Neujahrsansprache 2. Februar 2018

NEUJAHRSEMPFANG DES ARBEITSKREISES DER BERLIN-BRANDENBURGISCHEN NS-GEDENKSTÄTTEN
AM 2. Februar 2018
GRUSSWORT
Prof. Dr. Günter Morsch

Sehr geehrte Frau Dr. Kaminsky,
Exzellenz,
sehr geehrter Herr Staatssekretär,
lieber Herr Eppelmann,
sehr geehrter Herr Sello,
sehr geehrte Mitglieder des Deutschen Bundestages, des Berliner Abgeordnetenhausen und des Brandenburgischen Landtages,
verehrte Mitglieder des diplomatischen Corps,
sehr geehrte Vertreter der Opferverbände und der religiösen Gemeinschaften,
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
liebe Kolleginnen und Kollegen,

im Namen der Mitglieder des Arbeitskreises I der NS-Gedenkstätten in Berlin und Brandenburg möchte ich mich zunächst ganz herzlich bei denjenigen bedanken, die nun zum dritten Mal diesen Neujahrsempfang ermöglicht und organisiert haben. Ich danke vor allem der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur ganz herzlich dafür, dass wir nach unserem turnusmäßigen Ausflug zur „Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ in Ihren Räumen wieder zu Gast sein dürfen. Ich freue mich, dass so viele Kolleginnen und Kollegen zusammen mit unseren Gästen aus Politik, Wissenschaft und Kultur die Chance nutzen wollen, um im zwanglosen Rahmen miteinander hoffentlich nicht nur über die Geschichte beider Diktaturen und ihre Darstellung ins Gespräch zu kommen.

In den ersten Wochen des neuen Jahres haben die Gedenk- und Dokumentationsstätten zur Erinnerung an die Opfer nationalsozialistischer Verbrechen eine besondere und unerwartete Aufmerksamkeit in Politik und Medien erfahren. Anlass dafür gaben Äußerungen der Berliner „Staatssekretärin für Bürgerschaftliches Engagement und Internationales“ Sawsan Chebli. Auf dem Hintergrund skandalöser Vorkommnisse in der Mitte Berlins, als im Rahmen einer Protestaktion gegen die Beschlüsse der amerikanischen Regierung zur Verlegung ihrer Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem israelische Fahnen verbrannt wurden, forderte sie, dass jeder, der in diesem Land lebt, verpflichtet wird, mindestens einmal in seinem Leben eine KZ-Gedenkstätte zu besuchen. Obwohl die in Berlin geborene Tochter palästinensischer Flüchtlinge, die für ihren Kampf gegen Antisemitismus bekannt ist, ihre Anregung auf alle Teile der in Deutschland lebenden Bevölkerung ausgedehnte hatte, rückten schnell Migranten und Geflüchtete in den Fokus der Diskussion.

Grundsätzlich müssen wir Frau Chebli dafür dankbar sein, dass sie den Anstoß zu einer danach schon sehr bald intensiv geführten Debatte gab, die auf dem Hintergrund der Veranstaltungen zum Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus bis in bekannte Talk-shows-Formate des Deutschen Fernsehens hinein reichte. Einige von uns, liebe Kolleginnen und Kollegen, sind in diesem Zusammenhang von Journalisten und Politikern nach unserer Meinung zu den Forderungen der Berliner Staatssekretärin befragt worden. Auch mich hat das große Medieninteresse gerade auch ausländischer Journalisten überrascht. Glaubten wir doch in den vergangenen Jahren uns schon des Öfteren mit der immer wieder von unterschiedlicher Seite aktualisierten Forderung nach verpflichtenden Gedenkstättenbesuchen auseinandergesetzt und dabei mehrheitlich eine sorgfältig erwogene und diskutierte, kritische Haltung dazu formuliert zu haben.

Nun ist nicht zu leugnen, dass es zahlreiche Anlässe gibt, um diese aufgeworfenen Fragen erneut zu diskutieren. Denn es scheinen, wie nicht nur vielfach Beobachtungen und Stimmungen, sondern auch repräsentative Umfragen bestätigen, antisemitische, rassistische und fremdenfeindliche Einstellungen erneut zu wachsen. Die erschreckend hohe Anzahl von zumeist rechtsextremistisch motivierten Anschlägen auf Leben und Gesundheit von Geflüchteten und Asylbewerbern, fremdenfeindliche Demonstrationen wie Pegida und vor allem auch die Ergebnisse der letzten Bundestagswahlen geben, wie auch ich meine, allen Grund zur Besorgnis. Dass nun sogar im Deutschen Bundestag eine Partei fast einhundert Sitze einnimmt, aus deren Reihen offen und unverblümt die mühselig in vielen Jahrzehnten vorwiegend bürgerschaftlichen Kampfes errungene Erinnerungskultur in Deutschland in ihren Grundüberzeugungen in Zweifel gezogen und nationalistische, revisionistische sowie negationistische Forderungen nach einer Neubewertung der Geschichte des Nationalsozialismus erhoben werden, habe ich mir, wie ich zugeben muss, nicht mehr vorstellen können.

