Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion 1941-1945. Ausstellungseröffnung am 75. Jahrestag des Überfalls, 21. Juni 2016

ERÖFFNUNG DER Sonderausstellung „Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion 1941-1945“
Der Ständigen Konferenz der Leiter NS-Gedenkorte im Berliner Raum
21. Juni 2016

Begrüßung: Staatsministerin Frau Prof. Grütters,
Exzellenz, Herr Botschafter Grinin,
Damen und Herren,
Kolleginnen und Kollegen

STäKO: HdW, GuMS, Denkmal Juden, GdW, Topographie,

Verweis auf Ausstellung zum 75. Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkrieges mit Überfall auf Polen 2014 auf Pariser Platz, große Aufmerksamkeit

Der Krieg gegen die Sowjetunion, der vor 75 Jahren begann, war ein rassistisch, antislawisch und antisemitisch motivierter Weltanschauungs-, Vernichtungs- und Eroberungskrieg. Brutalität und Grausamkeit, mit der Vernichtungskrieg und Völkermord durchgeführt wurden, waren und sind beispiellos. Die Einzelheiten und Details entziehen sich fast jeder Vorstellung. Sie lassen selbst den Historiker, der mit den Quellen, den amtlichen Dokumenten ebenso wie mit den Berichten der Zeitzeugen, vertraut ist, immer wieder erschaudern. Die Wurzeln von Vernichtungskrieg und Völkermord lassen sich mindestens bis in die ersten Jahre der Weimarer Republik zurückverfolgen. Ihre große Breitenwirkung, die nicht nur fanatische Nationalsozialisten, sondern auch die Träger von Wehrmacht, Staat und Wirtschaft sowie zweifellos auch einen Großteil der deutschen Soldaten erfasste, lässt sich gerade aus dem Zusammenwirkung der in ihren Anfängen unterschiedlichen Ursachen erklären. Das furchtbare, spätestens nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 immer wieder durch die Propaganda eingeübte Amalgam von Antislawismus, Antisemitismus, Antibolschewismus und imperialen Eroberungs- und Herrschaftsplänen lieferte für jede Gruppe, jede Institution und jede Organisation des „Dritten Reiches“ die den jeweiligen entweder lange tradierten oder neu erzeugten Feindbildern gemäße Rechtfertigung zum geplanten Massenmord an Millionen von Menschen.
Für Hitler und die allermeisten seiner Anhänger, aber auch für einen Großteil der deutschnationalen Eliten in Staat, Wirtschaft und Wehrmacht galt schon lange das Dogma, dass Deutschland seinen Lebensraum im Osten suchen müsse. 1933, nur vier Tage nach dem Beginn seiner Kanzlerschaft, kündigt Hitler daher vor den höchsten Offizieren der Reichswehr die rücksichtslose Germanisierung des neu zu gewinnenden Lebensraumes im Osten an. Zuvor allerdings müsse er den „Marxismus“ in Deutschland ausrotten, was den Schluss nahe legt, dass die Ausrottung des Bolschewismus darauf unmittelbar folgen soll. Zur gleichen Zeit debattiert man in führenden Wirtschaftskreisen über die angeblich unendlich großen Chancen und Möglichkeiten eines deutschen Großwirtschaftsraumes, der sich vom Baltikum über die Ukraine bis in den Kaukasus erstrecken soll. Polen ist zunächst die Rolle eines Glacis zugedacht, von dessen Boden aus der entscheidende Kampf beginnen soll. Mit dem deutsch-polnischen Nichtangriffsvertrag 1934 verknüpft die NS-Diktatur die Hoffnung auf eine mit mehr oder wenig Druck erreichte einvernehmliche Lösung, um den Durch- und Aufmarsch der hochgerüsteten deutschen Armeen zu ermöglichen. Im Antikominternpakt will man alle anti-bolschewistischen Kräfte sammeln, um die Sowjetunion einzukreisen. Ein „Kreuzzug Europas gegen den Bolschewismus“ wird proklamiert. Bekanntlich scheitern diese Pläne, obwohl Frankreich und Großbritannien Hitler im Münchener Abkommen weit entgegen kommen. Deutschland vollzieht mit dem Ribbentrop-Molotow-Pakt eine taktische Kehrtwende, die alle Gegner Hitlers, sowohl im deutschen Widerstand als auch im Ausland, in tiefe Ratlosigkeit und Resignation stürzt.
Die Spitzen des NS-Regimes sind sich jedoch darin einig, dass die Realisierung ihrer Vorstellungen vom Lebensraum im Osten nur aufgeschoben und nicht aufgehoben ist. Schon im November 1939 deutet Hitler an, dass er eine große Operation gegen Rußland plane. Indes üben vor allem SS und Polizei im besetzten Polen bereits die Methoden des Vernichtungskrieges ein, vor allem polnische Intellektuelle, Militärs und Lehrer aber auch psychisch Kranke und Juden sind die Hauptopfer.

