25 Jahre Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten. Begrüssung der Gäste anlässlich des Festempfangs des Ministerpräsidenten des Landes Brandenburg und der Stiftung Brandenburgische Gedenksätten am 18. April 2018 in der Staatskanzlei

Günter Morsch

25 JAHRE STIFTUNG BRANDENBURGISCHE GEDENKSTÄTTEN

 

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident Dr. Woidke,

sehr geehrter Herr Landtagsvizepräsident Dombrowski,

Sehr geehrte Überlebende der Konzentrationslager des sowjetischen Speziallagers sowie der Gefängnisse

sehr geehrte Mitglieder der Landesregierung und des brandenburgischen Landtages,

sehr geehrte Mitglieder der drei Gremien der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten sowie der verschiedenen Opfer- und Interessenverbände

Exzellenzen, Vertreter ausländischer Staaten,

Sehr geehrte Frau Bering,

Lieber Herr Faulenbach,

lieber Herr Lutz,

lieber Herr Beattie

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

liebe Kolleginnen und Kollegen,

 

im Namen der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten möchte auch ich Sie zunächst ganz herzlich zu unserem Festakt aus Anlass unseres fünfundzwanzigsten Geburtstages begrüßen. Im Namen aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stiftung bedanke ich mich bei der Landesregierung, insbesondere bei Herrn Ministerpräsidenten Dr. Woidke, für die Ehre, die der Gedenkstättenstiftung mit diesem Festakt hier in der Staatskanzlei erwiesen wird.

 

Am 9. November 2010 fand im ehemaligen Erschießungsgraben des Konzentrationslagers Sachsenhausen die seit vielen Jahren regelmäßig stattfindende Gedenkveranstaltung für die Opfer einer Massenmordaktion an mindestens 33 polnischen Häftlingen statt. Mühselig und im Rollstuhl sitzend war der damals 95-jährige Sachsenhausen-Überlebende Karl Stenzel aus seinem Altersitz in Groß-Köris nach Sachsenhausen gekommen, um seiner polnischen Kameraden zu gedenken. Seine letzte Rede in der Gedenkstätte, für die er über Jahrzehnte als Generalsekretär des Internationalen Sachsenhausen-Komitees gekämpft und sich eingesetzt hatte, war für uns alle, die wir ihm zuhörten, bestürzend. „Wir, die ehemaligen KZ-Häftlinge, wir haben versagt, so sagte er fast flüsternd. „Wir haben geglaubt, die Welt würde aus unserer Erfahrung lernen, sie würde besser werden, keine Völkermorde mehr, kein Rassismus und Antisemitismus, kein Nationalismus,  kein Krieg mehr, so haben wir in unseren unterschiedlichen Erklärungen nach der Befreiung aus den Lagern gefordert. Doch was“, so fragte Karl Stenzel weiter, hat die Welt aus unseren Erfahrungen gemacht?“

Der ehemalige deutsche Kommunist, der in den neunziger Jahren ganz entscheidend an der Neugestaltung der brandenburgischen Gedenkstätten  konstruktiv mitgewirkt und sie voran getrieben hat, steht mit dieser Feststellung im Kreise auch seiner internationalen Kameradinnen und Kameraden nicht allein.  In dem 2009 von den Präsidenten der verschiedenen Häftlingskomitees, unter ihnen die im internationalen Beirat der Stiftung Brandenburgische Gedenkstäten vertretenen Präsidenten von Ravensbrück und Sachsenhausen, Dr. Annette Chalut und Pierre Gouffault, verfassten das, wie sie es nannten,  „Vermächtnis der Überlebenden“ und übergaben es in zahlreichen Veranstaltungen verschiedenen namhaften staatlichen Repräsentanten . Darin  heißt es in ganz ähnlicher Weise: „Nach unserer Befreiung schworen wir eine neue Welt des Friedens und der Freiheit aufzubauen. Wir haben uns engagiert, um eine Wiederkehr dieser unvergleichlichen Verbrechen zu verhindern. Zeitlebens haben wir Zeugnis abgelegt, zeitlebens waren wir darum bemüht, junge Menschen über unsere Erlebnisse und unsere Erfahrungen und deren Ursachen zu informieren. Gerade deshalb schmerzt und empört es uns sehr, heute feststellen zu müssen: Die Welt hat zu wenig aus unserer Geschichte gelernt.“