Auch wir müssen daher, sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen, manche scheinbare Gewissheiten der vergangenen Jahre erneut auf den Prüfstand stellen. Wir müssen die Rolle und Bedeutung der Gedenk- und Dokumentationsstätten im Kontext historisch-politischer Bildung auf dem Hintergrund gewandelter Einstellungen und politischer Bedingungen kritisch hinterfragen. Sicher können wir auch in der Zukunft nur ein Mosaikstein im Gesamtbild der Erziehung zu einem demokratischen Geschichtsbewusstsein sein. Trotzdem sollten wir uns selbstkritisch fragen, inwieweit in den genannten gesellschaftlichen und politischen Abirrungen auch ein partielles Scheitern unserer Bildungsarbeit zum Ausdruck kommt? Haben wir uns rechtzeitig auf neue Herausforderungen eingestellt? Erreichen wir mit unseren Veranstaltungen, Ausstellungen und pädagogischen Konzepten noch unser Zielpublikum? Auch wenn der enorme Zuwachs an Besucherinnen und Besuchern von NS-Gedenk- und Dokumentationsstätten, der seit Jahren anhält, eine andere Sprache zu sprechen scheint, so wissen wir, wie auch die meisten anderen Bildungseinrichtungen, im Grunde wenig über die pädagogischen Effekte und die Nachhaltigkeit unserer Arbeit.

Immer wieder begegnen uns besorgte Fragen und Behauptungen, wonach es vor allem das Ende der Zeitzeugenschaft sei, das die Bedeutung der NS-Gedenk- und Dokumentationsstätten in der gesellschaftlichen Debatte verändert. Das ist zweifellos nicht falsch, denn wir können die emphatischen und emotionalen Begegnungen mit den Überlebenden des NS-Terrors nicht ersetzen. Gerade deshalb aber haben die Gedenkstätten seit den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts einen grundsätzlichen Wandel von Orten in erster Linie des Gedenkens und Trauerns sowie emotionaler Betroffenheit und Erschütterung einerseits hin zu zeithistorischen Museen mit besonderen humanitären und bildungspolitischen Aufgaben andererseits in Gang gesetzt. Historisches Lernen, das sich unter Zuhilfenahme überkommener Relikte, Artefakte und Zeugnisse selbständig eine konkrete Vorstellung von Geschichte und ihrer Bedeutung für die Gegenwart erarbeitet, scheint uns nachhaltiger zu wirken als eine Didaktik, die die Lernenden zur Replikation eines vorab festgeschriebenen Lehrstoffs verpflichtet. Doch dafür brauchen unsere Pädagogen nicht nur Zeit und Freiräume, wir brauchen vor allem auch mehr Personal. Insoweit irritiert es mich schon, wenn bei der breit geführten Debatte über die Verbesserung historisch-politischer Bildung in den Gedenk- und Dokumentationsstätten die personellen und logistischen Voraussetzungen, die für eine nachhaltige Bildungsarbeit unverzichtbar sind, kaum mit reflektiert, sondern vielfach sogar schlicht ausgeblendet werden.

Das Forum für zeitgeschichtliche Bildung, das die beiden Arbeitskreise der Berlin-Brandenburgischen Gedenkstätten im vergangenen Jahr zum vierzehnten Mal durchführten, ist zweifellos eine wichtige und unbedingt beizubehaltende Veranstaltung, auf der ein Teil der genannten selbstkritischen Fragen reflektiert werden kann. In der Gedenkstätte und dem Museum Sachsenhausen, die im vergangenen Jahr Gastgeber des Forums sein durfte, haben wir in kontinuierlicher Aufnahme der Kontroversen und Debatten über die richtigen Wege zur Vertiefung und Verbesserung historisch-politischer Bildung und in Zusammenarbeit mit Schulen und Schulverwaltungen versucht, verschiedene Methoden zu diskutieren, um die Brücke zwischen der Vergangenheit und der Lebenswelt der Jugendlichen immer wieder neu zu befestigen. Ich meine, dass wir diese Diskussionsplattformen, auf denen NS- und SED-Gedenkstätten zusammen mit Lehrkräften und Schülerinnen und Schülern sowie mit der Wissenschaft und den Einrichtungen der Kultur- und Bildungseinrichtungen exemplarische Projekte vorstellen und diskutieren, angesichts der genannten neuen Herausforderungen eher noch vertiefen, intensivieren und verstetigen sollten. Gerade in unserer dezentralen Gedenkstättenlandschaft kommt es darauf an, den kontinuierlichen Dialog zwischen allen Beteiligten zu organisieren.

