit sind die beiden in diesem Zusammenhang wohl wichtigsten historischen Anlässe. Auch wir, die Gedenkstätten, bereiten uns darauf mit großem Engagement, gestützt auf finanzielle Sondermittel und eigens aufgelegte Förderprogramme, vor. Der Erfolg solcher Jahrestagskampagnen, wie sie auch 2013 mit dem umfassenden Kulturprogramm „zerstörte Vielfalt“ stattfand, scheint der Entwicklung recht zu geben: die meisten Veranstaltungen sind gut besucht und erreichen weit über das traditionelle Gedenkstättenpublikum hinausreichende Bevölkerungsteile, das Medienecho ist außerordentlich beeindruckend und die zumeist finanziell und personell schlecht ausgestatteten Gedenkstätten, nicht nur die großen Tanker, sondern auch die kleinen, häufig ehrenamtlich betriebenen Einrichtungen, können sich neue Finanzierungsquellen erschließen. Häufig wird außerdem positiv hervorgehoben, dass mit diesen historischen Events und Kampagnen das Gedenken und Erinnern den Anschluss nicht nur an moderne, zeitgemäße kulturelle Kommunikations- und Vermittlungsformen gefunden zu haben scheint, sondern dass dadurch auch eine Brücke zwischen der Vergangenheit in die Gegenwart geschlagen wird. Ohne diesen Bezug zu den heutigen Fragen und Problemen, so heißt es, sei die Vergangenheit tot und gerade für die nachwachsenden Generationen uninteressant. Geschichte habe für die heutige Gesellschaft keinen Wert sui generis, sondern nur dann,  wenn sie ihren Nutzen für die Gegenwart erweist.

„Fragen an die deutsche Geschichte“, so hieß eine viel besuchte Ausstellung der Bundeszentrale für politische Bildung, die über mehrere Jahre im Reichstag gezeigt wurde, auf dessen Gesimsen damals noch die eine oder andere Birke wuchs. Das erklärte Ziel der wie ein Buch gestalteten Dokumentation war es, über die Aufarbeitung der Vergangenheit, insbesondere der Mechanismen und Ursachen der Machtergreifung des Nationalsozialismus, zu kritischen Fragen nach Problemen und Defiziten der damaligen Bonner Demokratie hinzuführen. Die Kenntnis der Geschichte sollte die Besucherinnen und Besucher dazu befähigen, kritische Fragen an Gegenwart und Zukunft zu stellen, um besser und früher Gefährdungen, Unrecht und Ungerechtigkeit erkennen zu können. Dieser kritische Impetus darf, so meine ich, auch im Zeichen der großen Gedenkevents nicht verloren gehen.

Wenn nachwachsende Generationen nämlich den Eindruck erhalten, daß Geschichte in einfache Lehrsätze gepresst wird, daß ihre Fragen durch fertige Antworten erstickt werden, dass Vergangenheit für die Legitimation der Gegenwart instrumentalisiert wird und dass Geschichte nicht als ein offener Prozess begriffen wird, bei dem es immer auch Alternativen gab, dann verleidet man den jungen Menschen den Umgang mit der Geschichte, tötet ihre Neugier ab und verhindert, daß aus der Geschichte Fragen an die Gegenwart und an die Zukunft entwickelt werden. Wer den nachwachsenden Generationen die Legitimation bestreitet, über die Vergangenheit kontrovers zu diskutieren, der versperrt ihr auch die Sicht auf Alternativen in der Gegenwart.

Moderne Gedenkstätten dürfen sich daher nicht zu Orten zurück entwickeln, in denen die Widersprüchlichkeit historischer Prozesse einer politischen Botschaft untergeordnet wird und sei sie noch so ehrenwert. So klar wie die Empathie mit den Opfern staatlichen Terrors in den Ausstellungen zu einem die Darstellung leitenden Prinzip herausgearbeitet werden muß, so deutlich aber muß auch jeder tagespolitisch motivierten Vereinfachung von Geschichte Im Namen des Gedenkens widersprochen werden.

Vielen älteren Besucherinnen und Besuchern, darunter nicht wenigen Zeitzeugen, fällt es verständlicherweise schwer, den modernen Begriff von Gedenkstätten zu akzeptieren, die keine reinen Heldengedenkstätten mehr sein können, sondern offene Lernorte, zu denen selbstverständlich auch die Darstellung der Täter und des Scheiterns  gehört. Doch gibt es dazu keine Alternative, wollen Gedenkstätten nicht zu Denkmälern erstarren, die niemand mehr beachtet, da sie ihre Wirkungskraft eingebüßt haben. Die Zukunftsfähigkeit der Gedenkstätten wird sich zunehmend daran bemessen, ob sie es schaffen, dem von verschiedenen Seiten, nicht zuletzt auch von Teilen der Politik, ausgeübten Druck zur Vereinheitlichung, Vereinfachung und Moralisierung der Geschichte zu widerstehen.

Die vom Arbeitskreis der Berlin-Brandenburgischen Gedenkstätten ausgerichteten Foren für zeitgeschichtliche Bildung haben sich darin bewährt, solche grundsätzliche Fragen historischer Bildung zu diskutieren. So konnte der in bildungspolitischen Debatten teilweise als Werterelativismus kritisierte „Beutelsbacher Konsens“ im Ergebnis auch unserer Foren für zeitgeschichtliche Bildung und im Einvernehmen zwischen den meisten NS- und SED-Gedenkstätten bekräftigt werden. Überwältigungs-verbot und Kontroversitäts-gebot wurden als Eckpfeiler der Gedenkstättenpädagogik nicht zuletzt  im Ergebnis unserer Foren  bestätigt.

Auch im diesjährigen Forum für zeitgeschichtliche Bildung, das in der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück stattfindet, werden wir uns mit grundlegenden Fragen zukünftiger historischer Bildung beschäftigen. Die von den Landesregierungen in Berlin und Brandenburg zur Diskussion gestellten und  bereits teilweise kontrovers diskutierten neuen Rahmenrichtlinien für das Schulfach Geschichte in den Jahrgangsstufen 7-10 wollen wir danach befragen, inwieweit sie den Gedenkstätten als außerschulischen Lernorten neue Chancen und Möglichkeiten eröffnen. Zugleich soll die hinter den Rahmenrichtlinien stehenden Überlegungen eines stark auf das Erlernen von Kompetenzen ausgerichteten pädagogischen Programms im Hinblick auf die Entwicklung geeigneter pädagogischer Projekte in den Gedenkstätten untersucht werden.  Auch die in den Rahmenrichtlinien entwickelte Konstruktion und Definition von inhaltlichen Themenfeldern, die sowohl unterschiedliche Zeitschichten vertikal durchschneiden als auch die Schulfächer Geographie, Politische Bildung und Geschichte umfassen sollen, bedürfen eines Abgleichs mit den Realitäten, den Chancen aber auch den Zwängen  pädagogischer Projektarbeit an und mit den Gedenkstätten. Ich bin deshalb zuversichtlich, dass auch das diesjährige Forum für zeitgeschichtliche Bildung der beiden Arbeitskreise der Gedenkstätten in Berlin und Brandenburg interessant und spannend werden wird. Ich lade jetzt schon alle Kolleginnen und Kollegen, alle Lehrerinnen und Lehrer dazu ein, sich in diese wichtige Debatte um die Fortentwicklung zeithistorischer Bildung  einzubringen.