72. Jahrestag der Verlegung des sowjetischen Speziallager Nr. 7 nach Sachsenhausen

  1. Jahrestag der Errichtung des sowjetischen Speziallagers Nr. 7 in Sachsenhausen

 

Begrüßung

 

Prof. Dr. Günter Morsch

 

 

Sehr geehrte Überlebende der sowjetischen Lager,

sehr geehrte Frau Staatssekretärin Dr. Gutheil,

Sehr geehrter Herr Krüger,

sehr geehrter Herr Ruczinski

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

 

 

 

Im Namen der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten sowie der Gedenkstätte und des Museums Sachsenhausen begrüße ich Sie ganz herzlich zu unserer heutigen Gedenkveranstaltung aus Anlass des 72. Jahrestages der Errichtung des sowjetischen Speziallagers Nr. 7 in Sachsenhausen. Wir freuen uns sehr, dass Sie erschienen sind, um gemeinsam mit uns an die Qualen und Leiden von etwa 60.000 Häftlingen zu erinnern, die zwischen 1945 und 1950 in den Baracken des Lagers von der sowjetischen Geheimpolizei eingesperrt worden waren. Ganz besonders herzlich begrüße ich unter ihnen die  Überlebenden der sowjetischen Speziallager und Gefängnisse, die trotz mancher Beschwernisse und gesundheitlicher Probleme teilweise von weither zum wiederholten Mal in die Gedenkstätte gekommen sind, um vor allem ihrer 12.000 verstorbenen Kameradinnen und Kameraden zu gedenken. Ich begrüße außerdem die Abgeordneten des Brandenburger Landtages, den Bürgermeister von Oranienburg Herrn Laesicke, die Landesbeauftragte für die Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur Frau Poppe,  die Geschäftsführerin der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur  Frau Dr. Kaminsky sowie die Vertreter und Mitglieder der verschiedenen Opferverbände der kommunistisch Verfolgten.

 

Am 16. August 1945, also vor etwa 72 Jahren, wies der Kommandant des sowjetischen Speziallagers Nr. 7 in Weesow bei Werneuchen die verbliebenen etwa 5.000 Häftlinge an, zu Fuß über schmale Brandenburger Landstraßen und durch kleine Dörfer nach Oranienburg zu marschieren. Die seit Mai 1945 in fünf ehemaligen Bauernhöfen zusammen gepferchten Menschen waren schon nach wenigen Wochen ihrer Haft aufgrund der katastrophalen Lebensbedingungen völlig erschöpft und ausgezehrt. Nicht wenige von ihnen waren in den knapp vier Monaten seit seiner Einrichtung im Mai 1945 gestorben. So schleppten sich die Tausenden in lang gezogenen Marschkolonnen seit dem frühen Morgen des 16. August nur mühsam über die Pflasterstraßen in Richtung Oranienburg, das sie am Abend endlich erreichten. Die meisten Häftlinge, die unter den äußerst primitiven und menschenunwürdigen Bedingungen in den halb zerfallenen ehemaligen Bauernhäusern von Weesow gelitten hatten, empfanden die alten KZ- Holzbaracken, in die man sie nach ihrer Ankunft pferchte, zunächst eher als eine Verbesserung ihrer Lage. „Wir hatten nach wenigen Stunden der Anwesenheit in Sachsenhaus das Gefühl“, so schreibt die als BDM-Führerin inhaftierte Margarete Graßmann in ihren Erinnerungen1953, „der Hölle entkommen zu sein.“  Inwieweit ihr allerdings  bewusst war, dass in diesem Lager nur wenige Wochen, Monate und Jahre zuvor mehrere zehntausende KZ-Häftlinge durch die SS im Erschießungsgraben, an der Erschießungslatte, in der Gaskammer oder in den Baracken ermordet und zu Tode gefoltert worden waren, das erfahren wir leider nicht.

 

