Rede: Französische Häftlinge im KZ Sachsenhausen, 27. Januar 2013

GEDENKTAG FÜR DIE OPFER DES NATIONALSOZIALISMUS
27. JANUAR 2013
PROF. DR. GÜNTER MORSCH

Sehr geehrte Überlebende der Lager und Opfer des Nationalsozialismus
Sehr geehrter Herr Präsident Fritsch,
Frau Vizepräsidentin Große,
Cher Monsieur l‘ Ambassadeur de la République de France,
Sehr geehrter Herr Stellvertretender Ministerpräsident Dr. Markov,
Sehr geehrte Frau Ministerin Prof. Kunst,
Cher Monsieur Claverie,
Meine sehr geehrten Damen und Herren,

Im Namen der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten sowie der Gedenkstätte und dem Museum Sachsenhausen begrüße ich Sie alle ganz herzlich zu unserer heutigen Gedenkveranstaltung. 1996 hat der damalige Bundespräsident Roman Herzog auf Anregung des unvergessenen Präsidenten des Zentralrates der Juden in Deutschland, Ignatz Bubis, den Jahrestag der Befreiung der Häftlinge des Konzentrationslagers Auschwitz zum Gedenktag für alle Opfer des Nationalsozialismus erklärt. In dieser Proklamation heißt es: „1995 jährte sich zum 50. Mal das Ende des Zweiten Weltkrieges und der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. In diesem Jahr haben wir uns in besonderer Weise der Opfer des nationalsozialistischen Rassenwahns und des Völkermordes erinnert und der Millionen Menschen gedacht, die durch das nationalsozialistische Regime verfolgt, gequält und ermordet wurden….Die Erinnerung darf nicht enden“, so heißt es dort weiter; „sie muss auch künftige Generationen zur Wachsamkeit mahnen. Es ist deshalb wichtig, nun eine Form des Erinnerns zu finden, die in die Zukunft wirkt. Sie soll Trauer über Leid und Verlust ausdrücken, dem Gedenken an die Opfer gewidmet sein und jeder Gefahr der Wiederholung entgegenwirken.“

Inzwischen wird dieser Tag nach einem Beschluss der Vollversammlung der Vereinten Nationen in der ganzen Welt begangen. Bis zum 27 Januar 2008 hatten 34 der 55 OSZE-Mitgliedsstaaten den Gedenktag eingeführt, darunter allein 21 Länder in Europa. Jedes dieser Länder hat einen eigenen ganz besonderen Weg gefunden, um die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus mit der jeweiligen nationalen Geschichte zu verknüpfen. In diesem Jahr hat erstmals auch das Europäische Parlament den Gedenktag im Rahmen einer offiziellen Plenarsitzung in Straßburg gewürdigt. In Brandenburg richten die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten und der Landtag diesen Tag gemeinsam am authentischen Ort der Verbrechen aus, dort wo sich u. a. die Zentrale aller Konzentrationslager befand, in der Gedenkstätte und dem Museum Sachsenhausen. Dafür sind wir Ihnen, sehr geehrter Herr Landtagspräsident, dem Präsidium sowie allen Fraktionen des Brandenburgischen Landtages, die diesen Beschluss einvernehmlich mittragen, sehr dankbar.