Die konkreten Vorbereitungen der Wehrmacht für den großen Ostkrieg setzen bereits im Frühsommer 1940 ein. Mit dem Kriegsgerichtsbarkeitserlass vom 13. Mai 1941, verfasst vom Chef des OKW Wilhelm Keitel, wird der Truppe weitgehend freie Hand bei Gewalttaten gegen Zivilisten gelassen, ein Freibrief für den Vernichtungskrieg.
Nach dem Kommissarbefehl vom 6. Juni 1941, unterzeichnet von Alfred Jodl, gleichfalls OKW, sollen alle politischen Kommissare sofort hinter der Front ermordet werden. In den Bestimmungen des Befehls kommt die Vermischung von antijüdischen und antibolschwistischen Feindbildern, wie sie auch von der Wehrmacht geteilt werden, klar und deutlich zum Ausdruck. Etwa zur gleichen Zeit arbeiten Wissenschaftler der Friedrich-Wilhelm-Universität in Berlin mit Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft an gigantischen Plänen zur Besiedlung der durch Hunger, Massenmord und Vertreibungen leer gesäuberten neuen Siedlungsgebiete für deutsche Bauern und Kriegsgewinnler, von ca. 30 Millionen Opfern auf Seiten der sowjetischen Bevölkerung gehen die Wissenschaftler dabei aus. SS und Polizei bereiten sich darauf vor, im Rücken der Front eine schon in Polen eingeübte und noch zu steigernde Terrorherrschaft aufzubauen.

Die allumfassende Gewalt beginnt schon in den ersten Tagen nach dem Angriff. In Litauen verüben die Deutschen mit Unterstützung der örtlichen Bevölkerung die ersten Massaker an Juden. Schon im Sommer 1941 gehen diese vereinzelten Massaker in die Praxis der systematischen Judenvernichtung, den Holocaust, über. Zusammen mit den Juden werden, ohne dass es eines besonderen Befehls bedurft hätte, Roma sowie Kranke in psychiatrischen Anstalten und Pflegeheimen ermordet. Der Krieg gegen die SU beseitigt jegliche möglicherweise noch existierende Skrupel. Die unvergleichlichen Völkermordverbrechen beginnen zwar in der Sowjetunion, sie dehnen sich aber bald von dort auf das ganze besetzte Europa aus.
In den Kriegsgefangenlagern setzt die geplante Vernachlässigung der sowjetischen Soldaten ein mit der Folge, dass bis zum Ende des gleichen Jahres bereits etwa 1,4 Millionen Rotarmisten, das sind fast 60 Prozent aller sowjetischen Kriegsgefangenen, unter erbärmlichsten Bedingungen an Hunger und Seuchen sterben. Die dem Kommissarbefehl folgenden, vielfach willkürlichen Selektionen, die immer häufiger auch einfache Soldaten erfassen, führen auch schon im Juli zu ersten Massenmordaktionen. Am 1. September 1941, also nur 10 Wochen nach Kriegsbeginn, werden auch die reichsdeutschen Konzentrationslager zu Tatorten der Massenmorde an den sowjetischen Kriegsgefangenen. In der zentralen Verwaltung des KZ Terrors, im sogenannten T-Gebäude von Oranienburg, wird von den KZ-Kommandanten über die Tötungsmethoden an Zehntausenden Rotarmisten diskutiert. 13.000 von ihnen werden mit Hilfe einer Genickschußanlage, nur 30 Kilometer entfernt von hier im KZ Sachsenhausen innerhalb von zehn Wochen ermordet. Zur gleichen Zeit füllen sich die Massengräber, die neben den zahlreichen Stalags der Wehrmacht in der Nachbarschaft deutscher Städte und Dörfer ausgehoben werden.
Als sich im besetzten Hinterland nicht zuletzt aufgrund der großen Brutalität des Vernichtungskrieges der erste Widerstand regt, steigern sich auch die Anti-Partisanen-Aktionen zu einem massenhaften Gemetzel. Wir wissen bis heute nicht, wie viele Dörfer zusammen mit ihren Bewohnern, mit Kindern, Frauen und Männern, völlig zerstört, niedergebrannt und von der Landkarte getilgt werden. Sind es Hunderte, sind es Tausende? Vor allem in Weißrußland tobt der als Anti-Partisanenkampf verharmloste und bis in unsere Tage hinein als unvermeidliche Repressalie gerechtfertigte Vernichtungskrieg,
Gemäß den schon 1941 formulierten ausgearbeiteten Plänen, wie sie der Generalplan Ost oder der Kahlfraß- und Hungerplan von Staatssekretär Herbert Backe vorsehen, rauben die deutschen und die mit ihnen verbündeten Truppen der Bevölkerung in der SU nicht nur jegliche Lebensgrundlagen, sondern zerstören sie auch langfristig. Viele Privatbilder der Soldaten, die sie in die Heimat zurückschicken, zeigen die Männer unter den Stahlhelmen, wie sie lachend Schweine und Kühe aus den Ställen heraustreiben, wohl wissend, dass sie die Bauern und ihre Familien damit dem Hungertod überantworten. Das völlige Aushungern ganzer Städte, wie Leningrad, gehöre zum Monate zuvor kühl kalkulierten Schlacht- und Kriegsplan der Wehrmacht, wie Panzerangriffe und Luftterror. Besonders schwer betroffen von der Hungerpolitik sind u. a. die Städte in der Nordostukraine.