Einige von Ihnen, meine sehr geehrten Damen und Herren, mögen diese uns in tiefe Zweifel stürzende  Zitate der Zeitzeugen des Terrors und der Kriege als unpassend für den heutigen Anlass empfinden. Doch angesichts der gerade im Moment zunehmenden antisemitischen und rassistischen Übergriffe, der Wiederkehr nationalistischer Bewegungen, der zunehmenden Flut aggressiver, die Opfer der Diktaturen beleidigender Äußerungen,  angesichts der selbst im Deutschen Bundestag zu hörenden Stellungnahmen von anscheinend ohne jegliches kritisches historische Bewusstsein und jegliche  Sensibilität  rücksichtslos nach Einfluss und Macht strebenden rechtspopulistischen Parteien und Bewegungen sowie angesichts des am Horizont drohenden Zerfalls der Europäischen Union und der Zunahme von Konflikten zwischen den europäischen Nachbarn müssen wir uns  gerade an einem solchen Tag, an dem wir auf die vergangenen Erfolge zurück blicken wollen, auch den neuen Herausforderungen der Gegenwart stellen. Dabei kommen wir nicht umhin, feststellen zu müssen:  Die wirkliche Probe auf die Festigkeit und Nachhaltigkeit der Erinnerungskultur in Deutschland und in Europa, sie scheint erst jetzt zu kommen!

Jetzt – da die ständigen Weckrufe und Mahnungen, die zumeist mit großer menschlicher  Wärme und Überzeugungskraft vorgetragenen Erlebnisse und Erfahrungen der Zeitzeugen weitgehend verstummt sind und zu verblassen scheinen.

Jetzt – da die allermeisten Nachbarn Deutschlands, die zweimal im Laufe des vorigen Jahrhunderts unter der aggressiven Kriegspolitik des Deutschen Reiches leiden mussten,  der vereinten Bundesrepublik des Grundgesetzes nicht zuletzt aufgrund ihrer offenen und breit entwickelten, fest in der Zivilgesellschaft verankerten, staatlich unterstützten neuen Erinnerungskultur vertrauen.

Jetzt – da die meisten Angehörigen der Opfer in ihrer Trauer einen mitfühlenden Widerhall und ein sympathetisches Verständnis bei vielen Menschen in Deutschland vorfinden und

Jetzt – da die meisten Verbände der verschiedenen Opfergruppen, die über Jahrzehnte  immer wieder an das Gewissen der Deutschen appellierten und gegen Verdrängungsprozesse ankämpften entweder sich aufzulösen beginnen oder aber angesichts ihrer begrenzten Kraft  den Schwerpunkt ihrer Arbeit auf neue Herausforderungen legen müssen.

 

Ich bin allerdings fest davon überzeugt, sehr geehrte Anwesende, dass die vor 25 Jahren in der Einrichtungsverordnung der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten einschließlich ihrer 1997 und 2016 vorgenommenen Novellierungen festgeschriebenen Grundsätze eine nach wie vor sichere Grundlage und Basis bieten, um diesen neuen Herausforderungen stand zu halten und Antworten darauf zu finden. Welche sind dies?