Es ist mir dabei eine große Freude, auch in diesem Jahr wieder die anwesenden Abgeordneten des Brandenburgischen Landtages sowie des Berliner Abgeordnetenhauses begrüßen zu dürfen. Ich begrüße ferner die Vertreter der Brandenburgischen Landesregierung und des Berliner Senats. Ich begrüße den Landrat des Kreises Oberhavel, den Bürgermeister der Stadt Oranienburg und die Mitglieder des Kreistages sowie der Stadtverordnetenversammlung. Ganz besonders dankbar sind wir, dass erneut Angehörige und Repräsentanten ausländischer Botschaften und Mitglieder des diplomatischen Corps an unserer Gedenkveranstaltung teilnehmen, unter ihnen seine Exzellenz, der Botschafter Weißrußlands. Ich danke außerdem allen Vertretern der Parteien, der Gewerkschaften – an ihrer Spitze die Vorsitzende Frau Doris Zinke- und der Wirtschaft, der Kirchen sowie der jüdischen Gemeinden und des Zentralrats der Juden in Deutschland, für den ich ganz herzlich Stephan Kramer willkommen heiße. Ich begrüße außerdem die Vertreter von Hochschulen und Schulen sowie von Opferverbänden, insbesondere die Vorsitzenden der deutschen Häftlingsvereinigungen von Sachsenhausen und Ravensbrück. Auch die Mitglieder des Internationalen Beirates der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten mit seinem Vorsitzenden Dr. Thomas Lutz, sowie den Repräsentanten der Sinti und Roma sowie der Homosexuellen möchte ich herzlich begrüßen. Ich danke Ihnen allen ganz herzlich für ihre stete Beteiligung an unserer Gedenkveranstaltung, zu der viele von ihnen Kränze nieder legen werden. Außerdem möchte ich ausdrücklich auch die Schülerinnen und Schüler des deutsch-französischen Gymnasiums in Berlin begrüßen, über deren Anwesenheit an einem schulfreien Wochenende wir uns ganz besonders freuen. Manchem von Ihnen mag aufgefallen sein, daß ich in diesem Jahr zum ersten Mal keine Überlebenden des KZ Sachsenhausen begrüßen kann. Mit Dr. Adam König und Karl Stenzel haben wir im Herbst vergangenen Jahres zwei wichtige und unersetzbare Zeitzeugen verloren, die uns sehr fehlen und um die wir mit schwerem Herzen trauern.

In der Gedenkstätte und dem Museum Sachsenhausen haben wir diese gelegentlich fälschlicherweise als Holocaust-Tag bezeichnete Gedenkveranstaltung bisher immer einer speziellen Gruppe unter den verschiedenen Opfern des Nationalsozialismus gewidmet. Dabei ging und geht es uns zum einen darum, die große Vielfalt und Unterschiedlichkeit der Gegner und Opfer des NS-Regimes deutlich werden zu lassen. Wir entsprechen damit vor allem auch dem Wunsch der Überlebenden, wie er immer wieder mit großem Nachdruck geäußert wird. Zum anderen wollen wir den Anlass nutzen, um die besondere Aufmerksamkeit von Öffentlichkeit und Gesellschaft auf Opfergruppen und historische Ereignisse zu lenken, die im Laufe der Jahre zumindest zeitweise aus dem Blick geraten sind, vergessen oder verdrängt wurden oder für deren Auswahl es einen besonderen kalendarischen Anlass gibt. Der 70. Jahrestag der Ankunft des größten Transports französischer Häftlinge im KZ bei der Reichshauptstadt, am 25. Januar 1943, schien uns ein solcher angemessener Anlass zu sein, um diesen Gedenktag allen französischen Deportierten zu widmen. Daß wir in diesem Monat auch den 50. Jahrestag der Unterzeichnung des Elysee-Vertrages begehen war uns ein weiterer willkommener Grund. In vielen Würdigungen dieses zweifellos bedeutenden Vertragswerkes wird nicht selten betont, daß mit der Unterzeichnung durch Charles de Gaulle und Konrad Adenauer die deutsch-französische Freundschaft begründet worden sei. Dies mag durchaus für die staatlichen Beziehungen zwischen der alten Bundesrepublik und der République de France gelten. Doch darf man dabei nicht vergessen, daß freundschaftliche Beziehungen zwischen Deutschen und Franzosen viel weiter zurück reichen, zurück auch bis in die Konzentrationslager, wo sich selbst unter den Lebensbedingungen einer von de Lager-SS erzwungenen Wolfsgesellschaft persönliche und menschliche Bindungen zwischen französischen und deutschen KZ-Kameraden entwickelten, die auch nach der Befreiung bis in heutige Tage fortdauern. Aus diesem Geiste, aus der gemeinsamen Erfahrung der Konzentrationslager, entstand die Europäische Union, das dürfen wir gerade jetzt in der Krise nicht vergessen.