Nach dem Scheitern des Blitzkrieges vor Moskau im Winter 1941 erkennen die Spitzen von Staat, Wehrmacht, Partei und Wirtschaft, dass sie den Krieg nur weiter führend können, wenn sie Millionen von Zwangsarbeitern nach Deutschland verschleppen. Für viele Männer, Frauen und sogar Kinder, die die die systematischen Menschenjagden, veranstaltet u. a. von Beamten deutscher Arbeitsämter, überleben, bedeutet der Arbeitseinsatz jedoch keinesfalls, dass sich ihre Situation entscheidend verbessert. Die als Ostarbeiter stigmatisierten Menschen leben unter den Deutschen vielmehr wie Parias, erhalten kaum Nahrung und sterben auch weiterhin in großer Zahl an Misshandlungen, Hunger und Krankheiten und werden bei der geringsten Widersetzlichkeit an Ort und Stelle oder in Konzentrationslagern hingerichtet. Besonders schlimm ist z. B. die Situation der sowjetischen Kriegsgefangenen in den Kohlengruben des Ruhrgebietes, in denen Krupp und andere Unternehmer die Arbeitskräfte der Zwangsarbeiter bis zum Tod durch völlige Erschöpfung skrupellos auspressen. Das Leben eines „Russen“, wie man die vor sich hin taumelnden Skelette abfällig nennt, ist keines Aufhebens wert. So beteiligt sich nicht nur die Front, sondern auch die Heimat am Vernichtungskrieg.
Mit dem Vormarsch der Roten Armee und der sich abzeichnenden Niederlage des „Dritten Reiches“, das jetzt an allen Fronten harte militärische Abwehrkämpfe führt, sind nicht etwa die Massenmorde an den Zivilisten rückläufig, sondern sie steigern sich erneut. Die Politik der verbrannten Erde hinterlässt kein lebendiges Wesen mehr. Die Menschen werden vor den sich zurückziehenden Truppen her getrieben und, wenn sie den Rückzug behindern, ohne große Umstände getötet. Das unermessliche Ausmaß der Rückzugsverbrechen liegt weitgehend immer noch im Dunkeln. Die Sicherheitspolizei richtet eigene Sonderkommandos ein, um die über alle vorhandenen Massengräber auszuheben und die Leichen zu verbrennen.
Auch in Deutschland steigert sich die Politik der allgemeinen Lebensvernichtung immer mehr, je näher die Fronten rücken. Selbst wenn der Geschützdonner der alliierten Armeen schon zu hören ist, werden die Opfer zusammen getrieben und auf die unterschiedlichste Art und Weise grausam ermordet, so z. B. in Zuchthäusern und in den verschiedensten Lagern. Dabei fällt auf, dass neben den Juden vor allem die sogenannten Ostarbeiter als erste selektiert und getötet werden.