Dabei sollten sich die NS-Gedenk- und Dokumentationsstätten auch noch stärker als bisher bewusst und aktiv in die Debatten um die zukünftige Erinnerungspolitik einbringen. Wir dürfen den Parteien, den Medien und gesellschaftlichen Organisationen nicht den sich verschärfenden Diskurs um die Bedeutung historischer Bildung über den Nationalsozialismus überlassen. Viele Äußerungen aus diesen Bereichen belegen, wie wenig manchen Protagonisten der Erinnerungspolitik unsere tägliche Arbeit bekannt ist. Wenn wir nicht von vermeintlichen Sachzwängen oder Vorurteilen, bewussten Verfälschungen oder politischen Zielsetzungen und Instrumentalisierungen bestimmt werden wollen, dann müssen wir den Mut haben, uns auch öffentlich zu äußern, selbst wenn wir dadurch möglicherweise in schwierige Konflikte mit Mittelgebern und Entscheidungsträgern geraten. Denn anders als die meisten Museen befinden sich die Gedenkstätten an einer sensiblen Nahtstelle zwischen Politik, Verwaltung und Öffentlichkeit einerseits sowie Aufgabenerfüllung und Alltag andererseits. Dieser eminente Bedeutungszuwachs ist das Ergebnis eines gesellschaftlichen Bewusstseinswandels, wie er z. B. von Pierre Nora oder Hermann Lübbe schon in den achtziger Jahren beschrieben wurde. Er erreichte die NS-Gedenkstätten zwar erst in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre, er hält seitdem aber an. Die NS-Gedenk- und Dokumentationsstätten sind daher selbst politische Akteure, die sich bei gesellschaftlichen Debatten nicht verstecken dürfen.

Das Jahr 2018 und erst recht das darauf folgende Jahr 2019 ermöglichen uns, im Rückblick auf entscheidende historische Wegmarken der Jahre 1938 und 1939, als der Terror gegen politische, soziale und sogenannte rassische Feinde des NS-Regimes erheblich ausgeweitet und erste militärische Interventionen und Gewaltakte der geplanten Entfesselung des Zweiten Weltkrieges durch das „Dritte Reich“ den Weg bereiteten, das historische Bewusstsein für gegenwärtige innen- und außenpolitische Bedrohungen und Probleme zu schärfen. Zugleich können wir auf das weit verbreitete Versagen einer Weltgemeinschaft hinweisen, die die meisten vom Terror Betroffenen im Stich ließ und keine Hilfe leistete. Das Bewusstsein für den notwendigen und aus der Erfahrung der historischen Katastrophe des Zweiten Weltkrieges erwachsenen Zusammenhalt vor allem auch in Europa zu stärken, das ist nicht nur eine Aufgabe, sondern eine Chance für die NS-Gedenkstätten. Es gilt das in der Geschichte ihrer Orte eingeschlossene Potential zu entfalten, denn wir sind nicht allein deutsche Einrichtungen, sondern von europäischer und internationaler Bedeutung. Denn nicht nur die Geschichte Europas zwischen 1933 und 1945, sondern gerade auch die europäische Nachkriegsgeschichte ist an unseren historischen Orten eingeschrieben.

In seinem vor kurzem mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels ausgezeichneten Roman „Die Hauptstadt“ schildert der österreichische Schriftsteller Robert Menasse das Scheitern eines auf die Gründungsgeschichte der Europäischen Union rekurrierenden Projekts. Um die allmählich sich auflösende Europa-Begeisterung zu stärken, plant die europäische Kommission anlässlich ihres fünfzigsten Gründungstages einen Festakt in Auschwitz. Dabei soll ein KZ-Überlebender noch einmal an das Vermächtnis und den Schwur der Häftlinge erinnern, den Frieden durch die europäische Einigung herzustellen und auf Dauer zu sichern. Das Vorhaben scheitert schließlich, weil den unterschiedlichen Repräsentanten der EU-Staaten die Verteilung der Quoten für Schweinefleisch wichtiger und präsenter ist als die Befestigung europäischer Einheit auf dem Hintergrund historischer Erfahrung. Dieser deprimierende Schluss des Romans, der m. E. weniger fiktional als realistisch ist, sollte uns Ansporn sein, um unseren kleinen, aber, wie ich meine, nicht unmaßgeblichen Teil dazu beizutragen, dass aus der Geschichte die richtigen Schlüsse gezogen werden.

Die Neujahrsempfänge der beiden Arbeitskreise der Berlin-Brandenburgischen Gedenkstätten sind auch eine gute Gelegenheit, um allen unseren Mitstreiterinnen und Mitstreitern, um unseren Verbündeten in Politik und Verwaltung, in den Medien ebenso wie in den verschiedenen Bildungseinrichtungen, in den Opfer- und Interessenverbänden ebenso wie in den verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen den herzlichen Dank von allen Gedenkstätten und Dokumentationsorten auszusprechen. Wir wissen um ihre steten Anstrengungen und sind ihnen dankbar dafür. Wir ahnen oder kennen die Herausforderungen und Probleme, denen sie begegnen müssen, um unsere Interessen und Bedürfnisse zu vertreten. Umso dankbarer sind wir nicht nur für Ihre Unterstützung und Hilfe, sondern auch für Ihre Empathie und Sympathie, aus denen nicht selten Freundschaften entstanden sind. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und uns ein gutes und erfolgreiches Jahr 2018.