Unter allen Häftlingen Westeuropas, die wegen ihres Widerstandes gegen die deutschen Besatzer, wegen ihrer so genannten Rasse oder zum Zwecke der Ausbeutung ihrer Arbeitskraft in das KZ Sachsenhausen verschleppt wurden, bildeten die Franzosen die größte Gruppe. Von schätzungsweise insgesamt mehr als 86.000 Menschen, die aus dem besetzten Frankreich und dem von Deutschland annektierten Elsaß in das Deutsche Reich deportiert wurden, mußten mindestens 9.300 das Tor im Wachturm A mit der Aufschrift „Arbeit macht frei“ durchschreiten. Dort erwartete sie die übliche zynische Begrüßungsansprache des Kommandanten oder Lagerführers: „Das erste, was wir am 25. Januar (1943) erlebten“, berichtet der französische Gewerkschaftsfunktionär Georges Tempier,, als wir ankamen mit den deutschen Befehlen,…, vor uns der Appellplatz, es gab den brennenden Kamin vom Krematorium. Da hat er uns gesagt: ‚Ihr seid durch das Tor rein gekommen, ihr werdet durch den Kamin raus gehen!‘ Das war der Empfang.“ Der Zug mit ca. zwanzig angehängten Güterwagen, in die mindestens 1.526 Männer – unter ihnen die beiden späteren Präsidenten des Internationalen Sachsenhausenkomitees, Charles Desirat und Pierre Gouffault -, und 230 Frauen hinein gepreßt wurden, war im Polizeihaftlager Compiègne bei Paris zusammengestellt worden. Nur wenige Wochen später, am 28. April und am 8. Mai, wurden von der gleichen Verladerampe aus weitere fast 2.000 inhaftierte Männer in die Waggons getrieben und nach Sachsenhausen verschleppt, unter ihnen auch der heutige Präsident des Internationalen Sachsenhausen Komitees Roger Bordage.

Die über das Polizeihaftlager Compiègne 1943 deportierten Franzosen weisen sowohl im Hinblick auf ihre Herkunft und Verhaftungsgründe als auch hinsichtlich ihres weiteren Schicksals im System der Konzentrationslager viele Gemeinsamkeiten auf: die große Mehrheit war wegen ihres politischen Widerstandes entweder in den kommunistischen oder gaullistischen Organisationen der Résistance verhaftet worden. Vor allem kommunistische Arbeiter, die Flugblätter verteilt oder Anschläge auf Einrichtungen der deutschen Besatzungsmacht verübt hatten, befanden sich unter ihnen. Andere Franzosen waren als Geiseln verschleppt oder beim Versuch festgenommen worden, die französisch-spanische Grenze in den Pyrenäen zu überschreiten. Französische Widerstandskämpfer führten deutsche Emigranten über das Gebirge, um ihnen zur Flucht vor Hitler zu verhelfen. Andere flüchteten, um dem obligatorischen Arbeitsdienst zu entkommen, weil sie die Arbeit für die deutsche Rüstungsindustrie verweigerten. Da die meisten Franzosen dieser drei Transporte Handwerker oder Facharbeiter waren, wollte die Lager-SS sich ihre Qualifikationen beim Arbeitseinsatz zunutze zu machen. Vor allem die Flugzeugwerke Heinkel in Oranienburg sowie die Panzerwerke der DEMAG in Falkensee, wo das KZ Sachsenhausen große Außenlager unterhielt, profitierten von dieser Selektion. Im ersten Zug aus Compiègne befand sich allerdings noch eine andere Gruppe von Deportierten, die in der Regel in kein reichsdeutsches KZ, sondern direkt nach Auschwitz transportiert wurden. Über 60 Roma waren von der Vichy-Regierung als so genannte Nomaden an die Deutschen ausgeliefert worden. Während die SS die Roma-Männer, unter ihnen Jugendliche ab dem Alter von 14 Jahren, in das KZ der Reichshauptstadt transportierte, fuhren ihre Frauen und Kinder an Berlin vorbei in das berüchtigte Vernichtungslager des Generalgouvernements. Französische Juden befanden sich demgegenüber nur in Einzelfällen unter den Deportierten. Die in der Wannsee-Konferenz im Januar 1942 bekräftigte, so genannte Endlösung der Judenfrage, kannte nur ein Ziel, den Völkermord an den europäischen Juden. Reichsdeutsche Konzentrationslager waren demzufolge „judenfrei“ zu machen, wie es in dem Erlass des Reichsführers SS vom Oktober 1942 hieß.