Es hat in Deutschland sehr lange gedauert, bis die schrecklichen Dimensionen des Vernichtungskrieges in der SU zumindest in groben Zügen anerkannt wurden. Eine Strafverfolgung fand wenn überhaupt dann ab dem Ende der fünfziger Jahre nur gegen SS- und Polizeieinheiten statt. Schon im Nürnberger Prozess hatte die Wehrmachtsführung alle Schuld auf Hitler, Himmler und seine SS-Einheiten geschoben. Trotz zahlloser Wehrmachtsverbrechen kam es vor deutschen Gerichten nur in ganz wenigen Ausnahmefällen zur Anklageerhebung gegen Offiziere und Soldaten. Die Lüge von der „sauberen Wehrmacht“ ermöglichte es vielmehr, dass jemand wie Adolf Heusinger, der für die Koordination des Anti-Partisanen-Kampfes zuständig gewesen war, zum ersten Generalinspekteur der Bundeswehr ernannt wurde. Zahlreiche Kasernen trugen noch in den achtziger und neunziger Jahren die Namen von ranghohen Wehrmachtsoffizieren, wie z. B. die in Füssen nach Generaloberst Eduard Dietl benannte Unterkunft der Bundeswehrsoldaten. Der von Hitler sehr geschätzte Wehrmachtsoffizier hatte sich aktiv an den Massenmorden im Rahmen des Kommissarbefehls beteiligt. Erst 1995 wurde die Kaserne gegen den heftigen Widerstand der Traditionsverbände umbenannt. Über viele Jahrzehnte wurden die geplanten und mit großer Grausamkeit begangenen Massenmorde und Verbrechen des Vernichtungskrieges gegen die SU entweder verharmlost oder relativiert, indem man auf die Übergriffe und Verbrechen von Soldaten der Roten Armee bei der Besetzung Deutschlands hinweist.
Zwar hat sich seit der Wehrmachtsausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung Mitte der neunziger Jahre die Beurteilung des Vernichtungskrieges gegen die SU und insbesondere die Einschätzung der Rolle der Wehrmacht geändert, aber nach wie vor liegen die im Rahmen des Barbarossa-Feldzuges begangenen, heute hier nur in Ansätzen zu beschreibenden Verbrechen im Erinnerungsschatten, wie Bundespräsident Joachim Gauck im vorigen Jahr zurecht gesagt hat. Immer noch begegnet man nicht selten einer irritierenden Reserviertheit bei nicht wenigen Deutschen, wenn nicht sogar einer von starken Vorurteilen gegenüber Rußland geprägten Ablehnung, obwohl sich diese nur noch bei ganz wenigen Menschen mit eigenen möglicherweise schlimmem Erfahrungen begründen läßt. Daher ist es an der Zeit, nein es ist lange überfällig, dass endlich hier im Zentrum Berlins ein Gedenkort und ein Erinnerungszeichnen für die Millionen Opfer der geplanten Lebensvernichtung im Osten errichtet werden.
Hinweis auf Beschluss des Arbeitskreises I der Berlin-Brandenburgischen Gedenkstätten auch deshalb den Schwerpunkt der Veranstaltungen in diesem Jahr auf die Erinnerung an die Millionen Opfer des Vernichtungskrieges gegen die SU zu legen. Bis Dezember werden mindestens 15 Veranstaltungen in den Berlin.-Brandenburgischen Gedenkstätten dazu stattfinden, Lesungen, Zeitzeugengespräche, Ausstellungen, Filmvorführungen und Gedenkveranstaltungen. Damit wollen die NS-Gedenkstätten die besondere Bedeutung dieses 75. Jahrestages würdigen.

Dank an:
– Kulturstaatsministerin für Finanzierung der Ausstellung
– An das Bezirksamt Mitte für die Erlaubnis die Ausstellung am Potsdamer Platz zu zeigen,
– An Frau Dagmar von Wilcken für die Gestaltung
– An Frau Breithoff, der Koordinatorin der Ausstellung

72. Jahrestag der Verlegung des sowjetischen Speziallager Nr. 7 nach Sachsenhausen

  1. Jahrestag der Errichtung des sowjetischen Speziallagers Nr. 7 in Sachsenhausen

 

Begrüßung

 

Prof. Dr. Günter Morsch

 

 

Sehr geehrte Überlebende der sowjetischen Lager,

sehr geehrte Frau Staatssekretärin Dr. Gutheil,

Sehr geehrter Herr Krüger,

sehr geehrter Herr Ruczinski

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

 

 

 