  1. Im Zentrum der Erinnerungskultur in Brandenburg stehen die historischen, bzw. die authentischen Orte der Verbrechen. Sie zu erhalten und zu bewahren, sollte oberste Aufgabe bleiben, auch wenn das angesichts der zahlreichen baulichen Zeugnisse bedeutet, eine nicht geringe Finanzierung auf Dauer sicher zu stellen, damit sowohl die Denkmale aus der Zeit als auch die Denkmale an die Zeit auch künftigen Generationen erhalten bleiben.
  2. In den historischen Orten fokussiert sich die Erinnerung; sie geht von ihnen aus. Ihre Kraft darf nicht durch Verwaltungsreformen oder andere in Zeiten von Zentralisierungen und vermeintlich Synergien bündelnden Maßnahmen geschwächt, sondern muss  im Gegenteil weiter gestärkt werden.
  3. Gedenkstätten können nur als zeithistorische Museen mit besonderen humanitären und bildungspolitischen Aufgaben in einer stark von den neuen Medien bestimmten Gesellschaft Wirkung und Nachhaltigkeit erzielen und sich behaupten. Ihre feste Verankerung in der Wissenschaft, die Aufarbeitung und Ergänzung ihrer Sammlungen, die stets den sich ändernden Fragen an die Geschichte sich öffnenden Dauer-, Sonder- und Wechselausstellungen sowie Veröffentlichungen aller Art, aber vor allem auch eine offene, moderner Didaktik gegenüber aufgeschlossene, vor allem aber personell und finanziell besser als bisher ausgestatte pädagogische Arbeit, bleiben unverzichtbare fundamentale Aufgaben der Gedenkstätten.
  4. Die Gedenkstättenstiftungen müssen auch weiterhin in Deutschland, wo es auch auf absehbare Zeit keine starke etablierte und tradierte private Kulturförderung gibt, öffentlich rechtlich verfasst bleiben. Umso wichtiger ist es, dass Staat und Politik die inhaltliche Autonomie der Gedenkstätten und der Stiftung achten und bewahren. Gerade auf dem Hintergrund der in den neuen Bundesländern noch stark  nachwirkenden Erfahrungen des staatlich instrumentalisierten Antifaschismus muss den offenbar gegenwärtig  wachsenden Versuchungen widerstanden werden, auf die inhaltliche Ausrichtung der Gedenkstätten administrativ Einfluss zu nehmen oder gar sie zu bestimmen.
  5. Staatliche Verwaltungen, Parteien und Verbände sind aber aufgefordert, sich am möglichst pluralistischen Diskurs über Ziele und Inhalte zu beteiligen. Dabei müssen neue Wege gefunden werden, um auch in der Zukunft die Beteiligung einer internationalen Öffentlichkeit und Zivilgesellschaft an der Fortentwicklung der Gedenkstätten sicher zu stellen. Denn in Below und in Brandenburg an der Havel, in der Potsdamer Leistikowstraße ebenso wie in Lieberose, in Ravensbrück ebenso wie in Sachsenhausen bündelt sich nicht allein deutsche, sondern europäische Vorkriegs- Kriegs- und Nachkriegsgeschichte.

 

Die heutige Festveranstaltung bietet der Stiftung auch eine gern genutzte  Gelegenheit, um unseren aufrichtigen Dank an alle die Stiftung in vielfältigen Formen helfenden, unterstützenden und tragenden Einrichtungen sowie Personen zum Ausdruck zu bringen. Lassen Sie mich im Namen aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stiftung daher zum Schluss meiner Ausführungen, Ihnen allen versichern, wie sehr wir die Unterstützung und Hilfe, die wir von vielen Seiten erhalten, schätzen und anerkennen. Vor fünf Jahren, aus Anlass des zwanzigsten Geburtstages unserer Stiftung, habe ich versucht, nahezu alle Institutionen, Organisationen und Personen namentlich zu nennen, denen wir diesen Dank schulden. Die dazu gemachten Ausführungen füllten mehr als zwei Seiten meines Manuskripts. Trotzdem bin ich an dieser gerne übernommenen Aufgabe gescheitert, wie spätere Beschwerden zeigten.  Daher bitte ich um Verständnis, wenn ich heute Ihnen allen ganz herzlich danken möchte, ohne erneut peinliche und unbeabsichtigte Versäumnisse zu riskieren. Der Dank kommt trotzdem von ganzem Herzen. Eine Ausnahme will ich trotzdem machen:  Mein letzter Satz  soll den ihre Haft überlebenden Opfern von Holocaust und KZ-Verbrechen, von Gefängnis- und Speziallager-Haft  gelten. Ihnen schulden wir vor allem deshalb Dank, weil sie trotz des ihnen angetanen Leids und Unrechts uns allen, den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ebenso wie den Leiterinnen und Leitern der Gedenkstätten sowie dem Vorstand und Direktor der Stiftung stets eine nicht zu ersetzende, moralische Stütze waren und sind.

Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion, Ausstellungseröffnung 21. Juni 2016

ERÖFFNUNG DER Sonderausstellung „Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion 1941-1945“
Der Ständigen Konferenz der Leiter NS-Gedenkorte im Berliner Raum
21. Juni 2016
Begrüßung: Staatsministerin Frau Prof. Grütters,
Exzellenz, Herr Botschafter Grinin,
Damen und Herren,
Kolleginnen und Kollegen

STäKO: HdW, GuMS, Denkmal Juden, GdW, Topographie,

Verweis auf Ausstellung zum 75. Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkrieges mit Überfall auf Polen 2014 auf Pariser Platz, große Aufmerksamkeit

Der Krieg gegen die Sowjetunion, der vor 75 Jahren begann, war ein rassistisch, antislawisch und antisemitisch motivierter Weltanschauungs-, Vernichtungs- und Eroberungskrieg. Brutalität und Grausamkeit, mit der Vernichtungskrieg und Völkermord durchgeführt wurden, waren und sind beispiellos. Die Einzelheiten und Details entziehen sich fast jeder Vorstellung. Sie lassen selbst den Historiker, der mit den Quellen, den amtlichen Dokumenten ebenso wie mit den Berichten der Zeitzeugen, vertraut ist, immer wieder erschaudern. Die Wurzeln von Vernichtungskrieg und Völkermord lassen sich mindestens bis in die ersten Jahre der Weimarer Republik zurückverfolgen. Ihre große Breitenwirkung, die nicht nur fanatische Nationalsozialisten, sondern auch die Träger von Wehrmacht, Staat und Wirtschaft sowie zweifellos auch einen Großteil der deutschen Soldaten erfasste, lässt sich gerade aus dem Zusammenwirkung der in ihren Anfängen unterschiedlichen Ursachen erklären. Das furchtbare, spätestens nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 immer wieder durch die Propaganda eingeübte Amalgam von Antislawismus, Antisemitismus, Antibolschewismus und imperialen Eroberungs- und Herrschaftsplänen lieferte für jede Gruppe, jede Institution und jede Organisation des „Dritten Reiches“ die den jeweiligen entweder lange tradierten oder neu erzeugten Feindbildern gemäße Rechtfertigung zum geplanten Massenmord an Millionen von Menschen.
Für Hitler und die allermeisten seiner Anhänger, aber auch für einen Großteil der deutschnationalen Eliten in Staat, Wirtschaft und Wehrmacht galt schon lange das Dogma, dass Deutschland seinen Lebensraum im Osten suchen müsse. 1933, nur vier Tage nach dem Beginn seiner Kanzlerschaft, kündigt Hitler daher vor den höchsten Offizieren der Reichswehr die rücksichtslose Germanisierung des neu zu gewinnenden Lebensraumes im Osten an. Zuvor allerdings müsse er den „Marxismus“ in Deutschland ausrotten, was den Schluss nahe legt, dass die Ausrottung des Bolschewismus darauf unmittelbar folgen soll. Zur gleichen Zeit debattiert man in führenden Wirtschaftskreisen über die angeblich unendlich großen Chancen und Möglichkeiten eines deutschen Großwirtschaftsraumes, der sich vom Baltikum über die Ukraine bis in den Kaukasus erstrecken soll. Polen ist zunächst die Rolle eines Glacis zugedacht, von dessen Boden aus der entscheidende Kampf beginnen soll. Mit dem deutsch-polnischen Nichtangriffsvertrag 1934 verknüpft die NS-Diktatur die Hoffnung auf eine mit mehr oder wenig Druck erreichte einvernehmliche Lösung, um den Durch- und Aufmarsch der hochgerüsteten deutschen Armeen zu ermöglichen. Im Antikominternpakt will man alle anti-bolschewistischen Kräfte sammeln, um die Sowjetunion einzukreisen. Ein „Kreuzzug Europas gegen den Bolschewismus“ wird proklamiert. Bekanntlich scheitern diese Pläne, obwohl Frankreich und Großbritannien Hitler im Münchener Abkommen weit entgegen kommen. Deutschland vollzieht mit dem Ribbentrop-Molotow-Pakt eine taktische Kehrtwende, die alle Gegner Hitlers, sowohl im deutschen Widerstand als auch im Ausland, in tiefe Ratlosigkeit und Resignation stürzt.
Die Spitzen des NS-Regimes sind sich jedoch darin einig, dass die Realisierung ihrer Vorstellungen vom Lebensraum im Osten nur aufgeschoben und nicht aufgehoben ist. Schon im November 1939 deutet Hitler an, dass er eine große Operation gegen Rußland plane. Indes üben vor allem SS und Polizei im besetzten Polen bereits die Methoden des Vernichtungskrieges ein, vor allem polnische Intellektuelle, Militärs und Lehrer aber auch psychisch Kranke und Juden sind die Hauptopfer.