Die drei genannten Transporte deportierter Franzosen aus Compiègne waren jedoch weder die ersten noch die letzten. Schon am 25. Juli 1941 erreichte ein Zug, aus der Zitadelle Huy in Belgien kommend, mit 244 durch die deutschen Besatzer in Haft genommenen Bergarbeitern vorwiegend aus dem Departement Nord de Calais den Bahnhof von Oranienburg. Sie waren vor allem wegen unzumutbarer Arbeits- und Lebensbedingungen und für höhere Löhne am 26. Mai in einen Streik getreten, der alle Zechen der Region erfasste. Die deutschen Militärbehördenunter unterdrückten die etwa 10.000 Bergleute umfassende Streikbewegung, in deren Verlauf es auch zu Massendemonstrationen in mehreren Städten kam, mit brutaler Gewalt. Der Transport von einem Teil der streikenden Bergleute nach Sachsenhausen gilt als die erste große Deportation von Franzosen in ein deutsches Konzentrationslager. Der Chronist des KZ Sachsenhausen, der Häftling Emil Büge, notierte im Geheimen, daß die meisten Berarbeiter im Hauptlager für die Ausrüstungswerke der SS arbeiten mußten und er fügte hinzu: „Die meisten der Verhafteten sind verheiratet und ihren Familien entrissen worden…Eine harte Strafe ist es für sie, daß ihnen nicht erlaubt wird, an ihre Angehörigen zu schreiben. So mancher von ihnen wird seine Familie auch nie wiedersehen.“

Im letzten Transport, der direkt von Frankreich nach Sachsenhausen führte, befanden sich Inhaftierte des dicht an der belgischen Grenze liegenden Lagers Loos, das infolge des schnellen Vormarschs der Alliierten nach ihrer Landung in der Normandie hastig geräumt wurde. Am 7. und am 9. September 1944, Paris war bereits befreit, schleppten sie sich durch das Tor im Wachturm A auf den Appellplatz. Mehr als 20 Inhaftierte waren bereits auf dem Transport verstorben, nur 275 der mindestens 816 Deportierten, unter denen erneut Widerstandskämpfer, Arbeitsverweigerer und Geiseln in der Mehrzahl waren, konnten nach ihrer Befreiung nach Hause zurückkehren.

Mehr als die Hälfte der französischen Häftlinge war auf Umwegen in das KZ bei der Reichshauptstadt gekommen: viele aus anderen Konzentrationslagern, vor allem aus Neuengamme, Buchenwald und Hinzert, andere aus den Gefängnissen des „Dritten Reiches“. Als viele Außenlagerlager des KZ Ravensbrück der Verwaltung von Sachsenhausen unterstellt wurden, zählten auch mindestens 600 Frauen zur Gruppe der französischen Häftlinge. Gegen Ende des Krieges stieg schließlich die Anzahl der französischen Zwangsarbeiter unter den KZ Häfltingen in Sachsenhausen stark an, die in den deutschen Betrieben die Arbeit verweigert, Widerstandsgruppen gebildet oder versucht hatten, nach Hause zu fliehen. Französische Zivilarbeiter, die mit deutschen Frauen verbotene Liebesbeziehungen aufgenommen hatten, verschleppte die SS ebenso nach Sachsenhausen wie französische Homosexuelle. Unter den Geiseln, die die Gestapo durch mehrere Lager und Gefängnisse schleppte, befanden sich auch zahlreiche Prominente, die der Kommandant zumeist im Zellenbau des KZ Sachsenhausen, streng isolierte. Dazu zählten der vorletzte Ministerpräsident der Dritten Republik Paul Reynaud sowie die ehemaligen Außen- bzw. Innenminister Frankreichs Yvon Delbos und Georges Mandel.