Im Namen der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten sowie der Gedenkstätte und des Museums Sachsenhausen begrüße ich Sie ganz herzlich zu unserer heutigen Gedenkveranstaltung aus Anlass des 72. Jahrestages der Errichtung des sowjetischen Speziallagers Nr. 7 in Sachsenhausen. Wir freuen uns sehr, dass Sie erschienen sind, um gemeinsam mit uns an die Qualen und Leiden von etwa 60.000 Häftlingen zu erinnern, die zwischen 1945 und 1950 in den Baracken des Lagers von der sowjetischen Geheimpolizei eingesperrt worden waren. Ganz besonders herzlich begrüße ich unter ihnen die  Überlebenden der sowjetischen Speziallager und Gefängnisse, die trotz mancher Beschwernisse und gesundheitlicher Probleme teilweise von weither zum wiederholten Mal in die Gedenkstätte gekommen sind, um vor allem ihrer 12.000 verstorbenen Kameradinnen und Kameraden zu gedenken. Ich begrüße außerdem die Abgeordneten des Brandenburger Landtages, den Bürgermeister von Oranienburg Herrn Laesicke, die Landesbeauftragte für die Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur Frau Poppe,  die Geschäftsführerin der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur  Frau Dr. Kaminsky sowie die Vertreter und Mitglieder der verschiedenen Opferverbände der kommunistisch Verfolgten.

 

Am 16. August 1945, also vor etwa 72 Jahren, wies der Kommandant des sowjetischen Speziallagers Nr. 7 in Weesow bei Werneuchen die verbliebenen etwa 5.000 Häftlinge an, zu Fuß über schmale Brandenburger Landstraßen und durch kleine Dörfer nach Oranienburg zu marschieren. Die seit Mai 1945 in fünf ehemaligen Bauernhöfen zusammen gepferchten Menschen waren schon nach wenigen Wochen ihrer Haft aufgrund der katastrophalen Lebensbedingungen völlig erschöpft und ausgezehrt. Nicht wenige von ihnen waren in den knapp vier Monaten seit seiner Einrichtung im Mai 1945 gestorben. So schleppten sich die Tausenden in lang gezogenen Marschkolonnen seit dem frühen Morgen des 16. August nur mühsam über die Pflasterstraßen in Richtung Oranienburg, das sie am Abend endlich erreichten. Die meisten Häftlinge, die unter den äußerst primitiven und menschenunwürdigen Bedingungen in den halb zerfallenen ehemaligen Bauernhäusern von Weesow gelitten hatten, empfanden die alten KZ- Holzbaracken, in die man sie nach ihrer Ankunft pferchte, zunächst eher als eine Verbesserung ihrer Lage. „Wir hatten nach wenigen Stunden der Anwesenheit in Sachsenhaus das Gefühl“, so schreibt die als BDM-Führerin inhaftierte Margarete Graßmann in ihren Erinnerungen1953, „der Hölle entkommen zu sein.“  Inwieweit ihr allerdings  bewusst war, dass in diesem Lager nur wenige Wochen, Monate und Jahre zuvor mehrere zehntausende KZ-Häftlinge durch die SS im Erschießungsgraben, an der Erschießungslatte, in der Gaskammer oder in den Baracken ermordet und zu Tode gefoltert worden waren, das erfahren wir leider nicht.

 

Doch dem ersten oberflächlichen Eindruck der Verschleppten folgte schnell die große Enttäuschung. Dem sowjetischen Geheimdienst war nämlich weniger an einer Änderung der katastrophalen Lebensbedingungen für die Häftlinge gelegen, sondern hauptsächlich an einer besseren Überwachung ihrer Gefangenen Denn aus dem hastig improvisierten Lager in Weesow waren nicht wenige geflüchtet. Die von den Nazis errichteten und fast bis zur Perfektion ausgebauten Sicherheitsanlagen der Konzentrationslager dagegen hatten auch in den Besatzungszonen der Westalliierten dazu geführt, dass fast alle ehemaligen KZ-‚s als Lager für Internierte und Verurteilte im Zuge der gemeinsam verabredeten Entnazifizierungsmaßnahmen weiter genutzt wurden. Dabei mag bei den Siegern des Zweiten Weltkrieges durchaus auch das von Gefühlen der moralischen Empörung  über die unvergleichlichen Verbrechen des „Dritten Reiches“ bestimmte Kalkül eine Rolle gespielt haben, Deutsche an den Orten des Terrors einzusperren, die sie selbst für ihre Feinde errichtet hatten.  Für die sowjetische Geheimpolizei aber waren solche Lager ohnehin nichts Besonderes und Außergewöhnliches , über deren Berechtigung es sich in ihren Augen nachzudenken lohnte. Viele der in blaue Uniformen gekleideten Soldaten und Offiziere des berüchtigten sowjetischen Geheimdienstes, so auch der Kommandant des sowjetischen Speziallagers Nr. 7, Alexei Kostjuchin, brachten ihre Erfahrungen aus den stalinistischen Lagern des GuLag, in denen Millionen von Menschen ihr Leben verloren hatten, mit in die sowjetisch besetzte Zone. Kalte Gleichgültigkeit gegenüber menschlichen Schicksalen war ein immanenter Bestandteil dieses Terrorsystems genauso wie blinder Gehorsam gegenüber den Befehlen Stalins und seiner Schergen.

