Dank und Literaturhinweis

Ganz herzlich danke ich allen, die mir zu meinem 65. Geburtstag in Briefen, mit Karten, durch ihr persönliches Erscheinen und in Telefongesprächen gratuliert haben.

Ganz besonders habe ich mich über die Publikation „Vom Monument zur Erinnerung. 25 Jahre Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten in 25 Objekten“ gefreut,  die zu meinem Geburtstag erschienen ist. Ich danke allen 27 Autoren für ihre interessanten und überaus lesenswerten Beiträge ebenso wie Ministerpräsident Dr. Dietmar Woidke und dem Regierenden Bürgermeister Michael Müller für ihre Grußworte. Das Konzept der Publikation, die Geschichte zwischen 1939 und 2017 in Objekten zu erzählen, ist ebenso innovativ wie spannend. Ines Reich, die Leiterin unserer Gedenk- und Begegnungsstätte in der Leistikowstraße in Potsdam, von der das Konzept stammt, hat sich mit der ihr typischen Energie und Begeistungsfähigkeit der Mühe der Sammlung und der Herausgeberschaft der verschiedenen Beiträge unterzogen. Sie hat dazu auch eine sehr nachdenkenswerte Einleitung geschrieben. Dafür bin ich der ehemaligen wissenschaftlichen Mitarbeiterin der Gedenkstätte Sachsenhausen, mit der zusammen ich u. a. das Museum zur Geschichte des sowjetischen Speziallagers errichten und mit einer Dauerausstellung einrichten durfte, sehr dankbar. Der Förderverein der Gedenkstätte und des Museums Sachsenhausen hat die Publikation finanziert und sein Vorsitzender Professor Dr. Jürgen Kocka ein Vorwort beigesteuert. Allen Mitgliedern unseres Fördervereins, der seit seiner Gründung ein wichtiger Unterstützer und kluger Ratgeber der Gedenkstätte ist, danke ich ebenso ganz herzlich. Die Publikation ist unter der ISBN-Nummer 978-3-86331-357-9 im Jahre 2017 in Berlin im „Hausverlag“ der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten bei Metropol erschienen. Dessen Verleger Friedrich Veitl und seine Mitarbeiterin Nicole Warmbold unterstützen die Gedenkstätte Sachsenhausen seit vielen Jahren tatkräftig und großzügig.

Die Publikation kann entweder über den Buchhandel oder aber im Buchladen der Gedenkstätte erworben werden. Seinen Mitgliedern bietet der Förderverein der Gedenkstätte die Festschrift zu einem Vorzugspreis an. Ggf. wenden Sie sich bitte direkt an den Förderverein der Gedenkstätte und des Museums Sachsenhausen, Alle Adressen und Telefonnummern finden Sie im Internet

72. Jahrestag der Verlegung des sowjetischen Speziallager Nr. 7 nach Sachsenhausen

  1. Jahrestag der Errichtung des sowjetischen Speziallagers Nr. 7 in Sachsenhausen

 

Begrüßung

 

Prof. Dr. Günter Morsch

 

 

Sehr geehrte Überlebende der sowjetischen Lager,

sehr geehrte Frau Staatssekretärin Dr. Gutheil,

Sehr geehrter Herr Krüger,

sehr geehrter Herr Ruczinski

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

 

 

 

Im Namen der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten sowie der Gedenkstätte und des Museums Sachsenhausen begrüße ich Sie ganz herzlich zu unserer heutigen Gedenkveranstaltung aus Anlass des 72. Jahrestages der Errichtung des sowjetischen Speziallagers Nr. 7 in Sachsenhausen. Wir freuen uns sehr, dass Sie erschienen sind, um gemeinsam mit uns an die Qualen und Leiden von etwa 60.000 Häftlingen zu erinnern, die zwischen 1945 und 1950 in den Baracken des Lagers von der sowjetischen Geheimpolizei eingesperrt worden waren. Ganz besonders herzlich begrüße ich unter ihnen die  Überlebenden der sowjetischen Speziallager und Gefängnisse, die trotz mancher Beschwernisse und gesundheitlicher Probleme teilweise von weither zum wiederholten Mal in die Gedenkstätte gekommen sind, um vor allem ihrer 12.000 verstorbenen Kameradinnen und Kameraden zu gedenken. Ich begrüße außerdem die Abgeordneten des Brandenburger Landtages, den Bürgermeister von Oranienburg Herrn Laesicke, die Landesbeauftragte für die Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur Frau Poppe,  die Geschäftsführerin der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur  Frau Dr. Kaminsky sowie die Vertreter und Mitglieder der verschiedenen Opferverbände der kommunistisch Verfolgten.

 

Am 16. August 1945, also vor etwa 72 Jahren, wies der Kommandant des sowjetischen Speziallagers Nr. 7 in Weesow bei Werneuchen die verbliebenen etwa 5.000 Häftlinge an, zu Fuß über schmale Brandenburger Landstraßen und durch kleine Dörfer nach Oranienburg zu marschieren. Die seit Mai 1945 in fünf ehemaligen Bauernhöfen zusammen gepferchten Menschen waren schon nach wenigen Wochen ihrer Haft aufgrund der katastrophalen Lebensbedingungen völlig erschöpft und ausgezehrt. Nicht wenige von ihnen waren in den knapp vier Monaten seit seiner Einrichtung im Mai 1945 gestorben. So schleppten sich die Tausenden in lang gezogenen Marschkolonnen seit dem frühen Morgen des 16. August nur mühsam über die Pflasterstraßen in Richtung Oranienburg, das sie am Abend endlich erreichten. Die meisten Häftlinge, die unter den äußerst primitiven und menschenunwürdigen Bedingungen in den halb zerfallenen ehemaligen Bauernhäusern von Weesow gelitten hatten, empfanden die alten KZ- Holzbaracken, in die man sie nach ihrer Ankunft pferchte, zunächst eher als eine Verbesserung ihrer Lage. „Wir hatten nach wenigen Stunden der Anwesenheit in Sachsenhaus das Gefühl“, so schreibt die als BDM-Führerin inhaftierte Margarete Graßmann in ihren Erinnerungen1953, „der Hölle entkommen zu sein.“  Inwieweit ihr allerdings  bewusst war, dass in diesem Lager nur wenige Wochen, Monate und Jahre zuvor mehrere zehntausende KZ-Häftlinge durch die SS im Erschießungsgraben, an der Erschießungslatte, in der Gaskammer oder in den Baracken ermordet und zu Tode gefoltert worden waren, das erfahren wir leider nicht.

 

Doch dem ersten oberflächlichen Eindruck der Verschleppten folgte schnell die große Enttäuschung. Dem sowjetischen Geheimdienst war nämlich weniger an einer Änderung der katastrophalen Lebensbedingungen für die Häftlinge gelegen, sondern hauptsächlich an einer besseren Überwachung ihrer Gefangenen Denn aus dem hastig improvisierten Lager in Weesow waren nicht wenige geflüchtet. Die von den Nazis errichteten und fast bis zur Perfektion ausgebauten Sicherheitsanlagen der Konzentrationslager dagegen hatten auch in den Besatzungszonen der Westalliierten dazu geführt, dass fast alle ehemaligen KZ-‚s als Lager für Internierte und Verurteilte im Zuge der gemeinsam verabredeten Entnazifizierungsmaßnahmen weiter genutzt wurden. Dabei mag bei den Siegern des Zweiten Weltkrieges durchaus auch das von Gefühlen der moralischen Empörung  über die unvergleichlichen Verbrechen des „Dritten Reiches“ bestimmte Kalkül eine Rolle gespielt haben, Deutsche an den Orten des Terrors einzusperren, die sie selbst für ihre Feinde errichtet hatten.  Für die sowjetische Geheimpolizei aber waren solche Lager ohnehin nichts Besonderes und Außergewöhnliches , über deren Berechtigung es sich in ihren Augen nachzudenken lohnte. Viele der in blaue Uniformen gekleideten Soldaten und Offiziere des berüchtigten sowjetischen Geheimdienstes, so auch der Kommandant des sowjetischen Speziallagers Nr. 7, Alexei Kostjuchin, brachten ihre Erfahrungen aus den stalinistischen Lagern des GuLag, in denen Millionen von Menschen ihr Leben verloren hatten, mit in die sowjetisch besetzte Zone. Kalte Gleichgültigkeit gegenüber menschlichen Schicksalen war ein immanenter Bestandteil dieses Terrorsystems genauso wie blinder Gehorsam gegenüber den Befehlen Stalins und seiner Schergen.

 

Als sich in ganz Europa die kriegsbedingte Versorgungs- und Lebensmittelkrise immer mehr zuspitzte und der Hungerwinter 1946/47 viele Tausende von Toten auch unter der normalen Zivilbevölkerung in Deutschland forderte, während zugleich in dem durch die Nationalsozialisten mit ihrer Politik der verbrannten Erde verwüsteten Mittel- und Osteuropa  Millionen verstarben, breitete sich in den sowjetischen Lagern in der SBZ ein schockierendes Massensterben aus. Die stalinistische Bürokratie brauchte ein Vierteljahr, um auf  das schnelle Aussterben der Lager zu reagieren. Doch durch die in ganz kleinen Schritten verfügte Erhöhung der Rationen gelang es nur langsam, die Katastrophe

einzudämmen. Seuchen und Krankheiten, wie Tuberkulose und Ruhr,  grassierten weiter.  Es ist geradezu charakteristisch für die allgemeine Menschenfeindlichkeit der stalinistischen Herrscher, dass sie anders als die westlichen Alliierten ihre Gefangenen angesichts der Unmöglichkeit, sie in Lagern zu ernähren, nicht entließen, sondern ihre Unwilligkeit zynisch hinter neuen bürokratischen Regelungen versteckten. An der Situation der Häftlinge änderte sich daher zunächst nichts Grundlegendes, bis im Frühsommer 1948 die ersten Gefangenen entlassen wurden.  12.000 Häftlinge, vor allem ältere Männer aber auch Frauen sowie Jugendliche und sogar Kinder, das sind zwanzig Prozent aller Gefangenen des sowjetischen Speziallagers in Sachsenhausen, überlebten diese von Stalin und Geheimdienstchef  Berija persönlich und bewusst getroffene verbrecherischen Entscheidungen  nicht. Aber auch diejenigen, die das Massensterben überlebten, litten und leiden bis heute noch unter den Folgeerscheinungen der Haft. Die kommunistischen Machthaber in der Sowjetunion und in der DDR verweigerten darüber hinaus jahrzehntelang den Angehörigen genauere Informationen über das Schicksal ihrer Ehegatten, Väter, Mütter oder Kinder. Erst nach der deutschen Einheit konnten das Deutsche Rote Kreuz und die Gedenkstätte Sachsenhausen ihre Fragen nach Todesdaten und Sterbeursachen beantworten. Selbst heute noch erreichen die Gedenkstätte viele solcher Auskunftsersuchen.

 

Nach dem Fall der Mauer und dem Zusammenbruch der kommunistischen Diktaturen konnten Überlebende und Angehörige endlich auch an die großen Gruben treten, wo die Toten nackt und zumeist ohne jegliches individuelle Kennzeichen hineingeworfen worden waren. Seitdem stehen wir jedes Jahr vor den drei Massengräbern, hier am ehemaligen Kommandantenhof, an der Düne sowie im Schmachtenhagener Forst. Dass wir dies seit vielen Jahren gemeinsam mit der Arbeitsgemeinschaft sowjetisches Speziallager Sachsenhausen 1945-1950 tun, dafür bin ich allen Vereinsmitgliedern, insbesondere ihrem Vorsitzenden, Herrn Joachim Krüger, außerordentlich dankbar. Ich wünsche mir sehr, dass diese bewährte Gemeinsamkeiten im Trauern und im Gedenken auch in den nächsten Jahren weiter bestehen bleiben und wachsen.

Expertenanhörung Deutscher Bundestag Kulturausschuss 31. Mai 2017

Fachgespräch „Aufarbeitung der NS-Diktatur: Stärkung der NS-Gedenkstättenarbeit und Würdigung aller NS-Opfergruppen“

Bundestagsausschuss für Kultur und Medien, 31. Mai 2017

 

Prof. Dr. Günter Morsch, Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten und Leiter von Gedenkstäte und Museum Sachsenhausen

 

Ad Frage 1.-3.:

Die Entwicklung der NS-Gedenkstätten hat nach der deutschen Einheit eine nicht unbedingt vorhersehbare, sehr positive Entwicklung genommen. Damit hat sie in einem kaum zu überschätzenden Maße dazu beigetragen, dass der Prozess der Vereinigung trotz vieler, hauptsächlich historisch begründeter Bedenken allmählich auch im Ausland breite Zustimmung gefunden hat. Dies ist umso erstaunlicher, da die NS-Gedenkstätten in der Bonner Republik ganz überwiegend ein randständiges Dasein führten. Sie waren hauptsächlich zivilgesellschaftlich gegen enorme Widerstände erkämpft worden und mussten daher aufgrund weitgehend fehlender staatlicher Unterstützung ihre wichtige Arbeit zumeist ehrenamtlich organisieren. In der DDR dagegen waren die nationalen Mahn- und Gedenkstätten Instrumente des durch die SED einseitig definierten staatlichen Antifaschismus. Allerdings verfügten sie über wesentlich größere Potentiale als vergleichbare westdeutsche NS-Gedenkstätten. Die organisatorischen Strukturen der Nationalen Mahn- und Gedenkstätten der DDR orientierten sich prinzipiell an den klassischen Aufgabenfeldern von Museen, auch wenn selbst diese den politischen Restriktionen der SED-Diktatur und der allgemeinen Mangelwirtschaft unterworfen waren.