Tag der Opfer des Nationalsozialismus 27. Januar 2018: Norwegische Häftlinge im KZ Sachsenhausen

TAG DER OPFER DES NATIONALSOZIALISMUS
27. JANUAR 2018

NORWEGISCHE HÄFTLINGE IM KONZENTRATIONSLAGER SACHSENHAUSEN 1940-45

BEGRÜSSUNG UND EINFÜHRUNG
PROF. DR. GÜNTER MORSCH

„Unser Land ist von feindlichen Mächten belagert
Wir selber sind deportiert worden und gehen in Häftlingskleidung
Hier kriegen wir Schweinefutter und brennen vor Hass
Wir schmieden den Stahl für Germaniens Rüstung

Wir stehen auf dem Appellplatz im eiskalten Wind
Wir ziehen unsere Lumpen an
Die stinken wie die Pest
Wir schlafen zu zweit in einem Bett
Wir werden schwach mit allen Sklaven in unserer Buchte
Und der Tod schlägt uns oft

Es wird ein Tag kommen, und der ist nicht fern
Dann sprengen wir das Tor, obwohl es von Eisen ist
Denn hinter dem fernen Horizont und hinter dem Meer und dem Strand
Ist unser Norwegen unser wieder gewonnenes Land.“

Mit diesen drei Strophen aus dem 1943 verfassten Lagerlied der norwegischen Häftlinge möchte ich Sie alle, sehr geehrte Gäste unserer heutigen Gedenkveranstaltung, ganz herzlich begrüßen. Der Liedtext wurde von dem bekannten Schriftsteller Arnulf Överland geschrieben, der wegen seines Widerstandes gegen die deutsche Besatzungsmacht seit 1942 im Konzentrationslager Sachsenhausen inhaftiert war. Ganz besonders freuen wir uns darüber, dass Bernt Lund zum wiederholten Mal die beschwerliche Reise von Oslo nach Oranienburg auf sich genommen hat, um heute als Zeitzeuge zu uns zu sprechen. Lieber Herr Lund, seien Sie herzlich willkommen! Ich begrüße den Vizepräsidenten des Brandenburger Landtag Dieter Dombrowski, den Präsidenten des Berliner Abgeordnetenhausen Herr Wieland und den Botschafter des Königreichs Norwegen Petter Ölberg. Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen sowie der Landtag in Brandenburg begehen gemeinsam den Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus seit seiner Einführung im Jahre 1996 am historischen Ort, dem ehemaligen Konzentrationslager Sachsenhausen, dort wo sich auch die Verwaltungszentrale des KZ-Terrors befand. Dafür möchte ich Ihnen sehr geehrter Her Landtagsvizepräsident, dem Präsidium sowie allen Fraktionen des Brandenburgischen Landtages, die diesen Beschluss mittragen, ganz herzlich danken.
Es ist mir dabei eine große Freude, auch in diesem Jahr wieder die anwesenden Abgeordneten des Brandenburgischen Landtages sowie des Berliner Abgeordnetenhauses begrüßen zu dürfen. Ich begrüße ferner die Mitglieder der Brandenburgischen Landesregierung und des Berliner Senats. Ich begrüße die Vertreterin der Staatsministerin für Kultur, den Landrat des Kreises Oberhavel, den Bürgermeister der Stadt Oranienburg und die Mitglieder des Kreistages sowie der Stadtverordnetenversammlung. Ganz besonders dankbar sind wir, dass erneut zahlreiche Angehörige und Repräsentanten ausländischer Botschaften sowie Angehörige von Verfolgten des Nationalsozialismus an unserer Gedenkveranstaltung teilnehmen. Ich danke außerdem allen Vertretern der Parteien, der Gewerkschaften und der Wirtschaft, der Kirchen sowie der jüdischen Gemeinden. Ich begrüße ferner die Vertreter von Hochschulen und Schulen sowie der verschiedenen Opferverbände, insbesondere den Generalsekretär des Internationalen Sachsenhausenkomitees, Dik de Boef, und die Mitglieder des internationalen Beirates der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten. Ganz besonders freuen wir uns auch über die Anwesenheit von Schülerinnen und Schülern. Schon jetzt danke ich den Schülerinnen und Schülern des Georg-Mendheim-Oberstufenzentrums sowie des Gymnasiums Panketal, die an der Ausgestaltung unserer Gedenkveranstaltung mitwirken.