 

Als sich in ganz Europa die kriegsbedingte Versorgungs- und Lebensmittelkrise immer mehr zuspitzte und der Hungerwinter 1946/47 viele Tausende von Toten auch unter der normalen Zivilbevölkerung in Deutschland forderte, während zugleich in dem durch die Nationalsozialisten mit ihrer Politik der verbrannten Erde verwüsteten Mittel- und Osteuropa  Millionen verstarben, breitete sich in den sowjetischen Lagern in der SBZ ein schockierendes Massensterben aus. Die stalinistische Bürokratie brauchte ein Vierteljahr, um auf  das schnelle Aussterben der Lager zu reagieren. Doch durch die in ganz kleinen Schritten verfügte Erhöhung der Rationen gelang es nur langsam, die Katastrophe

einzudämmen. Seuchen und Krankheiten, wie Tuberkulose und Ruhr,  grassierten weiter.  Es ist geradezu charakteristisch für die allgemeine Menschenfeindlichkeit der stalinistischen Herrscher, dass sie anders als die westlichen Alliierten ihre Gefangenen angesichts der Unmöglichkeit, sie in Lagern zu ernähren, nicht entließen, sondern ihre Unwilligkeit zynisch hinter neuen bürokratischen Regelungen versteckten. An der Situation der Häftlinge änderte sich daher zunächst nichts Grundlegendes, bis im Frühsommer 1948 die ersten Gefangenen entlassen wurden.  12.000 Häftlinge, vor allem ältere Männer aber auch Frauen sowie Jugendliche und sogar Kinder, das sind zwanzig Prozent aller Gefangenen des sowjetischen Speziallagers in Sachsenhausen, überlebten diese von Stalin und Geheimdienstchef  Berija persönlich und bewusst getroffene verbrecherischen Entscheidungen  nicht. Aber auch diejenigen, die das Massensterben überlebten, litten und leiden bis heute noch unter den Folgeerscheinungen der Haft. Die kommunistischen Machthaber in der Sowjetunion und in der DDR verweigerten darüber hinaus jahrzehntelang den Angehörigen genauere Informationen über das Schicksal ihrer Ehegatten, Väter, Mütter oder Kinder. Erst nach der deutschen Einheit konnten das Deutsche Rote Kreuz und die Gedenkstätte Sachsenhausen ihre Fragen nach Todesdaten und Sterbeursachen beantworten. Selbst heute noch erreichen die Gedenkstätte viele solcher Auskunftsersuchen.

 

Nach dem Fall der Mauer und dem Zusammenbruch der kommunistischen Diktaturen konnten Überlebende und Angehörige endlich auch an die großen Gruben treten, wo die Toten nackt und zumeist ohne jegliches individuelle Kennzeichen hineingeworfen worden waren. Seitdem stehen wir jedes Jahr vor den drei Massengräbern, hier am ehemaligen Kommandantenhof, an der Düne sowie im Schmachtenhagener Forst. Dass wir dies seit vielen Jahren gemeinsam mit der Arbeitsgemeinschaft sowjetisches Speziallager Sachsenhausen 1945-1950 tun, dafür bin ich allen Vereinsmitgliedern, insbesondere ihrem Vorsitzenden, Herrn Joachim Krüger, außerordentlich dankbar. Ich wünsche mir sehr, dass diese bewährte Gemeinsamkeiten im Trauern und im Gedenken auch in den nächsten Jahren weiter bestehen bleiben und wachsen.

Sachsenhausen – ein neuer Lagertypus?

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