Es ist in den neunziger Jahren weitgehend gelungen, die Vorteile beider Modelle miteinander zu verschmelzen. Die 1999 beschlossene und seitdem nur wenig veränderte Gedenkstättenkonzeption des Bundes sollte deshalb in ihren Grundprinzipien beibehalten und eher gestärkt werden. Folgende Grundsätze möchte ich daher herausstellen. Dabei verweise ich auch auf die Ethikcharta, die sich das International Comittee of Memorial Museums 2013 gegeben hat und die auch von der Task Force for international Cooperation on Holocaust Education übernommen wurde:

a)Staatliche Finanzierung einerseits und inhaltliche Autonomie der Gedenkstätten stehen in einem gewissen Spannungsverhältnis zueinander. Das ist im Breich der Kultur nicht ungewöhnlich. Aber gerade wegen der großen außen- und innenpolitischen Bedeutung der Erinnerungskultur sind Politik und Verwaltung versucht, die inhaltliche Ausgestaltung der Gedenkstätten nicht nur dem freien Diskurs von Gedenkstättenpersonal,  Wissenschaft und Gesellschaft zu überlassen, sondern stärker in eine präsentistisch orientierte Zweckbestimmung einzubinden. Dem ist auf Dauer nur durch klare, strukturelle und organisatorische Regelungen zu begegnen, die die inhaltliche Autonomie der Gedenkstätten gegenüber staatlichen Eingriffen sichern.

b) Die dezentrale Struktur der NS-Gedenkstättenlandschaft ist Spiegel ihrer zivilgesellschaftlichen Fundierung und daher prinzipiell positiv zu bewerten. Doch es kann nicht übersehen werden, dass mit dem Generationenwechsel und dem Ende der Zeitzeugenschaft diese Basis nicht mehr überall aufrecht erhalten werden kann. Gleichzeitig nehmen die Herausforderungen an die Qualität der Gedenkstättenarbeit im internationalen Maßstab immer mehr zu. Wenn wir aber die dezentrale Gedenkstättenlandschaft grundsätzlich beibehalten wollen, dann kommen wir angesichts der weiter wachsenden Anforderungen nicht darum herum, bestimmte Gedenkstätten in bestimmten Aufgabenfeldern als Leiteinrichtungen zu stärken.

c) Institutionelle und projektbezogene Finanzierung der Gedenkstätten haben sich als Instrumente grundsätzlich bewährt. Allerdings sollte angesichts der historisch begründeten, stark ungleichen Verteilung von Gedenkstätten beider Diktaturen in den Bundesländern dringend ein finanzieller Ausgleich gefunden werden. Ich verweise dabei auf meine Ausführungen bei der letztmaligen Anhörung am 27. Januar d. J.

d) Das durch die beiden Enquete-Kommissionen sowie das Gedenkstättenkonzept festgeschriebene Konzept von Gedenkstätten als moderne zeithistorische Museen mit besonderen humanitären und bildungspolitischen Aufgaben muss als Leitbild konsequent weiterentwickelt werden. Nach wie vor sind dafür die den Gedenkstätten zur Verfügung gestellten materiellen und personellen Ressourcen nicht ausreichend. Obwohl die Gedenkstätten jährlich Millionen von Besucherinnen und Besuchern verzeichnen, hinken sie den Standards großer vergleichbarer Museen immer noch hinterher. Die trotz aller anerkennungswerter Fortschritte prinzipiell defizitäre Ausstattung betrifft sowohl die sogenannte Hardware als auch die Software, also z. B. sowohl die Mittel zur Erhaltung der historischen Baurelikte als auch für ausreichende pädagogische Kapazitäten. Insbesondere gilt es die Durchdringung von Gedenkstättenarbeit und wissenschaftlicher Forschung auszubauen und auf Dauer zu sichern, wozu die Einrichtung einer der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur vergleichbaren Förderinstitution wohl das beste Instrument wäre, da universitäre Forschung diese Anwendungs-bezogenen Forschungslücken nicht ausfüllt.

 

Zum zweiten Fragenkomplex verweise ich auf die ausführliche schriftliche Stellungnahme von Dr. Dagmar Lieske, die die Ursachen und Gründe für die Leerstellen in der deutschen Erinnerungskultur hinsichtlich der sogenannten Asozialen und Berufsverbrecher ausführlich begründet und hergeleitet hat. In Ergänzung dazu rege ich an, künftig nur noch von Opfern sozialbiologischer und kriminalbiologischer Generalprävention des NS-Regimes zu sprechen. Da die historischen Begriffe selbst heute noch allzu sehr belastet sind, stigmatisieren sie in unzulässiger Weise diese Zehntausende von Menschen, die gleichwohl als Opfer des nationalsozialistischen Terrorsystems angesehen werden müssen.

Auch wenn die Grundzüge der nationalsozialistischen Politik gegenüber den Opfern sozialbiologischer und kriminalbiologischer Generalprävention inzwischen zum großen Teil bekannt sind, so besteht doch nach wie vor ein großer Forschungsbedarf hinsichtlich der genauen Zusammensetzung dieser beiden sehr heterogenen Gruppen, ihres konkreten Schicksals in den verschiedenen Haftstätten des NS-Terrorsystems und vor allem auch in Bezug auf die Nachkriegsgeschichte, in der die Diskriminierung nur allzu häufig fortbestand. Darunter leiden viele Familien der Opfer bis heute. Gerade die Gedenkstätten können mit Ausstellungen, Publikationen und pädagogischen Projekten viel tun, um die gesellschaftlichen Vorurteile und Tabus zu korrigieren und abzubauen. Ein kollektives, allgemeines, Gruppenbezogenes ehrendes Gedenken halte ich allerdings für die Opfer kriminalbiologischer Generalprävention derzeit nicht für möglich, wohl aber kann und sollte ihr Verfolgungsschicksal und das dadurch verursachte Leiden in der Darstellung von einzelnen Biographien herausgestellt und gewürdigt werden.

Obwohl in den vergangenen Jahren viele lange Zeit diskriminierte Opfergruppen gesellschaftliche Anerkennung gefunden haben, gibt es nach wie vor große Verfolgtengruppen, deren Schicksal, wie Bundespräsident Gauck formuliert hat, immer noch im Erinnerungsschatten liegt. Die weitaus größte und wichtigste vergessene bzw. verdrängte Gruppe von NS-Verfolgten sind m. E. die Opfer der Lebensvernichtung im Osten. Ich bin allen Fraktionen des deutschen Bundestages dankbar dafür, dass sie den vordringlichen Bedarf für die Errichtung eines Erinnerungszeichens an diese mehrere Millionen Menschen in Gesprächen mit den Initiatoren anerkannt haben und würde mir wünschen, dass noch dieser Bundestag die Weichen für die Realisierung stellt.

Neujahrsempfang des Arbeitskreises der Berlin-Brandenburgischen Gedenkstätten 2. Februar 2017

NEUJAHRSEMPFANG DES ARBEITSKREISES DER BERLIN-BRANDENBURGISCHEN GEDENKSTÄTTEN

AM 2. FEBRUAR 2017

Prof. Dr. Günter Morsch
Sehr geehrter Herr Senator Lederer

Sehr geehrter, lieber Herr Dr. Eberhardt,

lieber Herr Gutzeit,

liebe Kolleginnen und Kollegen,

meine sehr geehrten Damen und Herren,

 

im Namen des Arbeitskreises der NS-Gedenkstätten in Berlin-Brandenburg heiße ich Sie alle zu unserem vierten Neujahrsempfang der Berlin-Brandenburgischen Gedenkstätten willkommen. Ich begrüße insbesondere die Mitglieder des Berliner Abgeordnetenhauses und des Brandenburgischen Landtages. Wir freuen uns über die Anwesenheit von Mitgliedern des diplomatischen Chors sowie von Vertretern der Opferverbände, der christlichen Kirchen jüdischen Gemeinden sowie des Zentralrats der Juden in Deutschland. Ich möchte vor allem Herrn Dr. Eberhardt sowie der „Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ meinen ganz herzlichen Dank dafür sagen, dass wir nicht nur hier bei Ihnen zu Gast sein dürfen, sondern dass sie auch diesen Empfang ausrichten. Bis zum heutigen Neujahrsempfang war die „Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur“ Gastgeber unserer kleinen Veranstaltung. Daher war es höchste Zeit, dass die Lasten und Pflichten, die die SED-Aufarbeitungsstiftung immer gerne übernommen und vortrefflich ausgefüllt hatte, einmal auf andere Schultern wechseln. Es hat meinerseits wenig Überzeugungsarbeit bedurft, um Herrn Dr. Eberhardt, der spätestens seit seiner Zeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter  im „Verein gegen Vergessen für Demokratie e. V.“ den Gedenkstätten auch persönlich verbunden ist, für die Ausrichtung unserer heutigen Veranstaltung zu gewinnen. Nochmals: ganz herzlichen Dank, Ihnen, lieber Herr Eberhard, und ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern dafür!

Der Neujahrsempfang ist für die beiden Arbeitskreise der Berlin-Brandenburgischen Gedenkstätten ein guter Anlass, um im zwanglosen Rahmen mit Kolleginnen und Kollegen sowie mit unseren Gästen hoffentlich nicht nur über die Geschichte beider Diktaturen ins Gespräch zu kommen. In beiden Arbeitskreisen arbeiten auch Verbände und Organisationen mit, die die Arbeit der Gedenkstätten begleiten und unterstützen. Diese Zusammenarbeit steht für eine Besonderheit der deutschen Erinnerungskultur, die eben nicht nur durch mehr oder weniger staatlich finanzierte Institutionen ausgestaltet wird, sondern auch durch Vertreterinnen und Vertreter der Zivilgesellschaft, insbesondere auch durch die Betroffenen. Allerdings sind letztere in den NS-Gedenkstätten, anders als in den SED-Gedenkstätten, fast ausschließlich inzwischen engagierte Bürgerinnen und Bürger sowie maximal Angehörige ehemalige Opfer des NS-Terrors. Leider gibt es nur noch vereinzelt Zeitzeugen, die die nationalsozialistische Diktatur am eigenen Leibe erleiden mussten. Die NS-Gedenkstätten haben über viele Jahre sehr eng mit den Überlebenden des NS-Terrors und des Widerstandes zusammengearbeitet. Diese Menschen, die uns, die Vertreter der Gedenkstätten, neben ihrer Erfahrung, ihrem Wissen und ihrem Rat vor allem auch ein gutes Stück weit die Kraft und die Motivation gegeben haben, um manchen nicht einfachen Kampf um die Erinnerung durchzustehen, sie fehlen uns und wir vermissen sie schmerzlich.

Dieser unersetzliche Verlust, den das Ende der Zeitzeugenschaft für uns bedeutet,  wird uns besonders jetzt vor Augen geführt. Wieder einmal mehren sich Stimmen, die die mühsam in den vergangenen 72 Jahren in vielen heftigen Kämpfen erstrittene Erinnerungskultur an die Verbrechen des „Dritten Reiches“ in Deutschland zur Disposition stellen. Dabei muss man nicht allein an solche Extremisten denken, die die NS-Gedenkstätten als Ausdruck einer Kultur der Schande denunzieren. Unter dem Verdikt der „politcial correctness“ und des sogenannten „Gutmenschentums“ verbergen sich nicht selten, grundsätzliche Bedenken, wonach Deutschland endlich seinen, wie es heißt, „Schuldkult“ aufgeben solle. Das, wie Aleida Assmann, formuliert hat „Neue Unbehagen an der Erinnerungskultur“ scheint auch in den Feuilletons selbst liberaler Zeitungen gelegentlich auf und bemäntelt sich geschickt mit ernster Sorge vor einem angeblich vor allem unter deutschen Jugendlichen um sich greifenden Überdruss an der Geschichte des Nationalsozialismus. Nun soll  hier nicht bestritten werden, dass manche Lehrerinnen und Lehrer und auch manche Medien des Guten zu viel tun. Doch unsere Erfahrungen in den Gedenkstäten sind andere: Zum einen erfreuen wir uns fast alle eines wachsenden Interesses, gerade auch junger Menschen. Das Problem der Gedenkstätten ist nicht etwa, Besucher zu mobilisieren, sondern im Gegenteil, wie wir angesichts der ständig zunehmenden, die logistischen und personellen Kapazitäten der Gedenkstätten weit überfordernden Anfragen noch eine, unseren selbst gesteckten Ansprüchen gemäße qualitativ hochwertige Bildungsarbeit realisieren können.  Da sich nun die vorliegenden Besucherzahlen nicht leugnen lassen, unterstellt der eine oder andere Kritiker, dass die Jugendlichen unter mehr oder weniger starkem Zwang die Gedenkstätten aufsuchen. Lässt sich auch dies überwiegend widerlegen, so bewerten andere das Interesse der Millionen Besucherinnen und Besucher als Ausdruck eines „dark tourism“, bei dem es den Menschen weniger um Information und Geschichtsbewusstsein als um emotionale Erlebnisse und geschichtsblinden Authentizitätskult ginge.

Es lässt sich nicht abstreiten, dass unter den Millionen Menschen, die aus aller Welt die Gedenkstätten besuchen, auch solche Motive eine Rolle spielen. Doch wer sich z. B. den in den Feuilletons viel rezensierten und überwiegend positiv besprochen Film „Austerlitz“ in ganzer Länge anschaut, der findet für die herablassende Arroganz des Regisseurs gegenüber anonymen Menschenmassen viele Belege, für die von ihm behauptete Gleichgültigkeit und Würdelosigkeit jedoch kaum. Es sei denn, man hält Besucher, die sich bei über 40 Grad Hitze im Schatten auf den offenen, der Sonne ungehindert ausgesetzten Freiflächen mit luftiger Kleidung oder sogar mit Regenschirmen schützen, per se für Kultur- und Gedenkbanausen. Bezeichnenderweise fehlen in den neunzig Minuten schwarz-weißer, durch Teleobjektive verzerrten Aufnahmen, Bilder aus den (häufig überfüllten) Ausstellungen. Dort kann die drängende, sachlich fundierte  Neugier und das überwiegend große Interesse der meisten Besucherinnen und Besucher an der Geschichte der Orte leicht in Bildern festgehalten werden, wenn der Regisseur es denn gewollt hätte.

 

Zum anderen müssen wir den angeblichen Überdruss vieler Jugendlicher an der NS-Geschichte mit dem nicht selten von unseren Pädagogen beklagten allgemeinen Rückgang der Geschichtskenntnisse in einem Zusammenhang betrachten. Repräsentative Evaluationen haben zeigen können, dass häufig ausgerechnet diejenigen Jugendlichen eine „Überfütterung“ beklagen, die die geringsten Geschichtskenntnisse haben. Trotzdem müssen wir solche Abwehrreaktionen ernst nehmen, auch wenn umfangreiche Befragungen, wie sie etwa vom „Zeit-Magazin“ oder der Friedrich-Ebert-Stiftung vorgenommen wurden, übereinstimmend ein nach wie vor vorhandenes oder sogar eher wachsendes großes Interesse an der Geschichte des Nationalsozialismus im Allgemeinen und an den Gedenkstätten im Besonderen belegen.

Der Arbeitskreis der Berlin-Brandenburgischen Gedenkstätten hat sich deshalb in den beiden vergangenen „Foren zur zeithistorischen Bildung“, auf denen Lehrkräfte und Gedenkstättenmitarbeiter in einen Austausch treten, verstärkt und intensiv mit den Fragen einer stärkeren Subjektbezogenheit historisch-politischer Bildung beschäftigt. Wie kann es gelingen zwischen der heutigen Lebenswelt von Jugendlichen einerseits und der Geschichte der Diktaturen andererseits Brücken des Interesses zu bauen? Nicht nur die Vermittlung von Gegenwartsbezügen war damit gemeint, sondern intendiert waren auch Fragen nach den Folgen für die Bildungsarbeit der Gedenkstätten, wie sie sich aus der zunehmenden Diversität und Multikulturalität unserer Gesellschaft ergeben. Beide Arbeitskreise der Berlin-Brandenburgische Gedenkstätten werden sich auch im zukünftigen „Forum für zeitgeschichtliche Bildung“, das voraussichtlich im Oktober diesen Jahres stattfinden wird, weiter damit auseinandersetzen, wie die Formen außerschulischer Pädagogik an den Gedenkstätten den  veränderten Sozial-, Kultur- und Bildungsstandards besser angepasst werden können.