Die konkreten Vorbereitungen der Wehrmacht für den großen Ostkrieg setzen bereits im Frühsommer 1940 ein. Mit dem Kriegsgerichtsbarkeitserlass vom 13. Mai 1941, verfasst vom Chef des OKW Wilhelm Keitel, wird der Truppe weitgehend freie Hand bei Gewalttaten gegen Zivilisten gelassen, ein Freibrief für den Vernichtungskrieg.
Nach dem Kommissarbefehl vom 6. Juni 1941, unterzeichnet von Alfred Jodl, gleichfalls OKW, sollen alle politischen Kommissare sofort hinter der Front ermordet werden. In den Bestimmungen des Befehls kommt die Vermischung von antijüdischen und antibolschwistischen Feindbildern, wie sie auch von der Wehrmacht geteilt werden, klar und deutlich zum Ausdruck. Etwa zur gleichen Zeit arbeiten Wissenschaftler der Friedrich-Wilhelm-Universität in Berlin mit Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft an gigantischen Plänen zur Besiedlung der durch Hunger, Massenmord und Vertreibungen leer gesäuberten neuen Siedlungsgebiete für deutsche Bauern und Kriegsgewinnler, von ca. 30 Millionen Opfern auf Seiten der sowjetischen Bevölkerung gehen die Wissenschaftler dabei aus. SS und Polizei bereiten sich darauf vor, im Rücken der Front eine schon in Polen eingeübte und noch zu steigernde Terrorherrschaft aufzubauen.

Die allumfassende Gewalt beginnt schon in den ersten Tagen nach dem Angriff. In Litauen verüben die Deutschen mit Unterstützung der örtlichen Bevölkerung die ersten Massaker an Juden. Schon im Sommer 1941 gehen diese vereinzelten Massaker in die Praxis der systematischen Judenvernichtung, den Holocaust, über. Zusammen mit den Juden werden, ohne dass es eines besonderen Befehls bedurft hätte, Roma sowie Kranke in psychiatrischen Anstalten und Pflegeheimen ermordet. Der Krieg gegen die SU beseitigt jegliche möglicherweise noch existierende Skrupel. Die unvergleichlichen Völkermordverbrechen beginnen zwar in der Sowjetunion, sie dehnen sich aber bald von dort auf das ganze besetzte Europa aus.
In den Kriegsgefangenlagern setzt die geplante Vernachlässigung der sowjetischen Soldaten ein mit der Folge, dass bis zum Ende des gleichen Jahres bereits etwa 1,4 Millionen Rotarmisten, das sind fast 60 Prozent aller sowjetischen Kriegsgefangenen, unter erbärmlichsten Bedingungen an Hunger und Seuchen sterben. Die dem Kommissarbefehl folgenden, vielfach willkürlichen Selektionen, die immer häufiger auch einfache Soldaten erfassen, führen auch schon im Juli zu ersten Massenmordaktionen. Am 1. September 1941, also nur 10 Wochen nach Kriegsbeginn, werden auch die reichsdeutschen Konzentrationslager zu Tatorten der Massenmorde an den sowjetischen Kriegsgefangenen. In der zentralen Verwaltung des KZ Terrors, im sogenannten T-Gebäude von Oranienburg, wird von den KZ-Kommandanten über die Tötungsmethoden an Zehntausenden Rotarmisten diskutiert. 13.000 von ihnen werden mit Hilfe einer Genickschußanlage, nur 30 Kilometer entfernt von hier im KZ Sachsenhausen innerhalb von zehn Wochen ermordet. Zur gleichen Zeit füllen sich die Massengräber, die neben den zahlreichen Stalags der Wehrmacht in der Nachbarschaft deutscher Städte und Dörfer ausgehoben werden.
Als sich im besetzten Hinterland nicht zuletzt aufgrund der großen Brutalität des Vernichtungskrieges der erste Widerstand regt, steigern sich auch die Anti-Partisanen-Aktionen zu einem massenhaften Gemetzel. Wir wissen bis heute nicht, wie viele Dörfer zusammen mit ihren Bewohnern, mit Kindern, Frauen und Männern, völlig zerstört, niedergebrannt und von der Landkarte getilgt werden. Sind es Hunderte, sind es Tausende? Vor allem in Weißrußland tobt der als Anti-Partisanenkampf verharmloste und bis in unsere Tage hinein als unvermeidliche Repressalie gerechtfertigte Vernichtungskrieg,
Gemäß den schon 1941 formulierten ausgearbeiteten Plänen, wie sie der Generalplan Ost oder der Kahlfraß- und Hungerplan von Staatssekretär Herbert Backe vorsehen, rauben die deutschen und die mit ihnen verbündeten Truppen der Bevölkerung in der SU nicht nur jegliche Lebensgrundlagen, sondern zerstören sie auch langfristig. Viele Privatbilder der Soldaten, die sie in die Heimat zurückschicken, zeigen die Männer unter den Stahlhelmen, wie sie lachend Schweine und Kühe aus den Ställen heraustreiben, wohl wissend, dass sie die Bauern und ihre Familien damit dem Hungertod überantworten. Das völlige Aushungern ganzer Städte, wie Leningrad, gehöre zum Monate zuvor kühl kalkulierten Schlacht- und Kriegsplan der Wehrmacht, wie Panzerangriffe und Luftterror. Besonders schwer betroffen von der Hungerpolitik sind u. a. die Städte in der Nordostukraine.