Am 9. April 1940 überfielen deutsche Wehrmachtstruppen das Königreich Norwegen. Während die norwegischen Soldaten einen tapferen aber aussichtlosen Kampf gegen die deutschen Invasoren führten, gelang König Haakon VII die Flucht nach Großbritannien. Dort baute er eine Exilregierung auf. Die Herrschaft im Land übernahmen der ehemalige NSDAP-Gauleiter des Ruhrgebietes, Josef Terboven, sowie der Befehlshaber der Wehrmacht Nikolaus von Falkenhorst. Obwohl das „Dritte Reich“ sich um eine enge Zusammenarbeit mit dem sogenannten „Nordischen Brudervolk“ bemühte, blieb der Erfolg gering, da der eingesetzte Ministerpräsident Vidkun Quisling kaum Rückhalt in der norwegischen Bevölkerung fand. Im Lauf der Besatzungszeit nahmen daher der Widerstand aus der norwegischen Bevölkerung einerseits und der Terror der deutschen Besatzungsmacht andererseits immer mehr zu. Nicht nur aus ideologischen, sondern vor allem auch aus wirtschaftlichen Gründen gingen die Deutschen in den skandinavischen Staaten vorsichtiger als anderswo vor. Trotzdem kam es vielfach zu offenem Terror. Standrecht, Hinrichtungen, Deportationen und Verhaftungen .
Während die meisten Norweger in Polizeihaftlagern und Gefängnissen auf norwegischen Boden inhaftiert wurden, verschleppte die SS mehr als 9.000 ganz überwiegend politische Widerstandskämpfer in Konzentrationslager. Fast 800 Juden wurden vor allem nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Dass die meisten Norweger, mehr als 2.500, in das Konzentrationslager bei der Reichshauptstadt transportiert wurden, lag wohl am wenigsten in der geographischen Lage Oranienburgs begründet. Vielmehr war wohl die schon 1939 vorgenommene Einstufung des KZ Sachsenhausen als ein, wie es die SS nannte, Lager für besserungsfähige Häftlinge entscheidend. Möglicherweise nahm darauf auch der kurz davor abgelöste Kommandant von Sachsenhausen Hans Loritz Einfluss, der im September 1942 die Führung der SS-Inspektion in Norwegen übernahm. Denn schon bald nach seiner Ernennung wuchs die Anzahl der mit Schiffen und Eisenbahnen hauptsächlich aus dem Polizeihaftlager Grini bei Oslo verschleppten Norweger stark an.
Der erste Häftlingstransport aus Norwegen war bereits am 24. August 1940 von der Lagerverwaltung erfasst worden. Im weiteren Verlauf des Jahres sowie auch im darauf folgenden Jahr 1941 blieb es bei vereinzelten Transporten. Erst am 27. Mai 1942 erreichte ein neuer Großtransport mit 113 Norwegern das Konzentrationslager Sachsenhausen. Unter ihnen befanden sich 66 Männer aus der kleinen Fischersiedlung Telavag[Telawohg] im Westen Norwegens. Aus Rache für die Unterstützung der westlichen Alliierten und die Erschießung zweier Gestapobeamter ließ Reichskommissar Terboven das gesamte Dorf in Schutt und Asche legen und verschleppte am 30. April 1942 alle Kinder und Frauen sowie ältere Männer nach Bergen. Die zwischen 15 und 65 Jahre alten Männer dagegen transportierte die SS fast alle über Grini nach Sachsenhausen. Nicht einmal die Hälfte von ihnen überlebte.
Ende 1942 verstärkten die Nationalsozialisten angesichts der an allen Fronten sich abzeichnenden militärischen Niederlagen ihre Rüstungsanstrengungen. Die Zwangsarbeit von KZ-Häftlingen bekam dadurch einen völlig neuen Stellenwert. Aus allen besetzten Ländern, so auch aus Norwegen, verschleppten die Nationalsozialisten Hundertausende von Menschen in das sich explosiv ausweitende und verzweigende Lagersytem. Zeitweise erreichten 1943 fast täglich große Häftlingstransporte aus Norwegen das Konzentrationslager bei der Reichshauptstadt. Diese großen Transporte dauerten auch im ersten Halbjahr 1944 an. Dadurch erhöhte sich die Anzahl der norwegischen Häftlinge, die zur gleichen Zeit im Oranienburger Hauptlager sowie in den Nebenlagern, vor allem in den Außenlagern Falkensee, Heinkel sowie Bad Saarow, inhaftiert waren, auf über 2.000.