 

Bei all meiner Kritik an einer sich modisch gebenden Skepsis gegenüber der Erinnerungskultur in Deutschland will ich es nicht versäumen auch auf das Gegenteil hinzuweisen. In den meisten politischen Parteien, unter den Abgeordneten von Bundestag und Landtagen, bei Ministerien und Verwaltungen finden die Gedenkstätten auch viel Unterstützung und Hilfe. Gerade vielen Politikern ist bewusst, wie wichtig die Fundierung einer historisch-politischen Bildung angesichts der in Teilen der Bevölkerung zunehmenden Demokratieskepsis und der sich in Europa und Übersee immer mehr verbreitenden nationalen Bewegungen ist. Dort, wo sich gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und nationale Hybris ausbreitet, benutzen Demagogen und Populisten gerne Versatzstücke der Geschichte und rühren sie zu einem kruden, zumeist alten Brei zusammen, um neuen Hass wachsen zu lassen. Wir konnten in den vergangenen Jahren erleben, wie aus der Erinnerung an verlorene oder gewonnene Schlachten, die hunderte von Jahren zurücklagen, nationale Überheblichkeit, Rassismus und Menschenverachtung erzeugt werden. Geschichte hat ein malignes Potential, das wie aus der Büchse der Pandora emporsteigen und menschliche Empfindungen vergiften kann. Wir, die Gedenkstätten, die an die Folgen staatlicher Gewalt erinnern und darüber informieren, können etwas dagegen tun, vielleicht sogar mehr als andere Bildungseinrichtungen. Wenn sich die Gesellschaft und die Politik aber bewusst sind, dass auch die Gedenkstätten nur ein Puzzleteil im Mosaik der historisch-politischen Bildung sind, dann brauchen auch wir, die Gedenkstätten, uns vor Überfrachtung und Überforderung nicht zu fürchten, sondern sollten auch weiterhin die Herausforderungen im Sinne von Demokratieerziehung und Menschenrechtsbildung  annehmen.

 

Ich danke Ihnen!

Tag der Opfer des Nationalsozialismus 27. Januar 2017: Opfer des Zellenbaus im KZ Sachsenhausen

 

 

GEDENKTAG FÜR DIE OPFER DES NATIONALSOZIALISMUS

  1. Januar 2017

OPFER DES NS-TERRORS IM „ZELLENBAU“ DES KZ SACHSENHAUSEN

BEGRÜSSUNG UND EINFÜHRUNG

Prof. Dr. Günter Morsch

 

Sehr geehrte Herr Vizepräsident des Landtages Brandenburg, sehr geehrte Frau Vizepräsidentin des Berliner Abgeordnetenhauses,

sehr geehrte Überlebende und Angehörige von Opfern des NS-Terrors,

meine sehr geehrten Damen und Herren,

 

„Bin ich in diesem Grab noch ein Mensch aus Fleisch und Blut?“ Diesen Satz schrieb der ehemalige französische Ministerpräsident Paul Reynaud in sein heimlich geführtes Tagebuch, als er von den Nationalsozialisten in den Jahren 1942 und 1943 in einer der achtzig Zellen des Lagergefängnisses im Konzentrationslager Sachsenhausen in Isolationshaft gehalten wurde. Dabei gehörte der konservative Jurist, der zusammen mit Charles de Gaulle jede Form der Beschwichtigungspolitik und Kollaboration gegenüber dem „Dritten Reich“ abgelehnt hatte und deshalb am 7. September 1940 verhaftet worden war, eher zu den privilegierten Häftlingen. Diese waren hauptsächlich in dem nach Osten gerichteten B-Flügel des Zellenbaus bei besserer Verpflegung, Hofgang und Tageslicht untergebracht. Hitler ließ Reynaud ebenso wie die anderen französischen Minister der Ante-Vichy-Regierungen der dritten französischen Republik, Georges Mandel und Yvon Delbos, als politische Geiseln aus dem Lagergefängnis von Sachsenhausen an andere Internierungsorte transportieren. Sie überlebten die Haft im Zellenbau; jedoch nicht alle die Kapitulation Deutschlands.

Für viele andere Häftlinge dagegen, ob sie prominent waren oder nicht, war dieses düstere, lautlose, scheinbar menschenleere Grab der letzte Ort und die prügelnden über die Schmerzen ihrer Opfer Hohn lachenden SS-Männer die letzten Menschen, die sie in ihrem Leben sahen. Ihnen, den getöteten, ermordeten und gequälten Opfern des NS-Terrors im „Zellenbau“ des Konzentrationslagers Sachsenhausen wollen wir heute am Tag der Opfer des Nationalsozialismus in besonderer Weise gedenken.

 

Ich begrüße aus diesem Anlass ganz herzlich die Vizepräsidenten  des Landtages Brandenburg und des Berliner Abgeordnetenhauses, Herrn Dieter Dombrowski und Frau Dr. Manuela Schmidt. Wir freuen uns auch über die Anwesenheit zahlreicher Abgeordneter der demokratischen Fraktionen des Brandenburger Landtages und des Berliner Abgeordnetenhauses. In Brandenburg richten die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten und der Landtag gemeinsam die jährliche Gedenkveranstaltung am 27. Januar aus, die, wie es in dem Beschluss des deutschen Bundestages heißt, allen Opfern des nationalsozialistischen Terrors gewidmet ist. Sie findet immer am authentischen Ort der Verbrechen statt, dort wo sich u. a. die Zentrale  aller Konzentrationslager befand,  in der Gedenkstätte und dem Museum Sachsenhausen. Dafür sind wir Ihnen, sehr geehrte Mitglieder des Landtagspräsidiums, sowie allen demokratischen Fraktionen des Brandenburgischen Landtages, die diesen Beschluss einvernehmlich mittragen, sehr dankbar.

Ich begrüße ferner den stellvertretenden Ministerpräsidenten, Herrn Christian Görke, sowie die anderen Mitglieder der Brandenburgischen Landesregierung und des Berliner Senats. Ich begrüße den Landrat des Kreises Oberhavel, den Bürgermeister der Stadt Oranienburg und die Mitglieder des Kreistages sowie der Stadtverordnetenversammlung. Ganz besonders dankbar sind wir, dass erneut  zahlreiche Angehörige und Repräsentanten ausländischer Botschaften und Mitglieder des diplomatischen Corps an unserer Gedenkveranstaltung teilnehmen. Ich begrüße die Gesandten der Botschaft Israels sowie die Vertreter der Botschaften Kolumbiens, Österreichs, Polens, Rußlands, Serbiens, der Slowakei,  Spaniens und der Ukraine. Ich danke außerdem allen Vertretern der Parteien, der Gewerkschaften und der Wirtschaft, ich danke den zahlreich anwesenden Repräsentanten der Kirchen sowie der jüdischen Gemeinden Brandenburgs und Berlins sowie des Zentralrats der Juden in Deutschland. Ich begrüße außerdem die Vertreter von Hochschulen und Schulen sowie von Opferverbänden, insbesondere  den Generalsekretär des Internationalen Sachsenhausen Komitees, Herrn Dik de Boef, sowie die Vorsitzenden und Mitglieder der deutschen Häftlingsvereinigung von Sachsenhausen. Auch  die Mitglieder des Internationalen Beirates der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten mit seinem Vorsitzenden Dr. Thomas Lutz, sowie die Repräsentanten der Sinti und Roma und der Homosexuellen möchte ich herzlich begrüßen. Wir freuen uns sehr über ihre stete Beteiligung an unserer Gedenkveranstaltung, zu der viele von ihnen Kränze nieder legen werden.  Ganz besonders dankbar sind wir auch für die Anwesenheit zahlreicher Schülerinnen und Schüler des Alexander-von-Humboldt-Gymnasiums in Berlin, des Georg-Mendheim-Oberstufenzentrums in Oranienburg sowie des Gymnasiums Panketal, die zum Teil die heutige Gedenkveranstaltung mitgestalten.

Der Zellenbau des Konzentrationslagers Sachsenhausen war, so wie die vergleichbaren Gefängnisse in anderen Konzentrationslagern, unter den zahlreichen unterschiedlichen Orten und Plätzen, wo die SS die Häftlinge quälte und tötete, ein herausgehobener Ort. Als eine „Stätte des Grauens“ bezeichnete eine internationale Häftlingsgruppe den Zellenbau schon im Mai 1945. Unter den einzelnen miteinander verbundenen Teilen der Todesmaschinerie von Sachsenhausen stellten sie das Lagergefängnis, auch Bunker genannt, auf eine Stufe mit der „Station Z“, dem als Einheit von Massenvernichtungsstätte und Krematorium 1942 im Industriehof errichteten großen Steingebäude. Doch Zellenbau und „Station Z“ symbolisieren, wie mir scheint, eher zwei unterschiedliche Formen der Gewalt in den Lagern, die zwar einander ergänzten, aber zugleich die Eckpunkte des Terrorsystems im KZ  beschreiben, das in dieser Form in anderen Haftanstalten des „Dritten Reiches“ im Besonderen und des Zwanzigsten Jahrhunderts im Allgemeinen nicht bestand. Steht die „Station Z“ mit der mechanisierten Massenerschießungsstätte, der Gaskammer und dem automatischen Galgen für den technisch modernen, kalt kalkulierten Aspekt nationalsozialistischer Massenvernichtungsmaschinerien, so ist der Zellenbau eher Symbol der hemmungslosen, völlig entfesselten, eher individuellen Rache- und Gewaltorgie im Grenzbereich zum pathologischen Sadismus.

Im Gegensatz zu den Massenvernichtungsstätten wie der „Station Z“ waren die Lagergefängnisse als ein separater Bereich schon in den frühen Konzentrationslagern bekannt. Vorbilder mögen die Karzer in den Militärkasernen gewesen sein. In der alten Brauerei in Oranienburg z. B., dem frühen KZ der örtlichen SA-Standarte, wurden im berüchtigten Zimmer 16 Häftlinge bei den Verhören gefoltert und einige von ihnen auch ermordet. Unmittelbar daneben, in den ehemaligen Trockenkammern, befanden sich Dunkelarrestzellen für den Vollzug der Lagerstrafen. An dieser schon 1933 praktizierten dualen Funktion der Zellengefängnisse in den Konzentrationslagern änderte sich im Grundsatz bis zur Befreiung der letzten KZ-Häftlinge 1945 kaum etwas: zum einen dienten sie den verschiedenen polizeilichen Ermittlungstellen des KZ ebenso wie übergeordneter Dienststellen als Isolationsorte für Gefangene, die auf Verhöre oder sogar ihre Hinrichtung warten mussten und zum anderen als besonders geeigneter Ort des Vollzugs grausamer, angeordneter Lagerstrafen oder willkürlicher Torturen.

Die vor allem in den Zellen des B-Flügels untergebrachten Häftlinge waren zumeist auf Anordnung der höchsten NS-Staatsführung oder der zentralen Berliner Sicherheitsbehörden nach Sachsenhausen verschleppt worden. Der Zellenbau des „Konzentrationslagers bei der Reichshauptstadt“ war wie zuvor das 1936 geschlossene KZ Berlin-Columbia eine Art Außenstelle des Gestapogefängnisses in der Berliner Prinz-Albrecht-Straße. Zwischen diesen nur etwa 30 Kilometer voneinander entfernten Einrichtungen pendelte nach Aussagen der SS-Männer mindestens zweimal die Woche eine grüne Minna und brachte die Insassen zu den Verhören der Gestapo und der Kriminalpolizei.  Zu den Gefangenen des Zellenbaus, die zur Vorbereitung von Prozessen in Sachsenhausen von der Gestapo festgehalten wurden, zählten z. B. mehrere Mitglieder der von den Nationalsozialisten nicht zu Unrecht als  militante „Terrorgruppe“ bezeichneten, bisher kaum bekannten kommunistischen Widerstandorganisation „Emil Pietzuch“. Diese mindestens 40 deutschen Kommunisten, unter ihnen nicht wenige Frauen, bereiteten ähnlich wie der etwa zur gleichen Zeit in den Zellenbau verschleppte Georg Elser Sprengstoffanschläge u. a. gegen Propagandaminister Joseph Goebbels und Sabotageaktionen im Falle eines Krieges gegen die Sowjetunion vor. Während einer der in Sachsenhausen Inhaftierten, der Weddinger Arbeiter Kurt Brandt, im KZ Sachsenhausen verblieb und später die gezeigten Zeichnungen aus dem Zellenbau anfertigte, wurden andere im Laufe der Jahre 1939-41 zum Tode oder zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. Der Namensgeber der Gruppe allerdings, der aus Breslau stammende Zimmermann Emil Pietzuch, konnte zunächst aus Deutschland flüchten und verschwand danach in den Lagern des stalinistischen Gulags.

Aber auch die hohen SS-Führer der Gestapo und der Kriminalpolizei fuhren nicht selten mit ihren abgedunkelten Dienstwagen von Berlin aus direkt bis in das Areal des streng abgeschlossenen Lagergefängnisses und führten ihre Verhöre vor Ort durch. Selbst der „Reichsführer SS“ Heinrich Himmler kam häufig nach Sachsenhausen und versäumte es dabei zumeist nicht, die Häftlinge des Zellengefängnisses seiner persönlichen Inspektion zu unterziehen. Für mindestens drei von ihnen, für den sechzehnjährigen Österreicher Heinrich Petz und die beiden Angehörigen der Zeugen Jehovas, Robert Ziebold und Franz Wels, hatte dieser hohe Besuch ihren sofortigen Tod zur Folge. Sie wurden unmittelbar danach auf persönliche Weisung Himmlers hin erschossen. Der oberste Chef aller Polizei- und SS-Dienststellen fühlte sich durch das despektierliche Verhalten der beiden von der KZ-Bürokratie als „Bibelforscher“ bezeichneten Gefangenen beleidigt, weil diese aus religiösen Gründen bei seiner Besichtigung ihrer Zelle einfach auf dem Boden sitzen geblieben waren.

Die Häftlinge der zentralen Staats- und Sicherheitsapparate wurden in strenger Isolation gehalten. Sie erhielten falsche Namen, durften wenn überhaupt dann nur alleine auf Freigang im kleinen Gefängnishof und erhielten ihre Nahrung nicht durch Häftlingskalfaktoren, sondern ausschließlich von diensthabenden SS-Männern. Bis heute sind nicht wenige der Sondergefangenen immer noch nicht bekannt und manche Schicksale derjenigen Häftlinge, deren Namen trotz größter Geheimhaltung irgendwann durchsickerte, liegen immer noch im Dunkeln. Einige wenige Beispiele will ich nennen: Der als persönlicher Gefangener Hitlers bezeichnete Pfarrer der Bekennenden Kirche Martin Niemöller ist wohl der bekannteste Häftling des Zellenbaus. Er befand sich über drei Jahre, von 1938 bis 1941, in der Zelle 1 des B-Flügels, gleich rechts neben dem Eingang. Der Hitler-Attentäter Georg Elser dagegen war am anderen Ende des B-Flügels in einer für ihn eigens vergrößerten Zelle untergebracht, Tag und Nacht von einem SS-Mann bewacht. Elser und der 1939 gleichfalls wegen des Attentats im Münchener Bürgerbräukeller verhaftete britische Geheimdienstoffizier Payne Best waren wohl die beiden mit insgesamt fünf Jahren Haftdauer am längsten im Zellenbau von Sachsenhausen eingesperrten Gefangenen.  Bis heute unbekannt sind z. B. die genauen Umstände der Ermordung von Herschel Grynspan, dessen Attentat in Paris den Novemberpogrom 1938 auslöste, sowie des obstersten Führers der polnischen Heimatarmee Stepan Rowecki und des Lubliner Weihbischofs Wladyslaw Goral. Von dessen Amtsbruder aus der evangelisch-augsburgischen Kirche in Polen, Bischof Julius Bursche, sowie vom Sohn Stalins, Jacub Dschugaschwilli, wissen wir immerhin die genauen Daten ihres Todes und teilweise auch die Umstände, unter denen sie in Sachsenhausen zu Tode gekommen sind.