Nach dem Scheitern des Blitzkrieges vor Moskau im Winter 1941 erkennen die Spitzen von Staat, Wehrmacht, Partei und Wirtschaft, dass sie den Krieg nur weiter führend können, wenn sie Millionen von Zwangsarbeitern nach Deutschland verschleppen. Für viele Männer, Frauen und sogar Kinder, die die die systematischen Menschenjagden, veranstaltet u. a. von Beamten deutscher Arbeitsämter, überleben, bedeutet der Arbeitseinsatz jedoch keinesfalls, dass sich ihre Situation entscheidend verbessert. Die als Ostarbeiter stigmatisierten Menschen leben unter den Deutschen vielmehr wie Parias, erhalten kaum Nahrung und sterben auch weiterhin in großer Zahl an Misshandlungen, Hunger und Krankheiten und werden bei der geringsten Widersetzlichkeit an Ort und Stelle oder in Konzentrationslagern hingerichtet. Besonders schlimm ist z. B. die Situation der sowjetischen Kriegsgefangenen in den Kohlengruben des Ruhrgebietes, in denen Krupp und andere Unternehmer die Arbeitskräfte der Zwangsarbeiter bis zum Tod durch völlige Erschöpfung skrupellos auspressen. Das Leben eines „Russen“, wie man die vor sich hin taumelnden Skelette abfällig nennt, ist keines Aufhebens wert. So beteiligt sich nicht nur die Front, sondern auch die Heimat am Vernichtungskrieg.
Mit dem Vormarsch der Roten Armee und der sich abzeichnenden Niederlage des „Dritten Reiches“, das jetzt an allen Fronten harte militärische Abwehrkämpfe führt, sind nicht etwa die Massenmorde an den Zivilisten rückläufig, sondern sie steigern sich erneut. Die Politik der verbrannten Erde hinterlässt kein lebendiges Wesen mehr. Die Menschen werden vor den sich zurückziehenden Truppen her getrieben und, wenn sie den Rückzug behindern, ohne große Umstände getötet. Das unermessliche Ausmaß der Rückzugsverbrechen liegt weitgehend immer noch im Dunkeln. Die Sicherheitspolizei richtet eigene Sonderkommandos ein, um die über alle vorhandenen Massengräber auszuheben und die Leichen zu verbrennen.
Auch in Deutschland steigert sich die Politik der allgemeinen Lebensvernichtung immer mehr, je näher die Fronten rücken. Selbst wenn der Geschützdonner der alliierten Armeen schon zu hören ist, werden die Opfer zusammen getrieben und auf die unterschiedlichste Art und Weise grausam ermordet, so z. B. in Zuchthäusern und in den verschiedensten Lagern. Dabei fällt auf, dass neben den Juden vor allem die sogenannten Ostarbeiter als erste selektiert und getötet werden.