Die ganz überwiegende Anzahl der Norweger mussten im KZ Sachsenhausen das rote Dreieck der politischen Häftlinge an ihre Kleidung nähen. Über norwegische Häftlinge mit anderen Winkelfarben ist kaum etwas bekannt; nur vereinzelt waren auch Juden unter ihnen. Die Mehrzahl der politischen Häftlinge kam aus den verschiedenen Organisationen der norwegischen Arbeiterbewegung, insbesondere aus den Jugendorganisationen. Da der vom britischen Exil aus angeleitete Widerstand in Norwegen sehr straff militärisch organisiert war, gehörten auch zahlreiche Polizisten, wie z. B. der Polizeidirektor von Kristiansand, Kristian Wilhelm Rynning-Tönnessen, sowie ehemalige Soldaten der norwegischen Armee zu den Inhaftierten. Auch zahlreiche Intellektuelle, wie z. B. der Rektor der Osloer Universität Didrik Arup Seip, der eingangs zitierte Schriftsteller Arnulf Överland, der Sohn des Nobelpreisträges und Polarforschers Odd Nansen sowie evangelische Geistliche, wie Pedder Scheie, befanden sich unter den norwegischen Häftlingen.
In Sachsenhausen erwartete die Norweger zunächst das übliche demütigende und grausame Aufnahmeritual. In den ersten zwei bis drei Wochen wurden sie in den Quarantäneblocks zusammen gepfercht. Die meisten von ihnen mussten in dieser Zeit die Qualen des sogenannten Schuhelaufens auf der über den Appellplatz herumführenden, von der deutschen Schuhindustrie eingerichteten Teststrecke erdulden. Die übermenschlichen Anstrengungen und sadistischen Quälereien auf dem täglichen, etwa 40 Kilometer langen Marsch über unterschiedliche Bodenbeläge, häufig in zu engen und kleinen Stiefeln, haben sich in das Gedächtnis der Überlebenden besonders stark eingegraben. Himmlers auf die Giebel des ersten Barackenrings angebrachten Sinnspruch, wonach die Freiheit angeblich von der Befolgung der Sekundärtugenden, also Fleiß, Ordnungssinn, Ehrlichkeit und Vaterlandsliebe, abhing, haben viele Norweger auch noch nach ihrer Befreiung als Ausdruck einer typisch deutschen Mentalität interpretiert.
Solange die Lagerverwaltung die norwegischen Häftlinge aufgrund ihrer relativ geringen Anzahl auf die 58 Baracken des Häftlingslagers verteilte, teilten sie das Schicksal aller übrigen Häftlinge. Überdurchschnittlich viele Norweger starben daher in diesen ersten beiden Jahren. Spätestens nach der Ankunft der Massentransporte im Jahre 1943 gelang es ihnen, die Zusammenlegung in eigenen Blocks, den sogenannten Norweger-Baracken, zu erreichen. Der dadurch bewirkte Zusammenhalt stärkte die Identität der norwegischen Häftlingsgruppe, die sich durch eine starke Heimatorientierung auszeichnete, die nicht selten mit einem ausgeprägten nationalen Stolz sowie einem starken antideutschen Widerstandsgeist einherging. Alle erhaltenen Erinnerungsberichte der Überlebenden zeugen von einem intensiven kulturellen Leben der Norweger in diesen Baracken. Mindestens genauso wichtig für das Überleben der norwegischen Häftlinge war die im Dezember 1942 erteilte Erlaubnis zum Paketempfang. Monatlich konnten danach privilegierte Häftlingsgruppen Pakete mit Lebensmitteln, Kleidung und Medikamenten empfangen. Nicht nur die Angehörigen der Häftlinge, sondern vor allem auch das norwegische, dänische und schwedische Rote Kreuz sandten von 1943 an bis zu 5 Kilogramm schwere Pakete, die den meisten Empfängern die Chancen des Überlebens im Lager auf vielfache Weise entscheidend verbesserten.
Da die Pakete nur an namentlich bekannte Häftlinge verschickt werden durften, partizipierten zunächst nicht alle Norweger an dieser wichtigen Hilfsaktion. Es ist der seinerzeit mit ihrer Familie in Groß-Kreuz internierten, damals 21-jährigen Wanda Heger vor allem zu verdanken, dass diese Aktion sich auf fast alle skandinavischen Häftlinge ausdehnen konnte. Der genau heute vor einem Jahr leider verstorbenen Norwegerin nämlich gelang es, mit norwegischen Häftlingen, die in den Außenkommandos des Lagers arbeiteten, zum Teil unter den Augen des SS-Wachen Kontakt aufzunehmen und über sie die Namen weiterer Landsleute zu ermitteln, die sie an das Rote Kreuz weitergab.