Das Reichssicherheitshauptamt in Berlin nutzte Sachsenhausen seit dem Beginn des Zweiten Weltkrieges immer stärker auch als Ort für Hinrichtungen. Viele der Todeskandidaten verbrachten eine letzte Nacht in den Zellen des Bunkers von Sachsenhausen. So sperrte die SS am 30. April 1942 71 durch die Wehrmachtsjustiz verurteilte holländische Widerstandskämpfe  in das Lagergefängnis auf engstem Raum zusammen. Anders als die meisten anderen Opfer, die auf ihre Hinrichtung warteten, durften die Niederländer, unter ihnen hohe Offiziere, Abschiedsbriefe an ihre Angehörigen schreiben. Zwei Tage später, in den Morgenstunden des 2. Mai, wurden alle gruppenweise von SS-Blockführern auf Lastwagen zum Erschießungsgraben im Industriehof des Lagers transportiert und dort von Angehörigen des SS-Totenkopfwachbataillons erschossen.

Wollte ich in meiner Rede alle vom Zellenbau auf Veranlassung der zentralen Berliner Terrororganisationen  zur Hinrichtung in den Tötungsanlagen des KZ Sachsenhausen transportierten Gefangenen aufzählen, so würde meine Redezeit nicht ausreichen. Trotzdem kennen wir bisher nur einen Teil der Opfer und werden wohl auch nie alle Namen nennen und alle Schicksale darstellen können.  Der Kreis der anonymen Opfer wird noch erheblich größer, bezieht man nicht nur die aus Berlin überstellten Todeskandidaten, sondern auch die KZ-Häftlinge des Lagers mit ein, die entweder direkt im Zellengefängnis von den SS-Männern des Kommandanturstabes, also  an Ort und Stelle, ermordet oder von hier aus in die verschiedenen Tötungsanlagen des KZ, zu den Galgen, zum Erschießungsgraben, zur Gaskammer oder zur Genickschussanlage, getrieben wurden.

Bereits im Herbst 1936, als die knapp 1.000 ersten Häftlinge aus den Konzentrationslagern Esterwegen und Berlin-Columbia kaum die erste Reihe der Baracken um den halbkreisförmigen Appellplatz herum errichtet hatten, nahm die Kommandantur das noch im Bau befindliche Gebäude in Betrieb. Sie hatte es offenbar eilig damit, einen selbst hinter den Zäunen und Mauer des Lagers ohnehin im KZ verborgenen und geheimen Ort für ihre Mordexzesse zu finden. Am 25. November 1936 notierte die Schutzhaftlagerabteilung auf einem Veränderungszettel den ersten im Sprachgebrauch der Täter sogenannten Abgang eines Häftlings aus dem Lagergefängnis. Der dort namentlich aufgeführte politische Häftling Hans Clausen wurde aus seiner Zelle herausgenommen. Weil es in Sachsenhausen in dieser Frühzeit noch keinen Krankenblock gab, ließ ihn der Kommandant in das Berliner Staatskrankenhaus transportieren, wo er kurz darauf verstarb. Clausen war wahrscheinlich der erste KZ-Häftling von Sachsenhausen, der den Gewaltexzessen im Zellenbau erlag. Nur wenige Tage später, noch vor Weihnachten 1936, setzte sich die Mordorgie im Bunker fort. Die jüdischen Häftlinge Julius Burg, Leonhard Bischburg, Franz Reyersbach und Kurt Zeckendorf starben an den schweren Misshandlungen, die ihnen die SS-Männer zugefügt hatten. Vorläufig letztes jüdische Opfer der sadistischen Exzesse im Zellenbau in dieser Phase des Lageraufbaus 1936/37 war das bekannte Mitglied der Bekennenden Kirche Friedrich Weißler. Der nach den Nürnberger Rassegesetzen von 1935 von den Nationalsozialisten als Jude klassifizierte Jurist wurde von mehreren SS-Schergen, die zum Dienst im Zellenbau eingeteilt worden waren und die sich selbst als „fanatische Judenhasser“ bezeichneten, in der Zelle 60 des Nordflügels über mehrere Tage mit kaum vorstellbarer Grausamkeit zu Tode gefoltert. Etwa zur gleichen Zeit, wahrscheinlich noch im Dezember und Januar ließ Kommandant Karl Otto Koch sechs der sieben im November geflohenen und wieder ergriffenen sogenannten Berufsverbrecher von den Pfählen, an die sie jede Nacht bis Weihnachten auf dem Appellplatz aufgehängt worden waren, im Zellenbau auf eine immer noch unbekannte Art verschwinden, so dass wir nicht einmal ihre Namen kennen. Nur der siebte Häftling, dem die Flucht gelungen war, der in Dortmund geborene Karl Göntges, ist bekannt. Er wurde 1940 in Belgien ergriffen und von dort erneut nach Sachsenhausen verschleppt. Die Kriminalpolizei und die Konzentrationslager-SS hatten seine Akte aufbewahrt. Er entkam ihrer Rache nicht, auch wenn inzwischen selbst der Kommandant schon mehrfach gewechselt hatte. Ähnlich wie die anderen Geflüchteten sperrte Kommandant Loritz Göntgens vier Jahre nach seiner Flucht aus Sachsenhausen in den Lagerbunker. Dort  misshandelten ihn die SS-Männer so lange, bis er aus Verzweiflung in den elektrischen Draht sprang, um weiteren Folterungen zu entgehen.

Folter und Mord, das können wir schon aus dem Schicksal der ersten bekannten Häftlings des Zellenbaus schließen, zählten von Beginn an zu den Hauptaufgaben der Herrscher über die ihnen überantworteten Gefangenen des Lagerbunkers. Für die KZ-Kommandanten, die Leiter der Abteilung Schutzhaftlager sowie der politischen Abteilung, denen der Zellenbau direkt, zeitweise oder partiell unterstand, war dieser verborgene Bereich ein Ort völlig entgrenzter Gewalt, in  dem ein Wink der Hand, ein Augenaufschlag oder eine im typischen Lagerjargon mit zynischen Worten verkleidete mündliche Anweisung genügte, um die untergeordneten Büttel  auf die wehrlosen Opfer loszulassen. Willkür und Exzess einerseits sowie Befehle und Bürokratie andererseits waren keine Gegensätze, sondern ergänzten und bedingten einander. Der Exzess war kalkuliert, die Willkür eingeplanter Bestandteil der Maschinerie des Terrors.

Auch aus den darauf folgenden Jahren sind uns viele vergleichbarer Fälle bekannt, in der der Zellenbau entweder als Tatort für Morde der Lager-SS oder als eine Art Endstation vor der Tötung der Opfer in den verschiedenen anderen Tötungseinrichtungen des KZ, z. B. in den Krankenrevierbaracken, im Erschießungsgraben oder in der „Station Z“, genutzt wurde. In den Jahren von 1938 bis 1942 nahmen diese Mord- und Massenmordaktionen, bei denen der Bunker häufig eine wichtige Rolle spielte, immer mehr zu.  Zwischen Oktober 1944 und April 1945 leerte schließlich der Chef des Zellenbaus Kurt Eccarius auf Befehl des Reichsführers SS sowie des Kommandanten allmählich die Zellen des Bunkers und führte teilweise persönlich die Opfer in den Industriehof. Dort wurden sie entweder als Zeugen von Verbrechen der Nationalsozialisten oder aber als Todeskandidaten, die man sich bis zum Schluss aufgespart hatte, auf jede nur mögliche und denkbare Art ermordet: erschossen, gehängt, erschlagen, vergast oder mittels Spritzen umgebracht.

Wenigstens einen der zahlreichen Masssenmorde der Endphasenverbreche will ich im Folgenden kurz erwähnen:  Als die Rote Armee die Oder überschritten hatte und nur noch etwa 50 Kilometer vom Hauptlager Sachsenhausen entfernt war, löste der Kommandant die mit Himmler, dem Chef der Gestapo Müller und dem obersten SS-und Polizeiführer Heißmeyer  verabredete Alarmstufe „Scharnhorst“ aus. Die politische Abteilung des Lagers hatte zuvor zu diesem Zweck eine Liste von 250 angeblich besonders gefährlichen Personen erstellt, die sofort im Industriehof getötet werden sollten. Viele dieser Todeskandidaten, unter ihnen sowjetische und britische Offiziere sowie luxemburgische Polizisten,  befanden sich bereits in Isolationshaft im Zellenblock. Dessen Chef Kurt Eccarius brachte sie zum Turm A, dem Eingangstor zum Schutzhaftlager. Von dort mussten die Opfer, die ihr Schicksal vor Augen hatten, durch eine von SS-Männern des Totenkopf-Wachbataillons gebildete Gasse hindurch zu Fuß mehrere hundert Meter bis zu ihrem Hinrichtungsort laufen. Einige der Todeskandidaten leisteten Widerstand und durchbrachen die Postenkette, worauf die SS-Männer mit ihren Maschinenwaffen hinterher schossen. Da dabei auch ein SS-Offizier getötet wurde, unterbrach der KZ-Kommandant die Mordaktion, bei der bis dahin 125 Opfer getötet worden waren. Einer der letzten Opfer der Kriegsendverbrechen war Hans von Dohnanyi.

Die allermeisten Häftlinge aber waren jedoch nicht als Gefangene der zentralen Sicherheitsbehörden des „Dritten Reiches“ und nicht als Todeskandidaten zur Isolierung vom Kommandanten in den Zellenbau von Sachsenhausen eingewiesen worden, sondern zur Verbüßung ihrer vom Kommandanten oder vom SS-Führer des Schutzhaftlagers verhängten Strafen.  Dabei meldeten die SS-Blockführer Häftlinge ständig wegen tatsächlicher oder erfundener Verstöße gegen die Lagerordnung. Die formelle Strafordnung sah außer dem wochen- nicht selten auch viele Monate lang dauernden Dunkelarrest mit partiellem Essensentzug vor allem die körperliche Züchtigung auf dem berüchtigten Bock vor, der gleich neben dem Büro des SS-Führers im Zellenbau stand. Wie viele Häftlinge brutal zu Tode geschlagen wurden, weil die ursprünglich vorgeschriebene Maximalanzahl von 25-50 Schlägen mit der Peitsche willkürlich durch die SS-Männer überschritten wurde, hat Niemand gezählt. Ebenso wenig erfasste die Lagerstatistik die Häftlinge, die mindestens genauso qualvoll an den im Hof des Zellenbaus aufgestellten Pfählen nach Stunden- oder tagelangem Hängen mit rückwärts verdrehten Armen verstarben. Gelegentlich, so wird berichtet, hingen an einem Pfahl drei Folteropfer gleichzeitig. Die medizinische Abteilung des Lagers erfand für diese sichtbar schwer gefolterten Opfer immer irgendwelche angeblich natürlichen Todesursachen, die sie in die Sterbeurkunden eintrug. Die Misshandlungen durch Blockführer und SS-Offiziere, die ständig neue Foltermethoden erfanden, dauerten tagelang, wochenlang oder monate- und jahrelang und endeten nicht selten mit dem Tod der Gequälten. Andere hielten die Torturen nicht aus und begingen nicht zuletzt auf Drängen der diensthabenden SS-Männer Selbstmord. Diese machten sich einen Spaß daraus, den schwer gequälten Menschen einen Strick in die Zelle zu legen und sie zum Suizid aufzufordern. Leider erlauben uns die zu einem nicht geringen Teil verbrannten Akten der Lagerkommandantur keine Schätzung, wie viele Häftlinge des Konzentrationslagers Sachsenhausen zum Zwecke der Strafverbüßung in den Zellenbau insgesamt eingeliefert wurden und wie viele dort von den SS-Männern  dort getötet wurden. Einen Anhaltspunkt gibt lediglich die Aussage des SS-Blockführers Menne Saathoff, die er bei Vernehmungen im Zusammenhang mit der Vorbereitung des sowjetischen Sachsenhausenprozesses 1947 machte: Danach fanden Massenfolterungen im Zellenbau regelmäßig ein bis zweimal die Woche statt; 6-8 Mann hängten nicht nur Blockführer, sondern auch andere Angehörige des Kommandanturstabes, wie der Leiter der politischen Abteilung Helmuth Dannel, dann an die Pfähle oder schlugen sie sie auf dem Bock. Allein von März 1941 bis November 1942 wurden nach seinen Schätzungen etwa 1.000 Häftlinge auf dem Bock geschlagen und 600 an den Pfählen aufgehängt.

 

Warum, so werden sich möglicherweise Einige von Ihnen, sehr geehrte Anwesende, inzwischen gefragt haben, müssen wir alle diese schrecklichen Details wissen? Reicht es nicht, dass wir in Deutschland ganz überwiegend die Verbrechen der Nationalsozialisten anerkennen und nicht etwa leugnen oder sie relativieren. Dass ich diese Frage verneinen muss, wird die wenigsten verwundern, und dies tue ich aus mehreren Gründen: Zum einen ist die Geschichte der sogenannten Aufarbeitung der nationalsozialistischen Verbrechen, anders als dies von heute aus erscheint, eine sehr mühsame, anstrengende, in Phasen höchst deprimierende und häufig erfolglose gewesen. So standen 1968 zwei Männer des Aufsichtspersonals im Zellenbau, die SS-Männer Kaspar Drexl und Franz Xaver Ettlinger zusammen mit dem langjährigen Chef des Lagergefängnisses Kurt Eccarius wegen ihrer Verbrechen im Bunker vor dem Münchener Landgericht. Es war dies das einzige Verfahren, das die Bundesrepublik Deutschland deshalb angestrengt hatte. Nur auf massiven Druck der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen in Ludwigsburg hin war es überhaupt zustande gekommen. Entsprechend nachlässig und unengagiert gestalteten sich die Vorermittlungen.  Die meisten Opfer verwandelten sich im Laufe des dreimonatigen Prozesses vor Gericht von zunächst vergesslichen Augenzeugen zu, wie es hieß, „zweifelhaften Belastungszeugen“. Aussagen wurden verworfen, weil sich ein ehemaliger Häftling bei der Schilderung eines Mordes, der inzwischen mehr als 25 Jahre zurücklag, um ein oder zwei Monate irrte. Mit dem zynischen Hinweis auf schwere Kopfverletzungen, die einem als Zeugen geladenen Opfer des Zellenbaus durch die SS-Männer zugefügt worden waren, erniedrigte man ihn als angeblich geistesgestört. Ein anderer Zeuge wurde öffentlich als ehemaliger Berufsverbrecher bloßgestellt und deshalb seine Zeugenaussage als die eines angeblichen pathologischen Lügners für unglaubwürdig erklärt. Starverteidiger Rolf Bossi verlangte deshalb ein fachpsychologisches Gutachten. Auch die linksliberale „Süddeutsche Zeitung“, die lediglich im Münchener Lokalteil über den Prozess berichtete, nannte die Zeugen „bemitleidenswert“ aber irgendwie auch  „absonderlich“. Vergegenwärtigen wir uns, dass dieser letzte große Prozess über KZ-Verbrechen in Sachsenhausen auf dem Höhepunkt der Diskussionen über die Verjährung von NS-Unrecht stattfand. Zugleich gingen Tausende von Studentinnen und Studenten gegen die Notstandsgesetze auf die Straße. Die viel beschriebene und wahrscheinlich stark übertriebene Abrechnung zwischen den Generationen der Nachgewachsenen und der Generation der Täter oder Zuschauer fand statt. Trotzdem gab es keine Protestdemonstrationen gegen das Urteil, in dem einer der Täter freigesprochen und die beiden anderen einzig wegen des Mordes an dem erwähnten 16-jährigen Österreicher zu relativ geringen Haftstrafen verurteilt wurden. So befand sich der Chef des Zellenbaus, der sicherlich an dem Mord von Tausenden beteiligt war, schon bald wieder auf freiem Fuß.