Doch dem ersten oberflächlichen Eindruck der Verschleppten folgte schnell die große Enttäuschung. Dem sowjetischen Geheimdienst war nämlich weniger an einer Änderung der katastrophalen Lebensbedingungen für die Häftlinge gelegen, sondern hauptsächlich an einer besseren Überwachung ihrer Gefangenen Denn aus dem hastig improvisierten Lager in Weesow waren nicht wenige geflüchtet. Die von den Nazis errichteten und fast bis zur Perfektion ausgebauten Sicherheitsanlagen der Konzentrationslager dagegen hatten auch in den Besatzungszonen der Westalliierten dazu geführt, dass fast alle ehemaligen KZ-‚s als Lager für Internierte und Verurteilte im Zuge der gemeinsam verabredeten Entnazifizierungsmaßnahmen weiter genutzt wurden. Dabei mag bei den Siegern des Zweiten Weltkrieges durchaus auch das von Gefühlen der moralischen Empörung  über die unvergleichlichen Verbrechen des „Dritten Reiches“ bestimmte Kalkül eine Rolle gespielt haben, Deutsche an den Orten des Terrors einzusperren, die sie selbst für ihre Feinde errichtet hatten.  Für die sowjetische Geheimpolizei aber waren solche Lager ohnehin nichts Besonderes und Außergewöhnliches , über deren Berechtigung es sich in ihren Augen nachzudenken lohnte. Viele der in blaue Uniformen gekleideten Soldaten und Offiziere des berüchtigten sowjetischen Geheimdienstes, so auch der Kommandant des sowjetischen Speziallagers Nr. 7, Alexei Kostjuchin, brachten ihre Erfahrungen aus den stalinistischen Lagern des GuLag, in denen Millionen von Menschen ihr Leben verloren hatten, mit in die sowjetisch besetzte Zone. Kalte Gleichgültigkeit gegenüber menschlichen Schicksalen war ein immanenter Bestandteil dieses Terrorsystems genauso wie blinder Gehorsam gegenüber den Befehlen Stalins und seiner Schergen.

 

Als sich in ganz Europa die kriegsbedingte Versorgungs- und Lebensmittelkrise immer mehr zuspitzte und der Hungerwinter 1946/47 viele Tausende von Toten auch unter der normalen Zivilbevölkerung in Deutschland forderte, während zugleich in dem durch die Nationalsozialisten mit ihrer Politik der verbrannten Erde verwüsteten Mittel- und Osteuropa  Millionen verstarben, breitete sich in den sowjetischen Lagern in der SBZ ein schockierendes Massensterben aus. Die stalinistische Bürokratie brauchte ein Vierteljahr, um auf  das schnelle Aussterben der Lager zu reagieren. Doch durch die in ganz kleinen Schritten verfügte Erhöhung der Rationen gelang es nur langsam, die Katastrophe

einzudämmen. Seuchen und Krankheiten, wie Tuberkulose und Ruhr,  grassierten weiter.  Es ist geradezu charakteristisch für die allgemeine Menschenfeindlichkeit der stalinistischen Herrscher, dass sie anders als die westlichen Alliierten ihre Gefangenen angesichts der Unmöglichkeit, sie in Lagern zu ernähren, nicht entließen, sondern ihre Unwilligkeit zynisch hinter neuen bürokratischen Regelungen versteckten. An der Situation der Häftlinge änderte sich daher zunächst nichts Grundlegendes, bis im Frühsommer 1948 die ersten Gefangenen entlassen wurden.  12.000 Häftlinge, vor allem ältere Männer aber auch Frauen sowie Jugendliche und sogar Kinder, das sind zwanzig Prozent aller Gefangenen des sowjetischen Speziallagers in Sachsenhausen, überlebten diese von Stalin und Geheimdienstchef  Berija persönlich und bewusst getroffene verbrecherischen Entscheidungen  nicht. Aber auch diejenigen, die das Massensterben überlebten, litten und leiden bis heute noch unter den Folgeerscheinungen der Haft. Die kommunistischen Machthaber in der Sowjetunion und in der DDR verweigerten darüber hinaus jahrzehntelang den Angehörigen genauere Informationen über das Schicksal ihrer Ehegatten, Väter, Mütter oder Kinder. Erst nach der deutschen Einheit konnten das Deutsche Rote Kreuz und die Gedenkstätte Sachsenhausen ihre Fragen nach Todesdaten und Sterbeursachen beantworten. Selbst heute noch erreichen die Gedenkstätte viele solcher Auskunftsersuchen.

 

Nach dem Fall der Mauer und dem Zusammenbruch der kommunistischen Diktaturen konnten Überlebende und Angehörige endlich auch an die großen Gruben treten, wo die Toten nackt und zumeist ohne jegliches individuelle Kennzeichen hineingeworfen worden waren. Seitdem stehen wir jedes Jahr vor den drei Massengräbern, hier am ehemaligen Kommandantenhof, an der Düne sowie im Schmachtenhagener Forst. Dass wir dies seit vielen Jahren gemeinsam mit der Arbeitsgemeinschaft sowjetisches Speziallager Sachsenhausen 1945-1950 tun, dafür bin ich allen Vereinsmitgliedern, insbesondere ihrem Vorsitzenden, Herrn Joachim Krüger, außerordentlich dankbar. Ich wünsche mir sehr, dass diese bewährte Gemeinsamkeiten im Trauern und im Gedenken auch in den nächsten Jahren weiter bestehen bleiben und wachsen.

Sachsenhausen – ein neuer Lagertypus?

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