Aus der Paketaktion der Skandinavier entwickelte sich eine der größten Solidaritätsaktionen, die auch in den Erinnerungen anderer Häftlingsgruppen, eine wichtige Rolle spielen. Denn vielfach verteilten die Norweger einen Teil des Inhalts der Pakete vorwiegend an die Kranken und die sogenannten Muselmänner. Mark Tilevic, der im Sommer diesen Jahres leider verstorbene langjährige Präsident des russischen Sachsenhausenkomitees, schreibt darüber in seinen Erinnerungen: „Die Tatsache, dass sich Norweger in unserem Lager befanden, war eine enorme Stütze, besonders für uns Russen, denn sie gaben sich große Mühe, uns jede erdenkliche Hilfe zu leisten, da wir die Elendsten von allen waren…Wir hatten mit ihnen eine äußerst herzliche und warme Freundschaft, die sich das Leben über fortsetzte.“
In dankbarer Erinnerung vieler Häftlinge blieben vor allem auch die verschiedenen Hilfsaktionen, mit denen sich norwegische Häftlingsärzte in den Revieren des Lagers um die Kranken bemühten. So organisierte Dr. Sven Oftedal gemeinsam mit seinem norwegischen Kameraden Dr. Per Graesli eine Blutspendeaktion im Lager, an der sich rund einhundert Häftlinge beteiligten. Beiden sowie dem norwegischen Pfleger Per Roth war es wohl auch in der Hauptsache zu verdanken, dass die elf jüdischen Kinder, die im Krankenrevier II für medizinische Experimente missbraucht wurden, nicht als Zeugen der NS-Verbrechen wie andere ermordet, sondern auf den Todesmarsch geschickt wurden, den alle überlebten.
Die allermeisten norwegischen Häftlinge im KZ Sachsenhausen empfanden sich nicht nur gegenüber den anderen Häftlingsgruppen als privilegiert, sie waren es zweifellos in vieler Hinsicht auch. Das wurde wahrscheinlich durch die Rettungsaktion des dänischen und schwedischen Roten Kreuzes am sichtbarsten, die unter dem Namen „Aktion Bernadotte“ weltweit bekannt ist. Zwischen dem 18. und dem 30. März 1945 gelang es, mehr als 2.000 skandinavische Häftlinge mit weiß gestrichenen Bussen und Lastwagen aus dem Konzentrationslager Sachsenhausen zu befreien. Zurück blieb, folgt man der Lagerregistratur, nur ein einziger norwegischer Häftling, der offenbar todkrank im Revier lag. Es handelte sich um Johannes Christopher Telle, ein im Rahmen der erwähnten kollektiven Sühnemaßnahme verschleppter Fischer aus Telavag [Telawohg]. Er verstarb am 2. April 1945. Insgesamt kehrten wohl etwa 200 der mehr als 2.500 nach Sachsenhausen verschleppten Norweger nicht mehr nach Hause zurück. Die meisten verstarben in den ersten beiden Jahren infolge der katastrophalen Lebensbedingungen. Eher eine, allerdings bezeichnende Ausnahme scheint der norwegische Jude Moritz Rabinowitz zu sein. Er wurde, so erinnern sich verschiedene norwegische Häftlinge, von der SS am 27. Februar 1942 zu Tode gefoltert.
Nach Hause zurückgekehrt, versuchten viele der norwegischen Überlebenden an ihre Tätigkeiten vor dem Krieg anzuknüpfen. Norwegische Sachsenhausen-Überlebende bestimmten bis in die siebziger Jahre hinein maßgeblich die Politik dieses skandinavischen Landes. Noch im Konzentrationslager, so erinnert sich Finn Kleppe, sei die erste Nachkriegsregierung Norwegens gebildet worden: Am 9. Mai 1944 habe der spätere Ministerpräsident Einar Gerhardsen eine Reihe von norwegischen Häftlingen aus Anlass seines Geburtstages in seine Baracke eingeladen. Dort am Tisch habe er seine Kameraden Halvard Lange zum Außenminister, Nils Langhelle zum Verkehrsminister, Sven Oftedahl zum Sozialminister, Lars Moen zum Kirchenminister und Johan Johansen zum Arbeitsminister ernannt. Es kann von mir nicht entschieden werden, inwieweit der Bericht von Finn Kleppe die Vergangenheit doch etwas zu sehr verklärt. Richtig bleibt aber, dass nicht nur die Genannten, sondern auch viele weitere Sachsenhausen-Überlebende, so auch unser Ehrengast Bernt Lund, noch über viele Jahrzehnte wichtige politische Ämter in Norwegen bekleideten und dadurch auch die Politik Europas maßgeblich mitprägten.