Erst vor kurzem schlugen die deutschen Gerichte eine andere Richtung als ihre Kollegen zuvor ein. Das Urteil des Bundesgerichtshofes, das endlich anerkannte, dass Konzentrationslager Mordmaschinen waren, in denen nahezu alle SS-Männer eng miteinander zusammenarbeiten, um gemeinsam die nationalsozialistische Politik der Lebensvernichtung in die Tat umzusetzen, ist erst wenige Wochen alt.  Und auch die Historikerkommissionen, die nun Ministerium für Ministerium, Dienstelle für Dienststelle, Wirtschaftsbetrieb für Wirtschaftsbetrieb nachweisen, welche berufliche Karrieren viele Täter auch nach 1945 erreichen konnten, werden erst jetzt publiziert, nachdem man sicher sein kann, dass nahezu alle, die Verantwortung für die Verbrechen getragen haben,  inzwischen verstorben sind. Es gibt daher keinen Grund für den gelegentlich gezeigten, geäußerten oder gefühlten sogenannten Aufarbeitungsstolz.

Ein zweiter Grund, warum es immer wieder wichtig ist, sich den nationalsozialistischen Terror und seine unterschiedlichen Opfer ins Gedächtnis zu rufen, ist die Gefahr, dass im öffentlichen, nicht selten auch rituellen Gedenken die konkrete Erinnerung an die Vielzahl und Unterschiedlichkeit der Opfer verblasst. Das war einer der Hauptgründe, warum der damalige Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland Ignaz Bubis zusammen mit dem kürzlich verstorbenen Bundespräsidenten Roman Herzog den auf den Befreiungstag von Auschwitz festgelegten Gedenktag ausdrücklich allen NS-Opfern gewidmet haben. In vielen Ländern ist dieser Gedenktag aber schon bald zum Holocaust-Tag umgewidmet worden, wodurch die ganze Dimension der NS-Verbrechen auf den in vielen Aspekten sicherlich singulären Völkermord an den Juden verengt wird. Doch die Geschichte des NS-Terrors ist, wie ich versucht habe, deutlich zu machen, noch lange nicht auserzählt, und je mehr wir darüber forschen, umso deutlicher wird die ungeheure Dimension der NS-Verbrechen, die in den modernen Gesellschaften nach wie vor unvergleichlich ist und gerade deshalb ein Menetekel und Lehrstück bleibt.

Schließlich müssen wir drittens leider seit einigen Jahren in Europa eine immer stärkere Tendenz zur Relativierung der NS-Verbrechen feststellen. Auch in Deutschland kritisieren wir seit Längerem die allmähliche Verschleifung der Erinnerungskultur an die NS-Verbrechen, die – in Verfälschung des Buchtitels von Eric Hobsbawn,-   in ein „Jahrhundert der Extreme“ ein- und untergeordnet werden.  In letzter Zeit monieren nicht nur Rechtspopulisten, sondern auch Journalisten und Wissenschaftler wieder stärker die erst seit der deutschen Einheit voll entfaltete Erinnerungskultur an den Nationalsozialismus in Deutschland. Das Bedürfnis nach einem sogenannten Schussstrich wird wieder offener geäußert und die Phase des „Dritten Reiches“ wird als einmaliger Absturz aus der deutschen sowie europäischen Geschichte heraus eskamotiert. Die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus wird unter das Verdikt der Political Correctness und des sogenannten Gutmenschentums gestellt. Doch die Bohlen und Bretter, die man über den Riss in der Zivilisation, der sich zwischen 1933 und 1945 auftat, zur behaupteten positiven Nationalgeschichte davor und danach  zu legen versucht, sie tragen nicht. Gerade wenn man sich die Pluralität der Opfer des NS-Terrors verdeutlicht, wenn man sich die kalte und die heiße Systematik des gesamten umfassenden Plans zur Lebensvernichtung von großen Teilen der europäischen Bevölkerung vor Augen stellt, wenn man schließlich auch die außerordentlich große Anzahl der Täter und ihrer Helfer einerseits und deren absolut unzulängliche juristische Verfolgung andererseits berücksichtigt, dann, so glaube ich, lässt sich auf absehbare Zeit kein neuer Nationalismus in Deutschland und in Europa rechtfertigen und begründen.   Daher müssen wir immer die ganze Geschichte erzählen; wir müssen sie vollständig erzählen und auch immer wieder. Dadurch können wir nicht verhindern, dass Ideologen, Populisten, Rassisten und Nationalisten die ihnen genehmen Teile zu einem kruden Brei zusammenrühren, in dem die Geschichte missbraucht wird, um neuen Hass zu säen. Aber wir können die Hoffnung haben, dass ihre Saat nicht aufgeht.

Gedenkstein für die katholischen Geistlichen im KZ Sachsenhausen

  1. Jahrestag der Gedenksteinlegung für die inhaftierten katholischen Geistlichen

 

  1. Oktober 2016

 

Begrüssung

 

Prof. Dr. Günter Morsch

 

 

Exzellenz, sehr geehrter Herr Erzbischof Dr. Koch,

sehr geehrter Herr Pfarrer Nehk,

sehr geehrte Frau Pruß,

sehr geehrte Vertreter der polnischen Botschaft,

liebe polnische Gäste,

meine sehr geehrten Damen und Herren,

 

Im Namen der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten sowie der Gedenkstätte und des Museums Sachsenhausen begrüße ich Sie alle ganz herzlich zu unserer heutigen Gedenkveranstaltung.

Vor zehn Jahren, am 4. November 2006, weihten die Kardinäle Georg Sterzinsky und Josef Klemp diesen außerordentlich beeindruckenden Gedenkstein ein. Er erinnert an das Schicksal von über 700 katholischen Geistlichen, die zwischen 1936 und 1945 im Konzentrationslager Sachsenhausen eingesperrt waren und gelitten haben. Nach dem gegenwärtigen Forschungsstand verstarben fast einhundert von ihnen infolge der unmenschlichen Haftbedingungen oder sie wurden von der Konzentrationslager-SS grausam ermordet. Namen, wie die von August Flossdorf, Wielhelm Ahrens, Ludwig Kirch, Rupert Meyer und Karl Leisner, sind Beispiele für Widerstand und Verfolgung von katholischen Geistlichen schon vor dem Beginn des Zweiten Weltkrieges.

Nach dem Überfall des Deutschen Reiches auf Polen verhafteten die Nationalsozialisten Tausende katholischer Geistlicher in –Ausführung ihres Plans zur Vernichtung der polnischen Intelligenz. Etwa 500 von ihnen, darunter die Bischöfe Marian Fulmann und Wladyslaw Goral verschleppte die Gestapo in das Konzentrationslager bei der Reichshauptstadt. Dort trafen sie auf die schon im November 1939 nach Sachsenhausen verschleppten 169  Krakauer Professoren, bei denen u. a. der spätere Papst Johannes Paul II studierte.

Die katholischen Geistlichen wurden von der SS als Pfaffen verspottet und gequält. Im Block 58, der sich hinter der jüdischen Baracke 38 befand, pferchte man sie mit straffällig gewordenen SS-Angehörigen, den sogenannten Knochenmännern, zusammen.  Ihrem von Hass- und Rachgelüsten der SS-Männer bestimmten Lageralltag konnten die Geistlichen zeitweise entfliehen, indem sie gemeinsam in der ab Sommer 1940 im Block 58 eingerichteten kleinen Kapelle beteten. 1941 schließlich wurden die meisten katholischen Geistlichen auf Befehl Himmlers nach Dachau verlegt Trotzdem blieb das Konzentrationslager Sachsenhausen bis zur Befreiung der Häftling im April und Mai 1945 immer auch ein Leidensort für katholische Geistliche nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus vielen anderen europäischen Ländern.

Das ehemalige, mit Kiefern- und Laubbäumen eng bestandene  Areal des Kommandanturstabes der Konzentrationslager-SS wurde von der Gedenkstätte Sachsenhausen ab Mitte der neunziger Jahre als ein Ort des Gedenkens und der Trauer eingerichtet. Hier in diesem vom ständigen Strom der jährlich mehr als 700.000 Besucher etwas abseits gelegenen Bereich der Kontemplation und Besinnung kann auf Initiative von Familien, Verbänden und Institutionen an einzelne Personen oder größere Gruppen von KZ-Opfern erinnert werden. Mit der Errichtung des Gedenksteins für die inhaftierten katholischen Geistlichen, für die wir vor allem der ehemaligen Arbeitsstelle für Zeitgeschichte in Berlin, insbesondere Frau Ursula Pruß und Prälat Gerhart Lange, ganz herzlich danken möchten, fand das Andenken an die Opfer aus dem katholischen Glauben eine ganz besonders eindrückliche, auch gestalterisch gelungene Form. Seitdem haben vor allem zahlreiche Gläubige aus polnischen Gemeinden an diesem Stein der aus ihren Orten stammenden Märtyrer gedacht, die von Papst Johannes Paul II. selig gesprochen wurden.  Auf diese Weise ist es gelungen, die Erinnerung an die vielen KZ-Opfer, die wegen ihres Glaubens ihr Leben in Sachsenhausen verloren haben, nicht nur zu erhalten, sondern zu bestärken.  Die Pilgerfahrten polnischer Gemeinden und die mit deutschen Gläubigen gemeinsam durchgeführten Gedenkveranstaltungen haben aber auch dazu beigetragen, das Einvernehmen zwischen Polen und Deutschen zu befördern, ganz im Sinne der Erklärung der polnischen Bischöfe an ihre deutschen Amtsbrüder von 1965. In ihr heißt es:

„Wenn echter Wille beiderseits besteht – und das ist wohl nicht zu bezweifeln – , dann muss ja ein ernster Dialog gelingen und mit der Zeit gute Früchte bringen, trotz allem, trotz heißer Eisen.“

Zehn Jahre Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit Berlin-Schöneweide

10 Jahre Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit

Grußwort

Prof. Dr. Morsch

  1. September 2016

 Liebe Frau Dr. Glauning,

lieber Kollege Nachama,

meine sehr geehrten Damen und Herren,

Die Jahr nach der deutschen Einheit, zwischen 1990 und der Jahrtausendwende, sie können in gewisser Hinsicht auch als das Jahrzehnt der Gedenkstätten bezeichnet werden. Das wiedervereinte Deutschland, damals die Berliner Republik genannt, sah sich jedoch im In- und im Ausland einem verbreiteten Misstrauen gegenüber, das sich zu einem nicht geringen Teil aus der auch nach fünfzig Jahren vielfach noch unaufgearbeiteten Vergangenheit der nationalsozialistischen Diktatur speiste. Allen Bundesregierungen dieses Gedenkstättenjahrzehnts stand daher klar vor Augen, dass nur eine dauerhafte und tief gehende Institutionalisierung einer kritischen Erinnerungskultur in Deutschland die Vorbehalte und Befürchtungen gegenüber dem neuen Nationalstaatsgedanken auf Dauer eindämmen könnte. Diesen primär außenpolitischen Überlegungen verdanken wir es vor allem, dass die schon in den achtziger Jahren in der alten Bundesrepublik und in West-Berlin quasi „von unten“ erkämpften Gedenkstätteninitiativen sich etablieren und die historischen Orte zu einem Teil in moderne zeithistorische Museen mit besonderen humanitären und bildungspolitischen Aufgaben umwandeln konnten. Ein gutes Beispiel dafür ist die „Stiftung Topographie des Terrors“, die erst mit einer erheblichen Verspätung das von Bürgerinitiativen und Geschichtswerkstäten Ende der achtziger Jahre erkämpfte Barackenprovisorium in ein festes Gebäude mit Veranstaltungs- und Büroräumen, Bibliothek und viel Platz für Dauer- und Wechselausstellungen überführen konnte.

Im Zuge der Etablierung, Professionalisierung und Modernisierung der bundesdeutschen Erinnerungskultur weitete sich der bis dahin stark eingeschränkte Blick von Gesellschaft und  Öffentlichkeit, der primär die Opfer von Holocaust und politischem Widerstand betrachtete, auf die vergessenen und verdrängten Opfergruppen, wie Sinti und Roma oder Homosexuelle, Opfer der Wehrmachtsjustiz oder sowjetische Kriegsgefangene, aus. Und obwohl Ulrich Herbert und andere Autoren schon Mitte der achtziger Jahre die Politik und Praxis des „Ausländer-Einsatzes“ in der Kriegswirtschaft des „Dritten Reiches“ wissenschaftlich erforscht, aber auch Kunst und Medien,  wie der Ende der siebziger Jahre publizierte und 1983 vom polnischen Starregisseur Andrzej Wajda verfilmte Tatsachenroman von Rolf Hochhuth über „Eine Liebe in Deutschland“,  das Thema über den Kreis des Experten hinaus bekannt gemacht hatten, bedurfte es staatlicher Unterstützung, um eine Dokumentationsstätte auch für die zu dieser Zeit mit dem historischen Begriff der „Fremdarbeiter“ bezeichnete Opfergruppe zu schaffen.

Dabei solle bei aller Würdigung und Anerkennung der Anstrengungen und Leistungen engagierter Ehrenamtlicher aus Opferverbänden, Geschichtswerkstätten und Bürgerinitiativen, über die sicherlich Thomas Irmer noch sprechen wird, die durch ökonomische Ursachen und Erfordernisse in der globalisierten Wirtschaft erzwungene Entschädigungsinitiative von Staat und Wirtschaft nicht gering geschätzt werden. Seit der Befreiung vom Nationalsozialismus 1945 hatten die allermeisten Profiteure der Zwangsarbeit, unter ihnen fehlte kaum ein einziger großer Wirtschaftskonzern, mit dem Verweis auf angeblichen Zwang der politischen Führung der NS-Diktatur jegliche Verantwortung für die Zwangsarbeit abgestritten und Historikern den Zugang zu den Akten in ihren Betriebsarchiven versperrt. Das war nun nicht mehr möglich und in der Folge legten Staat und Wirtschaft ab dem Jahre 2000 ein etwa fünf Milliarden Euro umfassendes Entschädigungsprogramm auf, das in die „Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ überführt wurde.