Obwohl die Lebensbedingungen der französischen KZ-Häftlinge im Vergleich etwa zu ihren sowjetischen oder polnischen Kameraden sicherlich etwas besser waren, da sie Pakete empfangen durften und in der Mehrzahl nicht im Freien, sondern in geschlossen Fabrikhallen Zwangsarbeit leisten mußten, ist die Anzahl derjenigen, die nach den schweren Jahren der Haft nicht wieder nach Frankreich zurückkehren konnten, trotzdem relativ hoch. Nicht einmal 60 Prozent der Deportierten konnten von ihren Familien nach der Befreiung wieder in die Arme geschlossen werden. Von über 2.500 französischen Häftlingen, die nach Sachsenhausen deportiert wurden, ist ihr Tod belegt, weitere 600 müssen als verschollen gelten. Das von uns erarbeitete Totenbuch des KZ Sachsenhausen weist aufgrund umfangreicher Aktenvernichtungen durch die SS viele Lücken auf. Darin verzeichnet sind 1.174 Namen von französischen Häftlingen, die nicht nur den Arbeits- und Lebensbedingungen, sondern vor allem auch gezielten Mordaktionen der Nationalsozialisten in den Neben- oder dem Hauptlager des KZ Sachsenhausen zum Opfer fielen. Erinnert sei dabei vor allem an Marceau Benoit, André Bergeron und Emile Robinet, die am 11. Oktober 1944 zusammen mit 24 deutschen Kameraden wegen Sabotage in den Heinkelwerken erschossen wurden.

Die Gruppe der französischen KZ-Häftlinge ist für die Erinnerung an das KZ Sachsenhausen von ganz herausragender Bedeutung. Was sie auszeichnet, ist ihr unter den Bedingungen der von den Tätern aufgezwungenen Wolfsgesellschaft im KZ besonderer Zusammenhalt, ihre solidarité, humanité und fraternité. Es gibt wohl kaum eine Rede französischer Überlebender, zumal der drei Präsidenten des Internationalen Sachsenhausenkomitees, Charles Desirat, Pierre Gouffault und Roger Bordage, in der diese an Losungen der französischen Revolution angelehnten Ideale nicht als aus den Erfahrungen im Konzentrationslager gewonnene handlungsleitenden Maximen eindrücklich und wortstark beschworen werden. Für viele Überlebende aus anderen nationalen, ethnischen oder sozialen Häftlingsgruppen verbinden sich diese moralischen Appelle u. a. mit der Erinnerung an die sogenannte „soupe francaise“. Ein Häftling, der dazu bestimmt wurde, ging im Heinkelkommando, wie Georges Tempier berichtet, „mit einem leeren Eßnapf durch die Reihen und alle Franzosen…gaben einen Esslöffel Suppe ab. In der Halle sechs waren vielleicht 300 Franzosen. 300 Löffel Suppe, so noch einmal der französische Gewerkschafter, das sind einige Essnäpfe. Und so brachten wir es den kranken Kameraden ins Revier.“ Pierre Gouffault hat dies den „Geist von Sachsenhausen“ genannt, ein Zusammengehörigkeitsgefühl, das sich zwar vornehmlich auf die eigene Haftgruppe bezog, zu der der Häftling sich zugehörig fühlte, das aber auch diese Grenzen überspringen konnte. Dies gelang, folgt man den Erinnerungen der französischen Überlebenden, nicht zuletzt auch gegenüber deutschen politischen Häftlingen. So wurden aus so genannten Erbfeinden, als die sich Franzosen und Deutsche lange Zeit gegenüberstanden, nicht selten bereits im KZ Kameraden, gar Freunde. George Tempier hat diese spezifischen menschlichen Beziehungen zwischen den Häftlingen versucht, mit dem Begriff der Osmose zu charakterisieren. Ihn will ich daher zum Schluss zitieren: „…es ist eine Sache, die uns geblieben ist,…wenn Sie uns heute sehen, 50 Jahre später. Wir sind mehr als Brüder, ja das ist es. Das ist es, wir können das nicht erklären, diese Art Osmose, die es zwischen uns gibt, die bleibt, die tief bleibt…Als vor zwei Jahren Jean Francois und Monique (mitgekommen sind auf die Pélerinage nach Sachsenhausen) haben sie gesagt: ‚Wenn ihr wieder zusammenkommt, das ist wie, wenn Ihr Euch erst gestern getrennt hättet.‘ Und im Lager, das war genau das!“