Es hat in Deutschland sehr lange gedauert, bis die schrecklichen Dimensionen des Vernichtungskrieges in der SU zumindest in groben Zügen anerkannt wurden. Eine Strafverfolgung fand wenn überhaupt dann ab dem Ende der fünfziger Jahre nur gegen SS- und Polizeieinheiten statt. Schon im Nürnberger Prozess hatte die Wehrmachtsführung alle Schuld auf Hitler, Himmler und seine SS-Einheiten geschoben. Trotz zahlloser Wehrmachtsverbrechen kam es vor deutschen Gerichten nur in ganz wenigen Ausnahmefällen zur Anklageerhebung gegen Offiziere und Soldaten. Die Lüge von der „sauberen Wehrmacht“ ermöglichte es vielmehr, dass jemand wie Adolf Heusinger, der für die Koordination des Anti-Partisanen-Kampfes zuständig gewesen war, zum ersten Generalinspekteur der Bundeswehr ernannt wurde. Zahlreiche Kasernen trugen noch in den achtziger und neunziger Jahren die Namen von ranghohen Wehrmachtsoffizieren, wie z. B. die in Füssen nach Generaloberst Eduard Dietl benannte Unterkunft der Bundeswehrsoldaten. Der von Hitler sehr geschätzte Wehrmachtsoffizier hatte sich aktiv an den Massenmorden im Rahmen des Kommissarbefehls beteiligt. Erst 1995 wurde die Kaserne gegen den heftigen Widerstand der Traditionsverbände umbenannt. Über viele Jahrzehnte wurden die geplanten und mit großer Grausamkeit begangenen Massenmorde und Verbrechen des Vernichtungskrieges gegen die SU entweder verharmlost oder relativiert, indem man auf die Übergriffe und Verbrechen von Soldaten der Roten Armee bei der Besetzung Deutschlands hinweist.
Zwar hat sich seit der Wehrmachtsausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung Mitte der neunziger Jahre die Beurteilung des Vernichtungskrieges gegen die SU und insbesondere die Einschätzung der Rolle der Wehrmacht geändert, aber nach wie vor liegen die im Rahmen des Barbarossa-Feldzuges begangenen, heute hier nur in Ansätzen zu beschreibenden Verbrechen im Erinnerungsschatten, wie Bundespräsident Joachim Gauck im vorigen Jahr zurecht gesagt hat. Immer noch begegnet man nicht selten einer irritierenden Reserviertheit bei nicht wenigen Deutschen, wenn nicht sogar einer von starken Vorurteilen gegenüber Rußland geprägten Ablehnung, obwohl sich diese nur noch bei ganz wenigen Menschen mit eigenen möglicherweise schlimmem Erfahrungen begründen läßt. Daher ist es an der Zeit, nein es ist lange überfällig, dass endlich hier im Zentrum Berlins ein Gedenkort und ein Erinnerungszeichnen für die Millionen Opfer der geplanten Lebensvernichtung im Osten errichtet werden.
Hinweis auf Beschluss des Arbeitskreises I der Berlin-Brandenburgischen Gedenkstätten auch deshalb den Schwerpunkt der Veranstaltungen in diesem Jahr auf die Erinnerung an die Millionen Opfer des Vernichtungskrieges gegen die SU zu legen. Bis Dezember werden mindestens 15 Veranstaltungen in den Berlin.-Brandenburgischen Gedenkstätten dazu stattfinden, Lesungen, Zeitzeugengespräche, Ausstellungen, Filmvorführungen und Gedenkveranstaltungen. Damit wollen die NS-Gedenkstätten die besondere Bedeutung dieses 75. Jahrestages würdigen.

Dank an:
– Kulturstaatsministerin für Finanzierung der Ausstellung
– An das Bezirksamt Mitte für die Erlaubnis die Ausstellung am Potsdamer Platz zu zeigen,
– An Frau Dagmar von Wilcken für die Gestaltung
– An Frau Breithoff, der Koordinatorin der Ausstellung

Anhörung Enquete-Kommission, Landtag Brandburg 2011

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Rede: Kontinuität im Wandel. 20 Jahre Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, 26. Februar 2013

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