Als schließlich nach mehr als zehn Jahren vorwiegend ehrenamtlichen Engagements und nach voran gegangenen Beschlüssen des Berliner Abgeordnetenhauses und des Senats 2005 ein Teil des Geländes des einzigen in Berlin noch weitgehend erhaltenen Zwangsarbeiterlagers angekauft und institutionell der „Stiftung Topographie des Terrors“ zugeordnet wurde, waren wichtige inhaltliche, gestalterische und konzeptionelle Grundsätze moderner Gedenk- und Dokumentationsstätten, wie vor allem der Umgang mit den Relikten historischer Orte, bereits anderenorts entwickelt und erprobt worden. Der internationale Beirat, der von der Stiftung Topographie des Terrors im Auftrag von Abgeordnetenhaus und Senat im August 2005 als ein Gremium von internationalen Experten berufen wurde, konnte daher nicht nur auf umfangreiche Vorarbeiten der Gedenkstätteninitiativen, Geschichtswerkstätten und des Fördervereins  sowie des Bezirksamtes und der Architekten rekurrieren, sondern auch auf die bereits vorliegenden Erfahrungen mit der Transformation authentischer Orte in zeithistorische Museen und offene Lernorte.  Trotzdem war der enorme Termindruck, unter dem im August 2005 der internationale Beirat seine Arbeit aufnahm, bemerkenswert. Die damalige Kulturstaatssekretärin Barbara Kisseler formulierte gleich zu Beginn die ehrgeizige Zeitvorgabe des Senats: noch vor der Sommerpause des Parlaments 2006, also in einem knappen Jahr, sollte die in Teilen des 1943 erbauten ehemaligen Doppellagers Nr. 75/76 eine Erinnerungs- und Dokumentationsstäte mit einer Ausstellung  sowie ein moderner Lernort entstehen. In maximal vier Sitzungen sollten, so formulierte der Direktor der „der Stiftung Topographie des Terrors“ Dr. Andreas Nachama,  seine Erwartungen, der internationale Beirat die gestalterische und inhaltliche Konzeption sowie das künftige Arbeitsprogramm der zu schaffenden Einrichtung beraten. Aus dem miteinander eng verschlungenen Bündel der Fragen, die der Beirat diskutieren und beschließen sollte, will ich einige wenige aufzählen: Welchen Teil des ehemaligen Lagers soll die künftige Einrichtung umfassen? Welche Empfehlungen werden hinsichtlich Erhalt, Rückbau und Rekonstruktion des historischen Ortes gegeben? Welche primäre Ausrichtung soll die Einrichtung haben, soll sie primär Museum, Gedenkstätte, Dokumentationszentrum oder Lernort sein? Welchen Stellenwert soll die Nachkriegsnutzung haben? Was folgt aus der bauhistorischen Untersuchung für den Umgang mit dem Ort? Soll eine Sammlung aufgebaut und folglich ein Archiv und ein Depot eingerichtet werden? Welchen Stellenwert soll die wissenschaftliche Forschung einnehmen? Welche Zielgruppen sollen angesprochen werden? Wie ist das Verhältnis zu den Nachbarn sowohl in den umliegenden Wohnhäusern als auch den Nutzern der Lagerbaracken und des Geländes zu entwickeln?

Ich könnte diese Aufzählung leicht fortsetzen, zumal selbstverständlich im Laufe der Besichtigungen des Ortes und der Debatten auch mit externen Beratern, Fachleuten und Politikern immer neue Perspektiven sich öffneten, Fragen und Probleme, Hindernisse und Sachzwänge sich auftürmten. Aus den dankenswerterweise akribisch und genau geführten Verlaufsprotokollen der drei jeweils zweitägigen Sitzungen des internationalen Beirates lassen sich m. E.  folgende zentralen Diskussionskomplexe zusammenfassen. Doch bevor ich dies tue, möchte ich die Mitglieder des internationalen Beirates, die sich diesem ungewöhnlichen Arbeits- und Termindruck unterworfen haben namentlich nennen: Gabriele Hammermann, damals stellvertretende Leiterin der KZ.-Gedenkstätte Dachau, Tanja Ronen, die das israelische Getto-Kämpfer-Museum Beit Lohamei Hagetaot vertrat, Andrea Theissen, Sprecherin des Arbeitskreises Regionalgeschichtlicher Museen Berlin, Karen Till von der Universität of Minnesota, Jacub Deka von der Stiftung Polnisch-Deutsche Aussöhnung, Thomas Jelinek vertrat den Deutsch-tschechischen Zukunftsfond und der Historiker Pavel Polian, nahm als ein Experte für die Aufarbeitung der Zwangsarbeit von Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion an den Beratungen teil. Als Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten und Leiter der Gedenkstätte Sachsenhausen hatte ich die Ehre, die Sitzungen des Beirats als Vorsitzender zu leiten. Trotz der im Beirat versammelten Fachkenntnis hätte das ehrgeizige Programm zweifellos nicht ohne die Unterstützung und den Rat zahlreicher weiterer Sachverständiger bewältigt werden können. Einige wenige will ich stellvertretend nennen: Gisela Wenzel von der Berliner Geschichtswerkstatt, Cord Pagenstecher vom Förderverein,  Thomas Lutz von der „Stiftung Topographie des Terrors“, der Historiker Helmut Bräutigam, der Bauhistoriker Axel Drieschner, die Bezirksstadträtin Eva Mendl, Rainer Klemke und Michaela Werner von der Verwaltung des Berliner Kultursenators sowie Gabriele Layer-Jung, die Vorsitzende des Fördervereins. Neben Frau Kisseler engagierten sich auch viele Berliner Politiker persönlich, indem sie  an den einzelnen Beratungen des Beirates teilnahmen, so Kultursenator Thomas Flierl, Abgeordnetenhauspräsident Walter Momper, Vizepräsident Christoph Stölzl und die Vorsitzende des Kulturausschusses Alice Ströver.

Folgende drei Schwerpunkte der Diskussionen und Fragestellungen lassen sich m. E. zusammenfassen und bündeln, auch wenn dabei die wichtigsten Sachfragen, die es zu entscheiden galt, nur angedeutet werden können:

  1. Auf der Grundlage des vom Architektenbüro Rother& Rother bereits weit entwickelten Gestaltungsentwurfs mussten Empfehlungen hinsichtlich der unterschiedlichen Nutzung der Baracken, des denkmalpflegerischen Umgangs mit den teilweise stark infolge der Nachnutzungen im Innern und Äußeren veränderten Bauten sowie den Umgebungsflächen beraten werden. Grundsätzlich begrüßte der Beirat den Entwurf des Architektenbüros, konnte ihm allerdings nicht in der Ausgestaltung verschiedener ästhetischer Elemente folgen, etwa in der vorgeschlagenen Fassadengestaltung mittel Gabionen oder einer Besucherführung mittels aufgelegter Stege. Auch über eine vom Beirat fast einstimmig empfohlene Verlegung des Eingangs des Dokumentationszentrums von der Britzer in die Köllnische Straße wurde lange beraten. Vor allem die symmetrische Anlage des ehemaligen Zwangsarbeiterlagers, dessen südlicher, in historischen, mehr oder weniger original erhaltenen Gebäuden umgenutzter Teil erfahrbar bleiben und damit eine perspektivische Erweiterung des Dokumentationszentrums erleichtern sollte, sprach aus Sicht des Beirats für einen, ggf. zusätzlichen Eingang am ehemaligen Wirtschaftsgebäude.
  2. Die Bezeichnung des neue zu schaffenden Ortes als Dokumentationszentrum ließ weitgehend offen, inwieweit neben der Information von Besucherinnen und Besuchern auch forschen, sammeln, gedenken und lernen zu seinen Zielen gehören sollten, wie es im Begriff des zeithistorischen Museums mit besonderen humanitären und bildungspolitischen Aufgaben inkludiert ist, der sich in den neunziger Jahren als Standard von modernen Gedenkstätten herausgebildet hatte. Obwohl die bewilligte Personalausstattung aus Sicht des Beirates äußerst knapp war, wollte er letztlich auf diesen umfassenden Anspruch nicht verzichten.
  3. Sehr viel schwieriger als die Aufgabenbestimmung gestaltete sich die inhaltliche Fokussierung. Sollte der neu zu schaffende Lernort hauptsächlich einen regionalen Schwerpunkt bilden oder ein nationales, vielleicht sogar europäisches Zentrum schaffen. Gerade die ausländischen Beiratsmitglieder drängten auf eine internationale Perspektive. Ähnlich verliefen die Debatten über die Fragen der Repräsentativität und Diversität der darzustellenden Opfergruppen. Dabei erwies sich der in der Entschädigungsfrage durchgesetzte, jedoch historisch schillernde und pauschalisierende Begriff der „Zwangsarbeiter“ als wenig hilfreich. Angesichts einer relativ kleinen Ausstellungsfläche von 400 Quadratmetern war es, wie der Beirat festgestellte, ein schwieriges Unterfangen, möglichst alle Gruppen von Zwangsarbeitern, von zivilen Fremdarbeitern über italienische Militärinternierte, Ostarbeiter, sowjetische Kriegsgefangene, Juden bis hin zu Häftlingen der Konzentrationslager, darzustellen. Dabei könnten, so die ergänzenden Befürchtungen des Beirates, historische Kontexte, insbesondere auch die unverzichtbare Darstellung der Verstrickung der privaten Wirtschaft in die NS-Verbrechen, angesichts des Platzmangels nicht ausreichend thematisiert werden. Der Beirat empfahl daher, den Schwerpunkt in der Dauerausstellung auf die Behandlung der zivilen Zwangsarbeit zu legen und  andere Opfergruppen lediglich im Kontext mit der Geschichte des Ortes bzw. in wechselnden Sonderausstellungen zu behandeln.

 

Die letzte Sitzung des Beirates fand am 16. und 17. Januar 2006 statt, rechtzeitig vor dem Beginn der Bauarbeiten. Die sehr intensiven Diskussionsergebnisse und umfangreichen, teilweise detaillierten  Empfehlungen des internationalen Beirates wurden danach dem Stiftungsrat der „Stiftung  Topographie des Terrors“ übergeben. Dabei fanden sie zum großen Teil Eingang in das formell beschlossene Konzept für das Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit Berlin-Schöneweide.

 

 

„Das schönste Konzentrationslager Deutschlands“ (Lagerarchitekt Bernhard Kuiper) Eröffnung der Sonderausstellung in der KZ-Gedenkstätte Esterwegen

„DAS SCHÖNSTE KZ DEUTSCHLANDS“ (‚LAGERARCHITEKT‘ BERNHARD KUIPER)

VOM KZ ESTERWEGEN ZUM KZ SACHSENHAUSEN

Ausstellungseröffnung in der Gedenkstätte Esterwegen

Prof. Dr. Günter Morsch

 

 

 

Sehr geehrter Herr Landrat,

liebe Frau Dr. Kaltofen,

lieber Kollege Buck,

meine sehr geehrten Damen und Herren

Im Namen der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten sowie der Gedenkstätte und des Museums Sachsenhausen darf auch ich Sie alle ganz herzlich zu unserer heutigen Ausstellungseröffnung in der Gedenkstätte Esterwegen begrüßen. Die Sonderausstellung, die wir in enger Kooperation mit der Stiftung Gedenkstätte Esterwegen konzipiert und entwickelt haben, trägt den zugegebenermaßen etwas provozierenden Titel „‘Das schönste KZ Deutschlands‘. Vom KZ Esterwegen zum KZ Sachsenhausen“.  Diese von uns bewusst ausgewählte, auf den ersten Blick irritierende Beschreibung eines nationalsozialistischen Konzentrationslagers stammt aus der Feder von Bernhard Kuiper, der sich selbst als „Lagerarchitekt“ titulierte. Der aus Ostfriesland stammende, studierte und staatlich examinierte Ingenieur für Hoch- und Tiefbau beantragte Ende 1937 die Einrichtung eines selbständigen Architekturbüros in Papenburg. In seinem von ihm selbst verfassten ausführlichen Lebenslauf warb er für seinen Antrag damit, dass er in Sachsenhausen das, wie er wörtlich schrieb, „bis heute modernste, schönste und größte Lager dieser Art des Deutschen Reichs“ gebaut habe. Seine Karriere als KZ-Baumeister hatte Kuiper allerdings schon im August 1934 im emsländischen KZ Esterwegen begonnen. Von Theodor Eicke, dem Inspekteur der Konzentrationslager und Führer der Totenkopfwachverbände, war er beauftragt worden, das ursprünglich von der preußischen Polizei mitten im sumpfigen Moor gegründete frühe Konzentrationslager aus- und umzubauen sowie nach den Wünschen und Vorstellungen der SS zu verschönern. Als das KZ Esterwegen aufgelöst und an das Reichsjustizministerium für 750.000 RM verkauft wurde, transportierte die Konzentrationslager-SS die rund 900 KZ-Häftlinge im August und September 1936 in die Nähe der Reichshauptstadt Berlin.

Mitarbeiter der Gedenkstätte Sachsenhausen fanden nach der deutschen Einheit im Sonderarchiv Moskau eine einfache, linierte, 40 mal 25 Zentimeter große Kladde, wie sie auch als Schulheft zur damaligen Zeit nicht selten Verwendung fand. Auf dem Etikett der Umschlagsseite steht: Kommandantur des Konzentrationslagers Esterwegen. P I = SS = Führer. Angefangen:  April 1936. Beendet: 21. August 1939“. Es handelt sich um das Posteingangsbuch der Abteilung I (Kommandant) der Kommandantur des KZ Esterwegen. Der erste Eintrag des mit der Führung der Kladde beauftragten SS-Mannes datiert vom April 1936, dem Monat, in dem Karl Otto Koch seinen Vorgänger Hans Loritz als Kommandant des emsländischen Lagers ablöste. Erstaunen  vermag dagegen das Datum auszulösen, an dem das Posteingangsbuch laut Etikett beendet wurde. Denn 1939 war das Konzentrationslager Esterwegen bereits seit drei Jahren geschlossen und von der SS aufgegeben worden. Öffnet man aber das Posteingangsbuch, dann erschließt sich ein nicht unwichtiger Aspekt der Geschichte des KZ-Systems im „Dritten Reich“: Nach wenigen leeren, offenbar absichtlich frei gelassenen Seiten beginnt ein neuer, in der gleichen Handschrift und daher wohl vom selben SS-Mann verfasster Eintrag mit dem Datum vom September 1936 im KZ Sachsenhausen, das zum gleichen Zeitpunkt, über 400 Kilometer vom Hümmling entfernt, seit Juli 1936 bei der märkischen Kleinstadt Oranienburg, nur acht Kilometer vom Stadtrand der Reichshauptstadt Berlin entfernt,  von Häftlingen aus dem alles überdeckenden Kiefernwald herausgeschlagen wurde. Das umstandslos fortgeführte Posteingangsbuch der Kommandantur ist ein Belegstück für die damalige Auffassung der Konzentrationslager-SS, die die Gründung von Sachsenhausen als eine, relativ undramatische und keines großen Aufhebens werte, einfache „Verlegung“ des KZ Esterwegen in die märkische Heide begriff.

Anders als die betroffenen SS-Männer und  Behörden bewertet die Geschichtswissenschaft heute den Übergang vom KZ Esterwegen zum KZ Sachsenhausen, nämlich  als einen tiefen Einschnitt und Beginn einer neuen Phase der Entwicklung des Systems der Konzentrationslager in Deutschland. Manche Historiker meinen sogar, dass mit der Gründung und dem Aufbau von Sachsenhausen, dem „Konzentrationslager bei der Reichshauptstadt“, ein völlig neuer Lagertypus geschaffen wurde, der mit seinen Vorgängern, den sogenannten frühen Lagern, zu denen auch das KZ Esterwegen gezählt wird, nur wenig zu tun hatte. Die Ursachen dafür werden in den Zusammenhang mit der im Frühsommer 1934 erfolgten Gründung der “ Inspektion der Konzentrationslager beim Reichsführer SS“ gesehen. Theodor Eicke, der bis dahin das KZ Dachau als Kommandant geleitet hatte, wurde am 4. Juli 1934 zum „Inspekteur der Konzentrationslager und Führer der SS-Wachverbände (SS-Totenkopfverbände)“  von Himmler ernannt. Er  begann sogleich damit, viele Lager, wie z. B. das von der SA gegründete KZ Oranienburg, zu schließen. Andere, wie z. B. auch die Emslandlager Börgermoor und Neusustrum,  überließ die SS dem Reichsjustizministerium. Esterwegen dagegen wurde in das neue KZ-Imperium von Himmler und Eicke eingegliedert.