Als Ignaz Bubis sel. Ang. 1996 dem damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog den Tag der Befreiung der im Lager Auschwitz verbliebenen Häftlinge als Gedenktag vorschlug, war er sich sicherlich der Singularität des Völkermords an den europäischen Juden bewusst. Kein anderer der vielen Feinde des Nationalsozialismus und kein anders Zielobjekt ihres Rassenwahns sollte vollständig, vom Baby bis zum Greis, Männer ebenso wie Frauen, in Gänze und weltweit ausgerottet werden. Trotzdem wollte Bubis den Gedenktag allen Opfern des Nationalsozialismus gewidmet wissen. Denn allen überlebenden Opfern des Nationalsozialismus stand bis zum Ende ihres Lebens die den inneren Kern der NS-Ideologie bestimmende generelle Menschenfeindlichkeit vor Augen, die sich gegen Kranke und Schwache ebenso wie gegen politische Gegner, gegen Angehörige angeblich minderwertiger Rassen ebenso wie gegen soziale Außenseiter, gegen sexuelle Minderheiten ebenso wie gegen Unangepasste richtete. Es ist gerade heute, da die Stimmen der Zeitzeugen weitgehend verstummt sind und Feindbilder von Rechtspopulisten und -extremisten fast nach Belieben ergänzt, aktualisiert und verändert werden, immer wichtiger, sich dieser generellen antihumanen Bedrohung bewusst zu bleiben. Noch sind es nur wenige, die sogar den Holocaust abstreiten oder relativieren. Bedenklicher scheint mir dagegen die sich, teils aus Unbedacht und teils aus Kalkül, ausbreitende Gewohnheit zu sein, die Verbrechen des Nationalsozialismus auf den Holocaust an den Juden zu beschränken und die generelle Menschenfeindlichkeit auszublenden.
Im Konzentrationslager Sachsenhausen waren Menschen aus über vierzig Nationen inhaftiert. Sie waren aus den verschiedensten Gründen in das Konzentrationslager bei Reichshauptstadt und seine Außenlager verschleppt worden, aus rassischen, politischen, religiösen, sozialen, biologischen und ökonomischen Gründen. Auch wenn die Todesbedrohungen unterschiedlich ausgeprägt waren, so befanden sich unter den vielen zehntausenden von Opfern Angehörige aller Haftgruppen. Dieser Nationen, Schichten und Gruppen überwölbenden Gemeinsamkeit sollten wir uns bewusst bleiben. Sie war eine der zentralen Anliegen der überlebenden KZ-Häftlinge. Nicht zuletzt deshalb versäumte es keiner der drei inzwischen leider verstorbenen Präsidenten des Internationalen Sachsenhausen Komitees, in ihren Reden immer wieder auf die aus ihrer Erfahrung im KZ heraus wichtigste und unverzichtbare Grundlage humanen Zusammenlebens hinzuweisen, auf die „solidarité“, wie Charles Désirat, Pierre Gouffault und Roger Bordage als Franzosen formulierten. Im Vermächtnis der Überlebenden, das zehn Präsidenten der Häftlingsverbände der großen Konzentrationslager 2009 verfassten und zahlreichen hohen Repräsentanten europäischer Staaten überreichten, heißt es in eben diesem Sinn: „Aber auch Europa hat seine Aufgabe: Anstatt unsere Ideale für Demokratie, Frieden, Toleranz, Selbstbestimmung und Menschenrechte durchzusetzen, wird Geschichte nicht selten benutzt, um zwischen Menschen, Gruppen und Völkern Zwietracht zu säen…“
Wie stark gerade auch norwegische KZ-Überlebende von Sachsenhausen mit dem Gedanken der europäischen Einigung verbunden waren, beweist u. a. das Verhalten des vielfachen Ministers und zweifachen Ministerpräsidenten Norwegens Trygve Bratelli. Der engagierte Jugendpolitiker der Arbeiterpartei war schon vor seiner Inhaftierung im Juni 1942 und seiner Deportation nach Sachsenhausen freundschaftlich mit dem deutschen Emigranten Willy Brandt verbunden. Nach dem Krieg pflegten sie diese Freundschaft weiter und trafen sich oft zu Gesprächen über Deutschland und Europa. Konsequenterweise trat er als Ministerpräsident zurück, als die Norweger sich in einer Volksabstimmung gegen den von ihm bereits unterschriebenen Beitritt zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft aussprachen. Doch seine Überzeugung, dass Europa auf Dauer nur Frieden finden könne, wenn es auch zwischen Ost und West einen inneren Zusammenhang herstellt, holte ihn aus seinem zwischenzeitlichen Ruhestand zurück. „Je stärker Europa eine Zusammenarbeit zwischen den Nationen entwickelt, desto weniger muss man sich vor den Quellen der Unruhe fürchten, die zweimal zu meinen Lebenszeiten zu Weltkriegen geführt haben.“ Dieses Bekenntnis zu Europa formulierte der ehemalige „Nacht und Nebel-Häftling“, in dessen Wohnzimmer ein Gemälde des bekannten norwegischen Künstlers Reider Aulie mit dem Titel „KZ-Häftlinge beim Appell“ im Wohnzimmer der Familie hing, im Jahre 1971. Vier Jahre später unterzeichnete Bratelli als norwegischer Ministerpräsident die berühmte Schlussakte von Helsinki, die nicht nur als ein Meilenstein der Entspannungspolitik, sondern als entscheidende Wegmarke zum Fall der Mauer und zur Auflösung des Warschauer Pakts angesehen wird.

In dem kürzlich mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels ausgezeichneten Roman von Robert Menasse, „Die Hauptstadt“ verfolgt eine Projektgruppe der Europäischen Kommission die Idee, das gegenwärtig schwindende Zusammengehörigkeitsgefühl in Europa durch den Verweis auf die Entstehungsgeschichte der europäischen Einigung wiederzubeleben. Im Zentrum einer geplanten Jubiläumsveranstaltung sollte daher das Vermächtnis von KZ-Überlebenden stehen. Das Vorhaben scheitert schließlich am kleinlichen und bornierten Egoismus der unterschiedlichen nationalen Repräsentanten, denen die Quoten für Schweinefleisch wichtiger und präsenter sind als die historische Verantwortung. Diese fiktionale Handlung ist keinesfalls unrealistisch. Vergleichbares haben die zehn Präsidenten der Häftlingsverbände in Brüssel schmerzlich erfahren müssen, als sie ihr Vermächtnis möglichst vielen europäischen Abgeordneten übereichen wollten. Wir sind daher heute auch hier, um dieses Vermächtnis der KZ-Überlebenden zu bekräftigen. Es ist aktueller denn je.