Noch aus dem KZ Lichtenburg, wo sich Eicke zwecks Übernahme  des dortigen Konzentrationslagers durch die SS im Juni 1934 aufhielt, schrieb er einen Brief an den für Personalfragen zuständigen Chef des SS-Amtes Curt Wittje:  „Am 1. Juli 1934 werde ich voraussichtlich meinen Auftrag in Lichtenburg beenden können und mich anschließend nach Papenburg begeben. Bis zu diesem Zeitpunkt muss das Lager einen verantwortlichen Kommandanten haben, da ich sonst an das Lager gebunden bin. Es wäre zweckmäßig, den Betreffenden vor diesem Zeitpunkt nach hier zu beordern, damit er von mir eingewiesen werden kann.“[1] Wenige Tage später ernannte Himmler den von Eicke protegierten, dem KZ-Inspekteur auch persönlich eng verbundenen und aus Dachau bestens bekannten Hans Loritz zum Kommandanten von Esterwegen. Trotzdem hielt  es Eicke für erforderlich, zeitgleich  persönlich ins Emsland anzureisen, um die alte SA-Truppe, die bisher das Lager geführt hatte , abzulösen und den Grundstock für den Aufbau eines eigenen SS-Wachverbandes mit dem Namen „Ostfriesland“ zu legen. Die Schulung und Abrichtung des Wachverbandes übertrugen Eicke und Loritz wenig später dem abgelösten Kommandanten des KZ Sachsenburg, Karl Otto Koch. Dieser vom Typus her seinen beiden Vorgesetzten sehr ähnliche SS-Führer wuchs nach und nach in die entscheidende Rolle bei der weiteren  Entwicklung des Konzentrationslagers im Hümmling hinein.

Weitere Veränderungen der Organisation des Konzentrationslagers Esterwegen folgten. Damit war der erste Schritt zur Umstrukturierung des KZ-Systems erfolgreich getan: Himmler war es gelungen, alle Konzentrationslager in seine Hand zu bekommen, indem er anderen konkurrierenden NS-Organisationen und Dienststellen die Zuständigkeit für diese Instrumente des Terrors entwand und die verbliebenen Lager entweder überwiegend schloss oder straff unter der Leitung des ihm persönlich verantwortlichen KZ-Inspekteurs zusammenfasste. Neben Dachau, Lichtenburg, Sachsenburg und Oranienburg-Columbia schien Esterwegen als dynamisch wachsendes und nach großen Plänen prachtvoll auszubauendes Konzentrationslager sich etabliert zu haben.

Die Einstellung des aus Ostfriesland stammenden Architekten Bernhard Kuiper im August 1934 ist ein weiterer Beleg dafür, dass die KZ-Inspektion mit Esterwegen  ambitionierte Ziele verfolgte und zum damaligen Zeitpunkt noch keinesfalls an eine Aufgabe des KZ oder an eine Übergabe des Lagers an andere Nutzer dachte. Der 27 Jahre alte Architekt hatte an der Höheren Lehranstalt für Hoch- und Tiefbau in Eckernförde studiert und danach kurzzeitig als Hilfsarchitekt auch im Ausland gearbeitet. Für die Stadt Papenburg sowie den Freiwilligen Arbeitsdienst baute er anschließend eine Stadtrandsiedlung mit 40 Einfamilienhäusern. Gleich nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten im Januar 1933 trat er zunächst der SA und wenig später auch der NSDAP bei. In dieser Zeit betätigte er sich nach eigenen Angaben auch als Berichterstatter in nationalsozialistischen Zeitungen. Es mag sein, dass Eicke und Loritz durch die publizistische Tätigkeit Kuipers auf den jungen Architekten aufmerksam wurden. Unmittelbar nach seiner Einstellung in den Kommandanturstab des KZ Esterwegen in der Funktion eines „Lagerarchitekten“, wie Kuiper sich selbst nannte, trat er auch in die SS ein. Nach dem Zweiten Weltkrieg verteidigte sich der bald schon in Leer in einem eigenen Büro selbständige Architek vor dem Entnazifizierungsausschuss damit, dass er zum Beitritt gezwungen worden sei, eine angesichts seines schnellen Eintritts in die SA und NSDAP ersichtlich dreiste Lüge, die ihm aber offenbar die ehrenamtlichen „Richter“ nur zu gerne glauben wollten.

Der ehrgeizige „Lagerarchitekt“ begann gleich nach seiner Anstellung damit, den Aus- und Umbau des Konzentrationslagers Esterwegen unter Ausnutzung der Zwangsarbeit der Häftlinge  voranzutreiben. Er orientierte sich dabei an dem ästhetischen Baustil seiner Heimat, an Reetgedeckten Hallenhäusern, an mit Ziegelsteinen und Holzfachwerk errichteten Giebelhäusern sowie an einer von Heidekraut, Wacholder und Findlingen geprägten Landschaftsgestaltung. Kleine Blumenfelder mit vereinzelten Wacholderbüschen und niedrigen Eiben, eingefasst von kniehohen Holzzäunen aus rohen Birken, Kletterrosen an mit Natursteinen gemauerten Treppenaufgängen, die zu den Holzbaracken der Kommandanturangehörigen führten, hier und da auf kleinen Feldherrnhügeln roh gezimmerte Bänke zum Verweilen und Schauen,  „verhübschten“ die Brutalität und den Terror des KZ-Alltags für die Täter. Fotos dieses ostfriesischen „KZ-Idylls“, auf das die SS enorm stolz gewesen sein muss, publizierte die an Kiosken frei verkäufliche SS-Zeitschrift „Das schwarze Korps“. Das größte und zugleich letzte Bauprojekt, das Kuiper im KZ Esterwegen verwirklichen konnte, war der Neubau eines Freibades für die Angehörigen der Kommandantur und der Wachmannschaften mit einem über zehn Meter hohem Sprungturm.

Während die SS das KZ Esterwegen noch aus- und umbauen ließ, besprachen Himmler und Hitler ihre Pläne zur Weiterentwicklung des KZ-Systems. Hatten deutschnationale Koalitionspartner der Hitler-Regierung und Teile der Nationalsozialisten darauf gehofft, dass nach der Ermordung der SA-Spitze und der damit einhergehenden Ausschaltung der „Revolutionsarmee“ der ungeregelte, willkürliche Terror sich zähmen und in das Prokrustesbett einer nach Regeln und Normen funktionierenden Diktatur einzwängen ließ, so sahen sie sich schnell getäuscht.  Hitler und Himmler verfolgten andere Pläne, nach denen das KZ-System nicht etwa abgeschafft, sondern im Gegenteil beträchtlich sowohl in seiner Größe als auch in seiner Funktion erweitert werden sollte.

Esterwegen dagegen wurde wahrscheinlich deshalb aufgegeben, weil die Wehrmacht Bedenken wegen seiner geographischen Lage dicht an der Grenze zu den Niederladen geäußert hatte. Tatsächlich lagen alle geplanten bzw. neuen Konzentrationslager an einer von Hamburg bis München liegenden Nord-Süd-Achse, die  geographisch fast mittig zwischen den Ost- und Westgrenzen des Deutschen Reiches hindurch verlief. Nur Esterwegen lag weitab von dieser Achse. Außerdem hoffte Himmler mit dem Verkauf des so „adrett“ durch Kuiper hergerichteten Lagers im Hümmling an den Reichsarbeitsdienst, das Geld für den gleichfalls von den Militärs als vordringlich angesehenen Aufbau eines großen KZ in der Nähe der „roten Reichshauptstadt“ aufbringen zu können. Demzufolge schrieb Himmler am 8. Februar 1937 an den preußischen Finanzminister folgenden Brief: „Wie der Inspekteur der Konzentrationslager und Führer der SS-Totenkopfverbände, SS-Gruppenführer Eicke, in meinem Auftrage bereits mündlich dort zum Vortrag gebracht hat, ist von mir in unmittelbaren Verhandlungen mit dem Reichsarbeitsführer, Staatssekretär Hierl, aus politischen Gründen die Räumung des der Geheimen Staatspolizei gehörenden, an der deutsch-holländischen Grenze innerhalb des militärischen Aufmarschgebiets gelegenen Konzentrationslagers Esterwegen und seine Überlassung an den Reichsarbeitsdienst angeordnet worden.“[2] Als Karl Otto Koch im April 1936 Hans Loritz als Kommandant des KZ Esterwegen ablöste, kam er wahrscheinlich bereits mit dem dezidierten Auftrag des KZ-Inspekteurs, die allmähliche Auflösung dieses Lagers und seinen Verkauf an den Reichsarbeitsdienst vorzubereiten. Warum der Reichsarbeitsführer Hierl dann doch den Kauf ablehnte und anstatt ihm der Reichsjustizminster Gürtner  Esterwegen übernahm, kann von mir hier aus Zeitgründen nicht mehr erläutert werden.

Die Anforderungen, die  Reichsführer SS Heinrich Himmler und KZ-Inspekteur Theodor Eicke an den nicht einmal dreißig Jahre alten SS-Untersturmführer Bernhard Kuiper stellten, waren außerordentlich anspruchsvoll. Er sollte nicht nur ein neues Lager, sondern, nur acht Kilometer von Berlin entfernt, erstmals einen ganzen KZ-Komplex erbauen, der wie eine kleine Stadt neben den Unterkünften und Bracken für die Konzentrationslager-SS sowie die Häftlinge, auch Eigenheimsiedlungen, Wirtschaftsbetriebe, Werkstätten und eine komplette Infrastruktur mit Wasserwerk, Trafohaus, Kanalisation und ausgebauten Straßen einschloss. Doch das war den Nationalsozialisten noch nicht genug. Sachsenhausen sollte darüber hinaus ein Modelllager, eine Art KZ-Zukunftsstadt, werden, nicht weniger als ein, wie Himmler formulierte, „vollkommen neues, jederzeit erweiterungsfähiges, modernes und neuzeitliches Konzentrationslager“. Im Aufbau und in der Architektur des neu gegründeten KZ bei der Reichshauptstadt sollte sich nach dem Willen der SS der, um mit dem deutschen Soziologen Max Weber zu sprechen, Idealtypus eines nationalsozialistischen Konzentrationslagers spiegeln. Ob damals schon Sachsenhausen als Sitz der zentralen Verwaltung des gesamten deutschen KZ-Terrors vorgesehen war, wissen wir nicht, aber es ist sehr wahrscheinlich. Der ostfriesische Architekt sollte diese anspruchsvolle Aufgabe bewältigen und er packte sie tatsächlich mit großem Ehrgeiz und spürbarem Eifer an. Nach den Opfern, die dieses Vorhaben unter den Häftlingen forderte, die seine auf dem Papier gezeichneten Pläne realisieren mussten, fragte er dabei nicht.

Die Moorlandschaft im Hümmling und der Kiefernwald am Lehnitzsee, das waren, bevor die Nationalsozialisten an die Macht kamen, idyllische Landschaften, zum Teil touristische Erholungsgebiete. Die deutsche Heide und der deutsche Wald, sie waren von den Schriftstellern und Künstlern der Romantik im beginnenden 19. Jahrhundert idealisiert und zu Sinnbildern deutscher Seele und deutscher Identität verklärt worden. Der, wie es heute noch heißt, „heilen Natur“ wurde die Kraft zugesprochen, die angeblich durch französische Zivilisation verdorbene, durch englische Industrialisierung zerstörte und, so formulierten es nicht nur radikale Antisemiten, durch „jüdischen Händlergeist“  vergiftete deutsche Seele wieder zu reinigen und zu sich selbst zurück zu führen.

Die Natur als reinigender Sehnsuchtsort fand spätestens Ende des 19. Jahrhunderts ihre Ergänzung in der Lagerbewegung, die der heilenden Reinheit der Natur die zu stiftende Gemeinschaft der Lagerinsassen hinzufügte. Die Jugendbewegung, die von den  so genannten „Wandervögeln“ bis hin zu den Jugendorganisationen der Sozialdemokraten und Gewerkschaften nahezu alle politischen und religiösen Gruppen umfasste, sah in den Lagern, mithilfe von Zelten oder schnell und provisorisch zusammengezimmerten Baracken in die freie Natur verpflanzt, gemeinschaftsstiftende, soziale Schichtunterschiede nivellierende Einrichtungen.  „Heile“, reinigende Natur und gemeinschaftsstiftendes Lagererlebnis verschmolzen miteinander. Gemeinschaftliche Arbeit der Lagerinsassen in freier Natur schließlich wurden allergrößte physische und psychische Erziehungseffekte zugeschrieben. Die positive Überhöhung der Lagerbewegung fand in der Weimarer Republik ihren stärksten Ausdruck in der allerorten und von fast allen politischen Richtungen unterstützten Einrichtung des Freiwilligen Arbeitsdienstes. Harte, gemeinschaftliche Arbeit , um Sümpfe trocken zu legen, Straßen zu schottern, Fahrradwege anzulegen, Seen zu entkrauten oder Kanäle zu ziehen, sollte das Millionenheer der Arbeitslosen vor sittlichem und körperlichem Verfall bewahren. Aus dem Freiwilligen Arbeitsdienst wurde schon vor 1933 die sogenannte Pflichtarbeit, der Arbeitslose sich kaum noch entziehen konnten. Auch die Pflichtarbeit war mehr als ein Beschäftigungsprogramm, auch sie verfolgte sozialhygienische Ziele. Von den Arbeitslagern der Pflichtarbeiter aber war es nur noch ein kleiner Schritt zur Verlagerung der bis dahin in leer stehenden Gefängnissen, Fabriken oder Burgen untergebrachten frühen Konzentrationslager in die weitläufigen Wälder und Moorlandschaften Deutschlands. Dort, entweder am Rande der Städte oder sogar weit weg von ihnen, verschmolzen die Ideologien von deutscher Seele in deutscher Natur, die  absurde Vorstellung von gemeinschaftsstiftenden Lagern  und der angeblichen erzieherischen Wirkung harter Arbeit mit den brutalen sozialhygienischen und eugenischen Gesellschaftsvorstellungen der Nationalsozialisten. Im Kern bestand dieses über den Kreis der Parteimitglieder weit hinausreichende, auch in wissenschaftlichen Forschungseinrichtungen und an Universitätslehrstühlen verbreitete Idealmodell einer neu zu schaffenden Gesellschaft in der Übertragung angeblicher Naturgesetze auf die Menschen. Die angestrebte deutsche Volks- und Leistungsgemeinschaft verglich man mit einem Garten, wo das Wachstum der nützlichen Pflanzen dadurch gefördert werde, indem man das Unkraut jätete und trennte aber die Schädlinge erbarmungslos ausrottete. Konzentrationslager waren in der Sichtweise der Nationalsozialisten solche Einrichtungen, bei denen die wenigen „Verhetzten“ und „Irregeleiteten“,  durch harte Arbeit umerzogen, die große Masse der Menschen auf Dauer isoliert und schließlich die in der Sprache des Unmenschen als Parasiten bezeichneten Häftlinge am Ende ermordet werden sollten. Das neue und „moderne“ Konzentrationslager Sachsenhausen entsprach diesen Vorstellungen der Nationalsozialisten und war auch in diesem Sinne ein Modell- und Ideallager.

Als einer der ersten SS-Führer des Konzentrationslagers Esterwegen verließ der Lagerarchitekt seinen bisherigen Arbeitsort. Bernhard Kuiper, der schon in Esterwegen mit den Entwurfsarbeiten für das neue KZ begonnen haben soll, wurde am 15. Juni 1936 in das Berliner Lager Columbia versetzt, wo er fieberhaft an den Plänen und Zeichnungen für Sachsenhausen arbeitete. Zum Dank für seinen besonderen Arbeitseinsatz beförderte ihn  Eicke zum SS-Untersturmführer. Kuipers Auftrag ging weit über seine bisherige Tätigkeit hinaus. In seinem Brief an den preußischen Finanzminister schreibt Himmler dazu: „Ich bitte, bei Prüfung meines vorstehenden Antrages auch die von allen Beteiligten in anstrengender, mühe- und aufopferungsvollster Tages- und Nachtarbeit unter besonders schwierigen Verhältnissen und Gefahrenmomenten in erstaunlich kurzer Zeit hier vollbrachte Leistung zu würdigen und darüber hinaus auch anzuerkennen, dass anstelle des s. Zt. In der ersten Revolutionszeit im Moorgebiet an der Nordwestgrenze des Reiches gebauten einfachen Lagers Esterwegen jetzt hier in der nächsten Nähe der Reichshauptstadt ein vollkommen neues, jederzeit erweiterungsfähiges, modernes und neuzeitliches Konzentrationslager mit verhältnismäßig geringen Mitteln neugeschaffen worden ist, das allen Anforderungen und Erfordernissen nach jeder Richtung hin gewachsen ist und sowohl in Friedenszeiten sowie für den Mob.-Fall die Sicherung des Reiches gegen Staatsfeinde und Staatsschädlinge in vollem Umfang jederzeit gewährleistet.“ [3]

Wir können nicht wissen, ob sich der Lagerarchitekt von Esterwegen durch diese Formulierung Himmlers, es habe sich bei dem ostfriesischen KZ um ein „einfaches Lager“ gehandelt, angesichts seiner umfangreichen Verschönerungs- und Ausbauanstrengungen düpiert fühlte. Aber auch ihm musste sehr schnell bewusst sein, dass der Bau von Sachsenhausen einen deutlichen Sprung in der Entwicklung des KZ-Systems bedeutete. Die kleine KZ-Stadt sollte bis zu 10.000 Häftlinge und 1.500 SS-Männer aufnehmen können, das Vielfache der Aufnahmekapazitäten bisheriger Konzentrationslager.

Der ostfriesische Architekt versuchte, mit vier Entwurfszeichnungen diesem Anspruch zu genügen. Alle waren auf ihre Weise darum bemüht,  dem von der SS gewünschten neuen „Idealtypus“, zu genügen. Am 5. September 1936, als nicht einmal der Kiefernwald vollständig gerodet war, der das ganze riesige Lagergelände bedeckte, wurde die, wie es offiziell hieß, „Verlegung des Konzentrationslagers Esterwegen nach Sachsenhausen bei Oranienburg bei Berlin“ abgeschlossen. Spätestens zu diesem Zeitpunkt befand sich Kuiper vor Ort und übernahm als Bauleiter die Gesamtverantwortung für das auf mehr als 2 Millionen Reichsmark geschätzte, über etwa 80 Hektar Gelände verteilte, riesige Neubauprojekt. Man kann daher verstehen, dass der SS-Mann, der das eingangs erwähnte Posteingangsbuch der Abteilung I führte, keinen Anlass sah, eine neue Kladde anzulegen. Sein letzter Eintrag in Esterwegen verzeichnet am 5. Juli 1936 den Eingang eines Briefes der KZ-Inspektion mit dem bezeichnenden Inhalt „Kommandierung genehmigt“. Am 30. September, drei Monate später, beginnen die Eintragungen erneut, jetzt aus dem KZ Sachsenhausen.

KZ-Baumeister Bernhard Kuiper versuchte, diesen nationalsozialistischen Idealtypus des zugleich „modernen“ und naturnahen  Konzentrationslagers in seine architektonischen Entwürfe sowie in der Gestaltung von Räumen und Gebäuden zu realisieren. Schon in Esterwegen bildete er mithilfe von Findlingen sogenannte Feldherrenhügel aus, umgab die Baracken der Konzentrationslager-SS mit Blumenbeeten und begrenzte die mit Kies und Schotter belegten Wege durch kniehohe, aus rohen, geschwungenen Ästen gefertigte Zäune.

In dem von ihm von Anfang an geplanten und entworfenen neuen Konzentrationslager bei der Reichshauptstadt konnte der ostfriesische KZ-Baumeister sein ganzes landschaftsgestalterisches und architektonisches Talent entfalten. Blumenbeete umgaben jetzt auch Häftlingsbaracken und säumten in sanft geschwungenen Wellen die immer säuberlich geharkte neutrale Zone, wo jeder Häftling, der sie absichtlich oder unabsichtlich betrat, sofort und ohne Anruf erschossen wurde. Die drei Ecktürme des Häftlingslagerdreiecks glichen mit ihren den Postenumlauf überkragenden Walmdächern eher englischen Gartenhäusern. Den Turm A schließlich, architektonisches Zentrum einer Geometrie des totalen Terrors, bildete der ostfriesische SS-Mann in einer, niedersächsischen Hallenhäusern vergleichbaren Fachwerkarchitektur aus, in die verschiedene Runenzeichen eingearbeitet waren. Im Kommandanturbereich, der dem Häftlingslager vorgelagert war, übertraf er sich dann selbst: die Baracken des Kommandanturstabes, die unter mächtigen Kiefern aufgereiht nebeneinander standen, waren umsäumt von Blumen. Geschwungene Kieswege, begrenzt von kniehohen Zäunen, leiteten die SS-Männer von einer Baracke zur anderen. Vor dem Büro des Kommandanten befand sich ein kleiner Teich mit Springbrunnen, von wo ein mit Blumenkübeln geschmücktes Holzgeländer zum Eingang führte. Unmittelbar daneben befand sich ein aus rohen Baumstämmen gezimmertes Blockhaus, das mit einem kleinen Zoo verbunden war, in dem mehrere Vögel, ein Affe und andere Tiere untergebracht waren.  In der Tat: es war ein schönes KZ, sieht man von den Häftlingen ab, die auf den Kieswegen geschlagen wurden, zwischen den Blumen verhungerten oder am Galgen neben den Blumenkübeln starben.

 

Sachsenhausen war nicht nur ein Modell- und Ideallager, sondern auch ein Vorführ- und Propagandalager. Von Beginn seiner Einrichtung an bis weit in den Krieg hinein bewunderten nicht wenige deutsche und ausländische Besucher deutsche Ordnung und Sauberkeit, die selbst im KZ zu herrschen schienen. Die Toten der Nacht, die morgens zum Appell mitgenommen werden mussten und die in der sich unendlich hinziehenden Zeit des Abzählrituals hinter den angetretenen Reihen der Häftlinge lagen, wollten die meisten Besucher nicht sehen. Natürlich ging es bei den Verschönerungsmaßnahmen Kuipers nicht nur um das Propagandabild nach Außen, sondern auch um die psychologische Wirkung auf die Männer, die täglich die Häftlinge misshandelten oder sogar ermordeten. Die spießige Kleingarten-ähnliche Idylle, die Kuiper für seine SS-Kameraden schuf, sie entsprach durchaus dem Selbstbild der Männer unter dem Totenkopf. So wie sie sich nicht selten vor ihren Baracken im Kommandanturbereich für das SS-Rasse- und Siedlungshauptamt fotografieren ließen, mit glänzenden schwarzen Stiefeln, in gepflegten schwarzen Ausgehuniformen und in Herrenmenschenpose hoch aufgerichtet, ebenso brauchten sie für Ihr Selbstbild die Blümchen unter dem Galgen, um sich von den angeblichen Untermenschen, die sie täglich drangsalierten und bewachten, zu unterscheiden und abzugrenzen.

Kuiper selbst, der Sachsenhausen 1937 mit einem sehr mäßigen Zeugnis von KZ-Inspekteur Eicke verließ, kam 1939 in Dienste der SS zurück und begann erneut damit, im gesamten besetzten Europa Lager zu bauen. 1944 schließlich leitete er ein aus KZ-Häftlingen bestehendes Eisenbahnkommando, das im Januar 1945 dem KZ Sachsenhausen unterstellt wurde. Auf diese Weise kehrte der inzwischen zum SS-Obersturmführer beförderte Architekt als Leiter eines Außenkommandos  wieder in den Dienst des Kommandanten von Sachsenhausen zurück. Sieht man von seiner Internierungshaft im ehemaligen KZ Neuengamme ab, so scheint jedoch seine Funktion im System der Konzentrationslager seine weitere Karriere als freier Architekt nicht behindert zu haben.

Am Schluss meiner Begrüßungs- und Einführungsrede ist es mir wie immer eine gerne zu erfüllende Pflicht, allen denjenigen zu danken, die an der Erarbeitung unserer Sonderausstellung beteiligt waren. An erster Stelle will ich den Kurator der Ausstellung Ralph Gabriel nennen, der leider heute nicht teilnehmen kann und sich entschuldigen lässt. Die Gestaltung der Ausstellung wurde konzipiert und realisiert vom Büro Beier & Wellach Projekte, mit dem es eine Freude war, zusammenarbeiten zu dürfen. Eine große Freude war es für uns auch, mit Mitarbeitern der Stiftung Gedenkstätte Esterwegen, insbesondere mit Frau Dr. Kaltofen, die Ausstellung von der Idee bis zur Realisierung gemeinsam zu planen und zu realisieren. Wir danken ganz herzlich für eine wunderbare Kooperation, zu deren Gelingen wesentlich auch die finanzielle Unterstützung des Landkreises beigetragen hat. Ich freue mich, dass ich diesen Dank Ihnen persönlich, sehr geehrter Herr Landrat, übermitteln kann.

[1] Theodor Eicke vom 21. Juni 1934, abgedruckt bei: J. Tuchel, die Inspektion, S. 28f.

[2] Der Reichsführer-SS und Chef der Deutschen Polizei v. 8. Februar 1937, abgedruckt in: G. Morsch, Sachsenhausen, S. 113.

[3] Ebenda, S. 119.

13. Berlin-Brandenburgisches Forum für zeitgeschichtliche Bildung 2016

  1. BERLIN-BRANDENBURGISCHES FORUM FÜR ZEITGESCHICHLICHE BILDUNG

 

Beim Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen

  1. September 2016

 

BEGRÜSSUNG

 

PROF. DR. GÜNTER MORSCH

VORSITZENDER DES ARBEITSKREISES I

 

Sehr geehrter Herr Jahn,

lieber Herr Krüger,

lieber Herr Gutzeit,

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

liebe Kolleginnen und Kollegen,

 

Im Namen des  Arbeitskreises I der Berlin-Brandenburgischen Gedenkstätten möchte auch ich Sie ganz herzlich zu unserem 13. Berlin-Brandenburgischen Forum für zeitgeschichtliche Bildung begrüßen. Mit der jährlichen Ausrichtung des Forums möchten die seit 1995 in einer Arbeitsgemeinschaft zusammen geschlossenen Gedenkstätten eine Plattform bieten, auf der sich zum einen die verschiedenen Einrichtungen mit ihren sehr unterschiedlichen pädagogischen Angeboten und Projekten vorstellen. Zum anderen sollen die potentiellen Interessenten der pädagogischen Angebote  ihre eigenen Bedürfnisse und selbständigen, gerade auch kritischen Beobachtungen der Aktivitäten der Gedenkstätten einbringen können. Ganz besonders herzlich begrüße ich daher alle Lehrerinnen und Lehrer, die die für unsere pädagogische Arbeit sicherlich wichtigste Zielgruppe, die Schülerinnen und Schüler, an die Gedenkstätten heranführen, sie auf den Besuch vorbereiten und dabei begleiten.  Das Forum dient  den Gedenk- und Dokumentationsstätten vor allem dazu, den Dialog mit den aus unserer Sicht wichtigsten Vermittlern zeithistorischer Bildung nicht abreißen zu lassen, sondern stetig die Chancen und Möglichkeiten pädagogischer Arbeit an den Gedenkstätten und anderen offenen Lernorten zu reflektieren.

Wie in jedem Jahr so haben wir auch das diesjährige Forum unter ein Motto oder präziser eine Fragestellung gestellt. Sie lautet: „Was hat das mit mir zu tun? Subjektorientierte Pädagogik in den Gedenkstätten?“ Wir knüpfen damit bewusst an das letzte Forum für zeitgeschichtliche Bildung in der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück an. Damals fragten wir danach, „wie wird Geschichte in der Zusammenarbeit von Schule und Gedenkstätte relevant?“ Beiden Schwerpunkten ist die Suche nach neuen Formen der Geschichtsvermittlung gemeinsam. Aus der Erkenntnis heraus, dass, wie wissenschaftliche Untersuchungen vermuten lassen,  der traditionelle Geschichtsunterricht, in dem historische Phasen in chronologischer Folge abgehandelt werden, beim ganz überwiegenden Teil der Schülerinnen und Schüler wenig nachhaltige Wirkung zeigt, suchen Didaktiker und pädagogische Zentren nach anderen Wegen der Vermittlung von Geschichte.

Zwei Schlagworte tauchen dabei in dieser Debatte immer wieder auf: „Vergegenwärtigung“ ist das eine „Subjektorientierung“ das andere. Beide zielen im Grunde auf das Gleiche ab, so scheint es mir. Es geht darum, dass der Geschichtsunterricht stärker an die gegenwärtige Lebenswelt von Jugendlichen anschließt. Doch was dies konkret für die zeithistorische Bildung  im Allgemeinen und die Gedenkstätten im Besonderen bedeutet, darüber gibt es unterschiedliche Ansichten. Der Essener Sozialpsychologe Harald Welzer z. B. proklamiert den Umbau der Gedenkstätten in erlebnisorientierte Gegenwartswerkstätten. Viele unter den anwesenden Kolleginnen und Kollegen ist dagegen auch der gerade bei vielen Lehrkräften verbreitete Wunsch bekannt, die von den Orten der Verfolgung und des Leidens der Opfer diktatorischer Systeme primär eine emotionale Wirkung auf ihre Schülerinnen und Schüler erwarten.

Auch in unserem diesjährigen zeitgeschichtlichen Forum wollen wir uns deshalb pädagogische Projekte daraufhin anschauen, wie es gelingen kann, das Interesse von Schülerinnen und Schülern an der Zeitgeschichte durch Bezug auf die lebensweltlichen Gegenwartsbezüge der Jugendlichen zu wecken und wachzuhalten. Dabei wird darauf zu achten sein, inwiefern Gegenwartsbezüge und Subjektorientierung in erster Linie didaktische Mittel sind, um das Interesse an Geschichte zu wecken und durch subjektorientierte Lernmethoden die Nachhaltigkeit zu verstärken oder ob sie die Vergangenheit durch die Gegenwart überformen und damit letztlich in die Falle politischer Instrumentalisierung laufen.

Ich bedanke mich beim Direktor sowie bei den Kolleginnen und Kollegen des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, insbesondere bei Herrn Dr. Janowitz, ganz herzlich für die Gastfreundschaft und für die immer mit erheblichem Arbeitsaufwand verbundenen organisatorischen Vorbereitungen. Allen Referentinnen und Referenten, Moderatorinnen und Moderatoren sowie den critical friends danke ich ebenso schon jetzt ganz herzlich für Ihre Mitwirkung. Mein ganz besonderer Dank aber gilt den Schülerinnen und Schülern sowie Lehrerinnen und Lehrern, die heute hier sind, um uns ihre pädagogischen Projekte vorzustellen und mit uns zu diskutieren. Uns allen wünsche ich spannende und interessante Diskussionen sowie nette und erhellende Gespräche am Rande.